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Kunsthaus Dresden:Grundnahrungsmittel

Zahlreiche Künstler und Künstlerinnen haben einen Brandbrief an die SZ zur Ehrenrettung des Kunsthauses Dresden geschrieben. Dabei geht es um den Fall des mutmaßlich fiktiven Künstlers Karl Waldmann.

Die im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Artikel zu den im Kunsthaus Dresden ausgestellten Grafiken des möglicherweise fiktiven Künstlers Karl Waldmann möchten wir als Künstlerinnen und Künstler, die seit einigen Jahren mit der Arbeit des Kunsthauses Dresden verbunden sind, kommentieren ("Der Kleber ist richtig alt" vom 6. Oktober und weitere Artikel). So hält Thomas Steinfeld die Collagen des Künstlers für Fälschungen und wirft dem Kunsthaus Dresden vor, durch das Ausstellen diese zu musealisieren und für den Kunstmarkt attraktiv zu machen. In mehreren Artikeln wurde in einer unpräzisen und für die Süddeutsche Zeitung ungewohnt tendenziösen Art und Weise mit Sprache und Inhalten umgegangen. Da wird das Kunsthaus Dresden wahlweise eine kleine kommunale Galerie, ein öffentliches Museum und eine kleine, recht unbedeutende Kunsthalle genannt.

De facto heißt die Institution "Kunsthaus Dresden - Städtische Galerie für Gegenwartskunst". Seit Jahren findet dort ein experimenteller Umgang mit Gegenwartskunst statt, und es gelingt, lokale Fragestellungen mit Diskussionen und Entwicklungen im internationalen Kunstkontext produktiv zu verbinden. Dies gibt auch die Perspektive für den Fall Waldmann vor, ist es doch gerade die Pflicht einer Institution wie dieser, die merkwürdigen und in ihrer Provenienz umstrittenen Arbeiten auf den Prüfstand zu stellen. Das ist geschehen, und die SZ hat angebissen, sich leider aber auch festgebissen in der Überzeugung, die Arbeiten könnten nur dann echt sein, wenn sie aus dem Umfeld des Dada stammten - andernfalls wären sie Fälschungen. Diese Vorstellung ist aus der Perspektive der Gegenwartskunst reichlich naiv, sind doch gerade Strategien des Kopierens, des "Make Believe", Experimente zur Verschleierung von Autorenschaft.

Das Kunsthaus Dresden leistet unter Christiane Mennicke seit Jahren eine außergewöhnliche Arbeit der Präsentation und Vermittlung von Kunst, die sich auf soziale und politische Inhalte bezieht. Dieser Ort ist im besten Sinn ein Experimentierfeld, das immer wieder neue Themen und Bevölkerungsgruppen zusammenbringt. Gerade in Dresden, das im Bereich Kunst gerne die strahlende, tourismuslastige Seite der Elbe betont, ist in Zeiten von Pegida eine derartig differenzierte Auseinandersetzung mit Kunst ein "kulturelles Grundnahrungsmittel".

Stephan Dillemuth, München; Martin Schmidl, München; Lisl Ponger, Wien; Amit Epstein, Berlin; Arye Wachsmuth, Wien; Maya Schweizer, Berlin; Clemens von Wedemeyer, Berlin; Thomas Kilpper, Berlin; Gergely László, Berlin; Manaf H, Dresden; Annette Weisser, Los Angeles; Margit Czenki, Hamburg; Christoph Schäfer, Hamburg; Dierk Schmidt, Berlin; Lysann Buschbeck, Berlin; Claire Waffel, Berlin; Seiichi Furuya, Graz; Florian Zeyfang, Berlin; André Tempel, Dresden; Eduard Freudmann, Wien; Dirk Lange, Dresden

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

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© SZ vom 14.10.2015
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