Ökologische Tierhaltung:"Der Bio-Landwirt ist sehr gefordert"

Ökologische Tierhaltung: Heinrich Rülfing aus Borken bewirtschaftet 108 Hektar Land und hält 900 Schweine.

Heinrich Rülfing aus Borken bewirtschaftet 108 Hektar Land und hält 900 Schweine.

(Foto: Rülfing)

Landwirte, die auf eine artgerechte Tierhaltung achten, erhalten staatliche Förderungen. Tierschützer verlangen jedoch noch höhere Standards.

Von Marcel Grzanna

Beim Kauf von Lebensmitteln sucht der Konsument nach Orientierung. Das Bio-Label soll hier bei der Auswahl der Produkte helfen. Doch auch hinter den Zertifikaten steht am Ende immer noch der Mensch. "Schwarze Schafe sind zwar die absolute Ausnahme, aber es gibt sie. Das gilt für die ökologische Tierhaltung genauso wie für konventionelle Betriebe, in denen staatliche Mindestanforderungen nicht erfüllt werden", sagt Heinrich Rülfing aus Borken im nordrhein-westfälischen Münsterland, einem der Zentren der deutschen Schweinezucht. Er bewirtschaftet 108 Hektar Land und hält 900 Schweine. Drei festangestellte Gesellen arbeiten für ihn, dazu mehrere Saisonarbeiter.

Rülfing ist einer der Mitbegründer des Aktionsbündnisses Bioschweinehalter Deutschland (ABD), das bislang 85 Landwirte vereint, die von verschiedenen Zertifizierern wie Demeter, Naturland oder Bioland kontrolliert werden. Ab Mitte November erwartet das Bündnis einen regen Zulauf, wenn es die Branche zu einer Fachtagung nach Bad Mergentheim bei Würzburg einlädt. Thema unter anderem: die neue EU-Bioverordnung, die 2022 in Kraft tritt. Es wird auch um die Marktsituation für die Bio-Landwirte gehen und wie sich deren Wertschöpfung optimieren lässt.

Der Politik war das Aktionsbündnis in der Vergangenheit häufig einen Schritt voraus. Schon seit Jahren empfahl das Aktionsbündnis seinen Mitgliedern die Kastration von Ferkeln nur unter Betäubung durchzuführen oder andere alternative Verfahren zu nutzen, die den Schweinen Leid ersparten. Doch erst seit Januar 2021 ist die Kastration ohne Betäubung in Deutschland verboten.

Tierschützer monieren, dass auch Ökobetriebe keine glücklichen Tiere zur Schlachtbank führten, sondern sie eher als eine Beruhigung des schlechten Gewissens von Konsumenten dienten. Haltung, Tötung, Entzug der Jungtiere - all das seien barbarische Akte, die ein Bio-Label nicht ungeschehen machen könnte. Auch die Lebensdauer der Tiere ist nur um wenige Wochen länger als das der herkömmlichen Zuchtschweine, die durch spezielle Fütterung mehr Gewicht in weniger Tagen zulegen. Ein anderer Kritikpunkt lautet, dass Bio-Schweine nicht zwingend gesunde Schweine seien, und die Zertifizierung als Ökofleisch nicht darüber aufklärt, dass manche Tiere trotz Bio-Vorgaben wegen der Umstände ihrer Haltung sehr krank werden können.

Die Ökolandbauverordnung der Europäischen Union ist zwar sehr präzise, wenn es darum geht, formale Kriterien zu formulieren wie die Größe von Ställen und Ausläufen, aber sie formuliert keine konkreten Forderungen, was beispielsweise die Hygiene angeht. Lediglich der Einsatz von Desinfektionsmitteln, die herkömmliche Betriebe zur Reinigung einsetzen dürfen, ist verboten. Wie oft der Bauer den Stall reinigen muss, steht dort zwar nicht, aber der Bio-Landwirt muss die Ställe konsequent sauber halten, um beispielsweise Wurmerkrankungen im Magen-Darm-Trakt der Tiere zu vermeiden.

Ökologische Tierhaltung: Heinrich Rülfing sieht auch den Verbraucher in der Pflicht.

Heinrich Rülfing sieht auch den Verbraucher in der Pflicht.

(Foto: Rülfing)

"Insgesamt sind die Tiere bei ökologischer und damit auch möglichst artgerechter Haltung gesünder. Der Bio-Landwirt ist beim Management aber auch sehr gefordert", sagt Christian Wucherpfennig vom Ökoteam der Landwirtschaftskammer NRW. Dazu trage auch das größere Platzangebot bei. Es gebe immer einzelne Betriebe auch im Biobereich, die nachbessern müssten, weil sie nicht konsequent genug seien.

Insgesamt stellt Wucherpfennig den deutschen Ökobetrieben ein ordentliches Zeugnis aus, auch wenn deren Standards nicht immer den hohen Ansprüchen der Tierschützer genügen. Wucherpfennig empfiehlt deshalb einen engeren persönlichen Austausch zwischen den Landwirten und den Aktivisten. Nur so könne mehr Verständnis für die Tierhalter geschaffen werden.

Für Bio-Schweinehalter Rülfing, der sich als Vertreter der Grünen im Kreistag Borken vornehmlich im Umweltausschuss engagiert, bedeutet die tägliche Reinigung der Ställe durch mehrere Mitarbeiter einen erheblichen Kostenmehraufwand. Der steigende Arbeitsbedarf durch die Bio-Kriterien wird durch einen höheren Schlachtpreis finanziert, der dann an den Konsumenten weitergegeben wird. "Die Wertschöpfung unter strengen ökologischen Bedingungen muss alle ernähren, die daran teilhaben. Andernfalls ergibt sie keinen Sinn", sagt Rülfing. Gefragt sei deshalb auch der Verbraucher, der bereit sein muss, für ökologisches Fleisch mehr zu zahlen.

Der Bund fördert Investitionen in artgerechte Tierhaltung über die Länder. Bis zu 40 Prozent der Nettobaukosten übernehmen die Landesregierungen. Das Land Niedersachsen zahlt zudem eine Ringelschwanzprämie pro Schwein, wenn auf das Kürzen der Schwänze verzichtet wird. In der Förderperiode 2019/2020 flossen den Haltern durch die Ringelschwanzprämie insgesamt 8,6 Millionen Euro zu. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Prämie für Strohhaltung. Bio-Kriterien bei der Aufzucht müssen die Landwirte für den Erhalt dieser Mittel jedoch nicht erfüllen. Landwirte, die ihre Ackerflächen auf ökologische Nutzung umstellen, kassieren bis zu 500 Euro pro Hektar, bei Grünflächen sind es bis zu 330 Euro.

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