„Skandal im Sperrbezirk“Erlangen zensiert die Falschen

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Markus Söder hat’s 2023 noch gefallen, die Spider Murphy Gang in der Residenz zum Neujahrsempfang vom „Skandal um Rosi“ singen zu lassen.
Markus Söder hat’s 2023 noch gefallen, die Spider Murphy Gang in der Residenz zum Neujahrsempfang vom „Skandal um Rosi“ singen zu lassen. Felix Hörhager/dpa

Wer den Spider-Murphy-Song auf eine „Warnliste“ für die Erlanger Bergkirchweih setzt, hat ihn komplett missverstanden, urteilt ein Münchner Leser.

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Kommentar „Erlangen macht sich lächerlich“ und „Das ist für mich ein persönliches Kulturgut“, beides vom 28. Mai, sowie „Ohne ,Skandal im Sperrbezirk‘“ vom 23. Mai:

Die Empfehlung der Erlanger Gleichstellungsstelle, den Song „Skandal im Sperrbezirk“ auf der Bergkirchweih in Erlangen möglichst nicht mehr zu spielen, wirkt bemerkenswert paradox und geschichtsvergessen. Denn gerade dieses Lied entstand als satirischer Kommentar auf eine besonders strenge und moralisch aufgeladene Politik der frühen 1980er Jahre.

Nachdem die CSU 1978 die Mehrheit im Münchner Stadtrat errungen hatte, wurde die Sperrbezirksverordnung erneut massiv verschärft. Unter dem damaligen Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler ging die Stadt rigoros gegen Sex-Clubs, Peepshows und Prostitution im Stadtgebiet vor. Straßenprostitution wurde weitgehend an den Stadtrand verdrängt. Genau diese Entwicklung griff die Spider Murphy Gang 1981 auf ihrem Album „Dolce Vita“ satirisch auf. Der Song „Skandal im Sperrbezirk“ wurde mit über 750 000 verkauften Exemplaren zum größten Erfolg der Band.

Damals reagierten der Bayerische Rundfunk und Dieter Thomas Heck moralisch empört auf einzelne Textzeilen und boykottierten das Lied. Aus heutiger Sicht gilt diese Aufregung vielen als Ausdruck einer übertriebenen Sittenstrenge jener Zeit.

Umso erstaunlicher ist es, dass heute erneut versucht wird, denselben Song aus moralischen Gründen problematisch erscheinen zu lassen — nur diesmal unter anderen ideologischen Vorzeichen. Was damals als übertriebene Sittenstrenge galt, scheint heute in neuer Form zurückzukehren: Nicht mehr konservative Moralwächter entscheiden, was als anstößig gilt, sondern Teile einer modernen Sensibilitätskultur.

Das Ergebnis ähnelt sich jedoch erstaunlich. Wieder werden Kunst und Musik vor allem danach bewertet, ob einzelne Begriffe oder Inhalte Anstoß erregen könnten. Wer Kunst und Popkultur allein nach aktuellen Empfindlichkeiten bewertet, blendet historische Zusammenhänge und satirische Ebenen aus. Gerade „Skandal im Sperrbezirk“ verherrlicht die damaligen Zustände nicht, sondern persifliert die Folgen einer restriktiven Politik. Deshalb wirkt die heutige Empfehlung weniger wie Fortschritt, sondern eher wie die Rückkehr eines alten Moralreflexes in neuem Gewand.

Dabei zeigt gerade „Skandal im Sperrbezirk“, wie sehr sich gesellschaftliche Aufregung im Rückblick relativiert. Ein Lied, das einst als „zu heiß“ galt, wurde später zu einem Kultsong der deutschen Popkultur. Wer heute erneut mit Warnhinweisen und Empfehlungslisten arbeitet, riskiert deshalb denselben Fehler wie damals: kulturelle Werke aus ihrem historischen und satirischen Kontext herauszulösen und moralisch zu überfrachten.

Eine freie und selbstbewusste Gesellschaft sollte auch provokante, ironische oder zeittypische Kunst aushalten können, ohne sofort mit Warnlisten oder kulturellen Empfehlungen zu reagieren.

Rudolf Hartbrunner, München

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