Kork:Das Wundermaterial

Eine geschälte Korkeiche auf einer Wiese

Stofflieferant: eine Korkeiche mit den typischen Schälspuren.

(Foto: Dieter Medzigall/imago)

In der Gallura nutzt man die Eichenrinde seit ewiger Zeit - zur Dämmung oder als Verschluss. Und jetzt gibt es sogar Kork-Bikinis

Von Helmut Luther

Hat man in der Industriezone von Tempio Pausania den algengrünen Rio Parapinta überquert und nähert sich dem Gitter vor einer gemauerten Halle mit Flachdach, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, was der Mann auf dem Gabelstapler dort quer über das Werkgelände transportiert. Die hochgetürmte Last auf der Palette schwankt bei jeder Geländeunebenheit bedenklich hin und her. Sind das angerostete Metallplatten? Oder Bretter? Falsch - es handelt sich um Korkrinde. Antonello Meloni, der Mann auf dem Stapler und Mitinhaber der Firma TP Cork Solutions SRL S, hat die Korkrinde gerade etwa eine Stunde im Wasserbad gekocht. Durch die Prozedur wurden die Bakterien abgetötet, das Material ist nun geschmeidig und kann weiter verarbeitet werden. Drinnen in der Werkhalle zerlegt Meloni die Brocken mit einer mannshohen Schneidemaschine, je nach Verwendungszweck in zentimeterdicke oder papierdünne Schnitten. Auf Seide, Baumwolle oder Synthetikmaterial aufgebracht, wird der Kork aufgerollt und als Meterware verkauft.

"Wir haben hier einen Lamborghini innen ausgekleidet - Türen, Schaltknäufe, Lenkrad, Sitze, Armaturen, alles aus Kork", sagt Antonello Meloni stolz. In einem Raum nebenan zeigt er, was in der Korkfabrik alles hergestellt wird: Rucksäcke, Handtaschen, Geldbörsen, Koffer, Schildmützen, Hüte und Krawatten. "Kork ist extrem vielseitig", erklärt Meloni und klaubt vom Boden neben der Schneidemaschine einige Reste auf: längliche Schnipsel, die er knetet, um die Robustheit und Elastizität zu demonstrieren. Dann zieht Meloni die Schnipsel an den Enden auseinander und flicht sie zu einem Zopf. Kork sei wasserabweisend, sagt er. "Außerdem atmungsaktiv, antiallergisch und zu hundert Prozent biologisch - ein veganes Leder, natürliches Gore-Tex!"

Schon immer wurde in der Gallura, der dünn besiedelten Region im Nordosten Sardiniens, Kork verarbeitet. Quercus suber, eine immergrüne Eichenart, wächst in der Gallura wild auf steinigen Böden. Fährt man bei Tempio Pausania, dem historischen Zentrum der Region, über die kurvenreichen Straßen, leuchten überall in der Landschaft die kupferroten Stämme geschälter Eichen. Die Bäume, die 400 Jahre alt werden können, säumen den Straßenrand, als knorrige Solitäre stehen sie auf Weiden, wo Pferde und Schafe unter ihrem Schatten ruhen. "Schon die Nuragher, die Urbewohner Sardiniens, isolierten ihre aus Steinblöcken errichteten Häuser mit Kork", erzählt die Führerin im Korkmuseum von Calangianus. Ein Großteil des in der Gallura gewonnenen Korkes wurde als Flaschenverschluss verwendet. "Nur mit echtem Korkverschluss, weil er so atmen kann, reift edler Wein", sagt die Museumsführerin. Die ältere Frau erinnert sich noch an die Zeit, als es rund um Tempio Pausania etwa 300 Korkfabriken gab, in den meisten wurden Flaschenverschlüsse hergestellt. Heute seien es noch höchstens 20. "Andere Materialien sind billiger, so wurde Kork mehr und mehr als Flaschenstöpsel verdrängt."

Als Rohstoff mit 100 Prozent positiver Ökobilanz hat Kork jedoch Potenzial. So sieht es auch Anna Grindi. Ihr Atelier "Suberis" in Tempio Pausania liegt in der Via Roma, gleich hinter der Kathedrale San Pietro. Anna Grindi hat einen Korkbauern geheiratet. Als gelernte Schneiderin fing sie an, mit dem Material zu experimentieren. Die Mittsiebzigerin drückt Besuchern ein hellbraunes Täschchen in die Hand: sieht aus wie Leder, fühlt sich auch so ähnlich an, riecht aber eher nach nichts - es ist Kork. In den Regalen hinter der Theke hat Grindi Schuhe, Hüte, Taschen und Kissen ausgestellt. An Schaufensterpuppen hängen elegante Kleider. "Alles pflegeleichte Einzelstücke", sagt die Geschäftsinhaberin. Die mit Kunstperlen bestickten Bikinis auf einer Kleiderstange - sind die auch aus Kork? Man glaubt, ein Seidentüchlein in der Hand zu haben. Für ihre Kreationen bekam Anna Grindi schon etliche Preise. Als sie den Laden vor einem Jahr umbauen wollte, befürchtete sie endlose Behördengänge. Stattdessen ging alles ganz schnell, erzählt sie. In Tempio Pausania öffnet Kork auch Türen.

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