"Ich bin Afghanin, aber in Iran geboren und aufgewachsen. Seit acht Jahren lebe ich in Deutschland. Zu Hause habe ich mich nie irgendwo gefühlt. Ich habe sehr oft Heimweh nach Heimat. Iran hat mir nicht das Gefühl von Heimat gegeben, weder die Schule noch die Lehrer. Auch hier in Deutschland fühle ich mich nicht zugehörig mit all meiner Sehnsucht nach Afghanistan. Es ist schwer zu erklären: Irgendwie habe ich mein afghanisches Blut, mein afghanisches Leben mitgenommen. Ich stell' mir oft vor, dass ich dort dieselbe Sprache wie alle spreche, dass ich mich frei und unbeschwert auf der Straße bewegen kann. Dabei stimmt das ja überhaupt nicht. Ich weiß, dass ich in Afghanistan nicht in Sicherheit wäre. Vor allem nicht, seit die Taliban das Land 2021 übernommen haben. Seitdem sind Mädchen und Frauen aus der Öffentlichkeit verschwunden, mussten ihre Wünsche begraben, wurden ermordet. Und wieder sind viele auf der Flucht, werden weg- und weitergeschickt wie gerade in Pakistan. Flüchten, flüchten, immer nur weiter. Wo können afghanische Menschen sicher leben? Wäre ich in Afghanistan, wäre ich unfrei und längst verheiratet. Ich würde weggesperrt, dürfte nicht lernen. Hier in Deutschland will ich Abitur machen und studieren. Außerdem habe ich einen Minijob bei einem Verein, der sich um geflüchtete Menschen kümmert. Ich ordne und bearbeite Dokumente von Menschen aus Afghanistan, die nach Deutschland kommen wollen. Dabei lese ich von Frauen, die studiert haben, die sich für Frauenrechte einsetzen, sich gegen Kinderheirat wehren und Unschuldigen helfen. Es macht mich stolz und traurig zugleich, weil sie sich verstecken, weil sie flüchten müssen. Diese Frauen riskieren ihr Leben, das soll nicht umsonst sein. Hier bin ich in Sicherheit, kann auf die Straße gehen, meine Meinung sagen. Das will ich nutzen und nicht nur für meine Freiheit kämpfen, sondern für unsere."
KriegMitgenommen
Lesezeit: 1 Min.

Wer flüchtet, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Negin, 19, aus Herat in Afghanistan. Sie lebt seit acht Jahren in Tübingen.
Protokoll von Marianne Mösle