"Dieses Hemd habe ich als Erinnerung an meine Heimat behalten. Und auch als Erinnerung an meine eigene Stärke. Es ist nämlich nicht einfach nur ein Stück Stoff, das mir viel zu klein geworden ist. Es steckt eine Geschichte dahinter, denn ich habe es während der ganzen Reise nach Deutschland getragen. Damals war ich gerade mal vier Jahre alt und habe vieles nicht verstanden: Wohin gehen wir? Was erwartet uns dort? Warum können wir nicht zu Hause bleiben? Der Weg nach Deutschland war sehr schwer, ich erinnere mich an eisige Kälte und hohe Berge. Für ein kleines Kind wie mich war das schon sehr hart. Aber wir waren nicht allein, sondern eine Gruppe von 15 bis 20 Personen und haben uns gegenseitig unterstützt. Wir sind aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, weil dort wieder Krieg ausgebrochen ist. Die Gewalt hat viele aus meiner Familie vertrieben. Meine Tante zum Beispiel lebt schon lange in Amerika und mein Onkel in Kanada. Meine Eltern aber wollten nach Europa. Nun sind wir schon seit acht Jahren in Deutschland, und ich habe mich hier gut eingelebt. Das verdanke ich auch meiner Mutter, die in Afghanistan als Englischlehrerin gearbeitet hat. Und meinem Onkel, der englische Literatur studiert und uns überall unterstützt hat. Dadurch mussten wir nicht ganz bei null anfangen. Während eines Deutschkurses fanden meine Eltern eine Freundin namens Monika, mit der wir nach all den Jahren immer noch befreundet sind. Sie hat uns sehr geholfen und so lernte ich nach und nach Deutsch. Ich fand mich recht schnell zurecht und hatte nie Probleme in der Schule. Perfektes Hochdeutsch kann ich zwar noch nicht und Deutsch in der Schule finde ich schon schwierig, aber ich gebe mir Mühe. Nebenbei spiele ich Fußball. Der Sport ist meine große Leidenschaft und hat mir sehr geholfen. Ich habe dort Freunde gefunden und kann beim Kicken vom Alltag abschalten. Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann, Profispieler zu werden? Das ist mein großer Traum, dann könnte ich meiner Familie helfen."
KriegMitgenommen
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Wer flüchtet, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Amir, 12, aus Herat in Afghanistan. Er lebt seit acht Jahren in Unterfranken.
Protokoll von Leonie Georg