"Meine Mutter hab ich mitgenommen, sie hat mich mitgenommen, wir haben uns mitgenommen. Kann man so sagen. Ich war 17, mit meiner Mutter allein, wir hatten Angst. Wir sind Jesiden, lebten im Norden des Iraks, verfolgt vom Islamischen Staat. Viel mitnehmen konnten wir nicht. Wasser war wichtig, Nüsse, Mandeln, alles, was satt macht. Und ja, ich habe auch ein Buch eingepackt. Meine Freundin hat es mir zum Abschied geschenkt, als sie ein Jahr vor mir aus dem Irak geflüchtet ist. Ist aber privat, nichts fürs Foto! Alles, was wir zusammen erlebt haben, hat sie darin aufgeschrieben. Einmal haben wir Fußball in der Schule gespielt, ich habe mir den Rock zerrissen und musste nach Hause, mich umziehen. Meine Freundin ist nicht mitgekommen und hat sich im Buch dafür entschuldigt. Das war cool. Wir waren wie Schwestern. Das Buch habe ich immer noch, manchmal lese ich darin, aber Freundinnen sind wir leider nicht mehr. Am Anfang war es schwer in Deutschland, wir waren fremd, ich hatte so eine Sehnsucht nach Sprache. Ich wollte verstehen und verstanden werden. Unbedingt Deutsch lernen. Vor drei Jahren war mein erster Schultag hier in Tübingen, jetzt habe ich an der Wilhelm-Schickard-Schule meine Mittlere Reife bekommen, als Jahrgangsbeste. Immer habe ich gelernt, zehn Stunden am Tag, hab Podcasts gehört, beim Joggen, beim Kraftsport. Weil ich weiß, was ich will: frei sein, unabhängig sein, Abitur machen, Polizistin werden."
KriegMitgenommen

Wer flieht, muss viel zurücklassen. Hier erzählen Kinder und Jugendliche, was sie retten konnten. Diesmal: Zekra, 20, aus Shexka im Nordirak. Sie lebt seit dreieinhalb Jahren in Tübingen.
Protokoll: Marianne Mösle