"Am liebsten hätte ich meinen alten Computer mitgenommen. Mein Chef von der Nähfabrik in Istanbul hat ihn mir geschenkt, der war sehr nett. Damit ich am Wochenende ein bisschen Spaß habe, hat er gesagt. Seit zwölf Jahren ist jetzt Krieg in Syrien, vor zehn ist meine Familie aus Aleppo geflohen. Damals war ich erst acht Jahre alt. Viele Bilder sind aber noch in meinem Kopf: Ich habe eine Melone auf dem Markt geholt. Links und rechts wurde geschossen, ich musste mittendurch rennen. In der rechten Hand habe ich die Melone getragen und mit der linken meine Hose festgehalten, die zu groß war und runtergerutscht ist. Komisch, ich hatte keine Angst. Am Straßenrand lag eine Frau, vielleicht tot, mit einer Einkaufstüte, aus der das Gemüse gefallen ist, aber ich habe die Melone nicht fallen lassen. Nach unserer Flucht waren wir zuerst in Istanbul. Aus dieser Zeit stammt das Foto hier oben. Das Geld, das unser Vater dort verdient hat, hat nicht gereicht für Miete, Wasser und Strom. Also habe ich angefangen zu arbeiten. Ich wollte helfen. In die Schule bin ich nie gegangen, nicht einen einzigen Tag. Stattdessen habe ich in einer Fabrik T-Shirts, Hosen und Pyjamas genäht. 13 oder 14 Stunden am Tag, drei Jahre und sechs Monate lang. Das weiß ich so genau, weil ich Tagebuch schreibe. Arabisch habe ich alleine gelernt, am Wochenende an meinem alten Computer. Natürlich habe ich auch gezockt. GTA: San Andreas, das war toll. Die Arbeit war schwer. Am schwersten waren die Kartons mit den Klamotten, die wir zum Lkw schleppen und aufladen mussten. Meine kleinen Cousins machen das immer noch. Die Lkw fahren vielleicht auch nach Deutschland. Die UN haben meine Familie ausgewählt, wir durften nach Deutschland fliegen. Da war ich 13 und bin in Tübingen zum ersten Mal in meinem Leben in die Schule gegangen. Mit 17 habe ich den Hauptschulabschluss gemacht, dann die mittlere Reife versucht. War noch zu schwer. Jetzt arbeite ich im Schichtdienst einer Firma. Aber ich habe mich wieder in der Schule angemeldet. Mein Traum ist es, Lokführer zu werden. Den alten PC musste ich in Istanbul lassen, Tagebuch schreibe ich am Handy."
KriegMitgenommen
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Wer flüchtet, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Ezzedin, 18, aus Aleppo in Syrien. Er lebt seit fünf Jahren in Tübingen.
Protokoll von Marianne Mösle