Ausstellung:Kunstwerke, die kaum jemand kennt

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Bln, AA, Trak Wendisch, Seiltänzer, Altbau, Hof 3; Ausstellung "70 Jahre Kunst am Bau"  --- ACHTUNG: TRAK WENDISCH IST BEI VG BILD!! VERWENDUNG MUSS VORHER DORT ANGEFRAGT WERDEN!!

Hoch über dem Innenhof des Auswärtigen Amtes in Berlin: Trak Wendischs Seiltänzer aus Aluminiumguss.

(Foto: Cordia Schlegelmilch/BBR/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Ob in Ministerien, Gerichten oder Kasernen: In den meisten staatlichen Einrichtungen stehen Kunstwerke, die für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Jetzt sind sie zu sehen.

Von Joachim Göres

Kunst am Bau - unter diesem Begriff entstanden seit 1950 in Ost- und Westdeutschland Wandmalereien, Skulpturen, Mosaike, Reliefs und andere von Künstlern gestaltete Werke an öffentlichen Gebäuden. Größter Auftraggeber ist der Staat als Bauherr bei Neubauten, Umbauten, Erweiterungen und Sanierungen. Die so in den vergangenen 70 Jahren entstandenen rund 10 000 Kunstwerke an Gebäuden des Bundes - darunter Ministerien, Botschaften, Gerichte und Kasernen - sind meist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Die vom Bundesinnenministerium organisierte Wanderausstellung "70 Jahre Kunst am Bau in Deutschland" stellt nun 59 dieser besonderen künstlerischen Arbeiten in Bild und Schrift vor.

Kunst am Bau - ein etwas irreführender Begriff, denn die Werke können sich auch davor, dahinter, darüber oder darunter befinden. Die Flächenskulptur "Insulaner" von Barbara Trautmann steht sogar im Grünen. Trautmann hat 2014 auf der Insel Riems in Vorpommern 189 orange Ikosaeder aus Stahlblech auf einer Wiese platziert, die an ein Virusmodell erinnern und damit Bezug zur Insel nehmen: Dort ist das Friedrich-Loeffler-Institut angesiedelt, das sich mit Tierseuchen und virologischer Forschung beschäftigt. Eine Installation in kräftigen Farben, die nur die rund 150 Beschäftigten beim Blick aus ihren Laboren vor Augen haben - aus Sicherheitsgründen darf niemand anderes auf die Insel.

Ganz unscheinbar wirken dagegen zwei Schieferbänke auf der Freifläche des 1999 eröffneten Bundesarbeitsgerichts in Erfurt. Ian Hamilton Finlay hat in die eine Bank einen Vers des römischen Dichters Horaz im Original eingemeißelt, die deutsche Übersetzung findet sich auf der zweiten Bank daneben: "Da, wo ehemals Ruder die hohen Wellen teilten, da lockert jetzt der Pflug das Land." Diesen Text entdeckt man nur, wenn man direkt vor der Bank steht. Ein Kunst-am-Bau-Werk, das durch seine minimalistische Tendenz gut zum viergeschossigen schnörkellosen Neubau aus Sichtbeton und Naturstein passt.

Der Gang über den roten Teppich ist zugleich ein Blick in die Geschichte

Hoch über dem Innenhof des Auswärtigen Amtes in Berlin hat der Maler und Bildhauer Trak Wendisch 2001 ein Drahtseil gespannt, an dem er zwei zweieinhalb Meter große schlanke Figuren aus Aluminiumguss befestigt hat. Der eine Seiltänzer steht aufrecht mit langen, ausgebreiteten Armen auf dem Seil, der andere hängt in identischer Haltung mit dem Kopf zu Boden blickend unter dem Seil. Sie schreiten in entgegengesetzte Richtungen - und scheinen damit die wechselvolle Geschichte des Gebäudes zu symbolisieren, das einst Sitz der Reichsbank und später des DDR-Finanzministeriums und des SED-Zentralkomitees war.

Wer in Berlin das Bundesverteidigungsministerium betritt, wird seit 2002 von einem roten Teppich empfangen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich dem Betrachter ein Luftbild des durch den Zweiten Weltkrieg zerstörten Viertels rund um den heutigen Amtssitz, in dem einst das Oberkommando der Wehrmacht seine Befehle gab. Der Teppich von Via Lewandowsky weist durch seine blutrote Farbe auf die Grausamkeit des Krieges hin.

In der einstigen sozialistischen Vorzeigestadt Halle-Neustadt wurde das zwölfstöckige Lehrlingswohnheim - heute befindet sich hier das Einwohnermeldeamt - 1974 mit zwei 37 Meter hohen und sieben Meter breiten Fliesenmosaiken von Josep Renau gestaltet. Ganz oben thront Karl Marx, darunter symbolisieren unter anderem eine Rakete und Mikroskope den Fortschritt.

Das Verdienst der Ausstellung ist es, dass sie der Öffentlichkeit Kunstwerke zeigt, die ihr sonst meist verborgen bleiben - was auch die Frage aufwirft, warum die Kunst am Bau eigentlich häufig so platziert wurde, dass sie nur wenige Menschen betrachten können. Die Schwäche der Ausstellung offenbart sich in der politischen Botschaft, die so formuliert wird: "Im Gegensatz zur DDR gab es in der Bundesrepublik kein festgelegtes Bildprogramm oder eine direkte Einflussnahme durch ranghohe Politiker*innen, Parteien oder die Bauverwaltung."

"Wir waren ja bereit - aber die Gesellschaft hatte kein Interesse"

Als Beweis für diese Aussage wird im Katalog der Neubau des Bundesrechnungshofes in Frankfurt/Main 1953 angeführt, für den der renommierte Künstler Eberhard Schlotter im Foyer ein Wandbild mit Stadtmotiven aus Potsdam schaffen sollte. "Die öffentlich geäußerte Kritik des Präsidenten an den erzählerischen Figurengruppen anstelle rein topographischer Motive führte lediglich zu einer geringfügigen Modifizierung des 1953 fertiggestellten Sgraffitos", heißt es beschwichtigend.

Tatsächlich kritisierte Rechnungshofpräsident Josef Mayer bei der Eröffnung in seiner Festrede das Wandbild heftig wegen der "verspielten Darstellung" und bewirkte, dass Schlotter Liebespaare durch Brücken und Brunnen ersetzen musste. Mayer wollte mit der Darstellung von imposanten Bauten aus Potsdam an die Vorgängerbehörde erinnern, die bis 1945 ihren Sitz in Potsdam hatte, und sich in ihre Tradition stellen - auch wenn der Rechnungshof des Deutschen Reiches maßgeblich an der Enteignung der Juden und an der Ausplünderung der im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebiete beteiligt war.

Schlotter war dagegen kein Freund von pompösen Gesten, sondern wollte mit seinen Wandbildern Lebensfreude vermitteln. Sein Fazit nach zahlreichen Kunst-am-Bau-Projekten: "Wir waren ja bereit - aber die Gesellschaft hatte kein Interesse an den Ideen der Künstler. Ich verabschiedete mich von der einträglichen Wandmalerei und ging nach Spanien."

Die Ausstellung ist in Rostock zu sehen (bis 1.8., Rathaushalle), in Halle/Saale (5.8. bis 12.9., Händelhaus), Hochschule Bremen (18.9. bis 31.10.), im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (4.11. bis 5.12.) und in der Volkshochschule Hannover (6.01.2022 bis 8.02.2022). Mehr unter www.Museum-der-1000-Orte.de sowie www.bbr.bund.de/BBR/DE/KunstamBau/70-jahre-kunst-am-bau-in-deutschland.html

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