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Konjunktur:Wie viel Wachstum ist nachhaltig?

Ökonomen beantworten Fragen nach einer Wirtschaftsflaute immer häufiger mit dem Ruf nach staatlichen Programmen, monieren Leser. Das sei zu wenig, positive Aspekte eines Null-Wachstums für alternde Gesellschaften blieben außen vor.

Containerbahnhof Ulm

Symbol für die Wirtschaftskraft eines Exportlandes: Umschlagbahnhof für Container in Ulm.

(Foto: dpa)

Zu "Sind wir noch zu retten" vom 28./29. September:

Weiter-so hat ausgedient

Ein voller Reisebus rast auf eine kaputte Brücke zu, und der Fahrer will heftig auf die Bremse treten. Er steht aber mit seinem Unternehmen in Kontakt und von dort verbietet man ihm die Vollbremsung, weil einige Fahrgäste sich mit Getränken bekleckern könnten oder ihnen das Handy aus der Hand fallen könnte. Eine bizarre Vorstellung? Warum kommt mir das Bild bei der Diskussion mit den führenden Ökonomen?

Seit Kurzem scheint die Politik zu begreifen, dass ein Weiter-So-Modell für unsere Gesellschaft zum ökologischen Absturz führen wird. Die Fakten sind überwältigend, scheinen aber drei unserer Ökonominnen und Ökonomen nichts zu bedeuten. Nur Sebastian Dullien hält ein wenig dagegen und fordert ein "Dekarbonisierungsprogramm für die Wirtschaft". Den anderen drei Weisen steht der Sinn nach Erleichterungen für Unternehmen, damit die Unglücksfahrt an Tempo wieder zunimmt. Wen wundert da der wachsende Zorn der Jugend?

Hermann Pütter, Neustadt

Jugend statt Experten fragen

Ich befürchte, dass die vier Ökonomen alle falsch liegen, da sie von einer falschen Voraussetzung ausgehen: Es handelt sich um die momentane Schwäche der deutschen Wirtschaft, nicht um ein temporäres Phänomen, welches unter Einsatz der geeigneten Gegenmittel schnell beseitigt werden kann, sondern um eine grundsätzliche Veränderung in der Welt, die an den Grenzen des Wachstums angekommen ist.

Beispiel: Davon zu träumen, dass man mit geeigneten Maßnahmen der Automobilbranche wieder aufhelfen kann, ist eine pure Fantasie, denn die Menschen in den reichen Staaten verbrauchen schon deutlich mehr als das, was die Erde für alle bereitstellen kann. Und sie bringen die weltweiten Ressourcen an den Rand der Erschöpfung, auch indem sie die Länder, in denen es noch wenige Autos gibt, mit diesen und anderen Produkten beglücken - denn damit steigen die weltweiten Emissionen immer weiter. Was ist, wenn wir die momentane "Schwächephase" der Wirtschaft überwunden haben und in einem Jahr in die nächste Schwächephase eintreten? Ein "angeschlagener Marathonläufer" wird nicht dadurch wieder fit für die nächsten Kilometer, indem er oder sie Kräfte steigernde Medikamente einnimmt, denn der endgültige Zusammenbruch passiert irgendwann und garantiert, wenn mit den Kräften nicht ökonomisch umgegangen wird.

Ich bezweifle immer mehr, dass man auf die sogenannten Experten noch hören kann, denn sie sagen einem, was man hören will oder "sie sind weg vom Fenster", also nicht mehr gefragt. Einzig Jugendliche sind noch unverdächtig. Wie heißt es doch so schön: "Kinder und Narren sagen die Wahrheit!"

Erich Würth, München

Weniger ist mehr

In der BRD dürfte es demnächst mehr Arbeitslose geben, da unser Wachstum sich abschwächt und eine "echte" Rezession droht. Ist das wirklich erstaunlich in einer der wohlhabendsten Volkswirtschaften, leider mit schrumpfender Bevölkerung, wenn keine Zuwanderung erfolgt?!

Hier müssen jedenfalls Ökonomen her, die dem Staat mit Rat zur Seite stehen! Es finden sich in dem Artikel die üblichen Hinweise: direkte oder indirekte (bessere Abschreibungsmöglichkeiten), Steuererleichterungen für Unternehmen, denn sie fördern - so die Theorie - die Investitionsbereitschaft und damit das Wachstum und die Beschäftigung. Warum die hiesigen Unternehmen die derzeitige Null-Zins-Politik der EZB nicht begeistert für Investitionen nutzen, das wird nicht hinterfragt.

Fremdkapital ist so günstig, dass fremdfinanzierte erfolgreiche Investitionen die Eigenkapitalrendite steigern könnten. Neu ist, dass immer stärker auch die staatliche Innovations- und Industriepolitik eingefordert wird. Die gelobte soziale Marktwirtschaft, in der der Staat den Ordnungsrahmen setzt, aber die Unternehmen ihre Entscheidungen treffen, wird offensichtlich mehrheitlich als Folge der weltwirtschaftlichen Veränderungen (China-Faktor!) als eine stärker staatlich gelenkte soziale Marktwirtschaft gewünscht. Bei den staatlichen Investitionen sind alle mit den üblichen Investitionsempfehlungen dabei, es sollte aber auch die Pflege und Unterhaltung der getätigten Investitionen berücksichtigt werden.

Bei den Fragestellungen an die Ökonomen - und auch bei deren Antwort - fehlt mir jedoch völlig die Auseinandersetzung mit einer Volkswirtschaft, deren Bevölkerung schrumpft beziehungsweise die aufgrund ihres erreichten Wohlstandsniveaus den Weg des Null-Wachstums gehen will, um ein nachhaltiges Leben auf der Erde zu sichern.

Johannes Lakes, Oberhausen

Am Gemeinwohl orientieren

Ich frage mich, warum wir weiter an dem Postulat des Wirtschaftswachstums festhalten. Wer sich ernsthaft mit der Zukunft beschäftigt, dem dürfte aufgrund des Klimawandels und mathematischer Kenntnisse eine Wachstumsstrategie nur zuwider sein. Mal abgesehen davon, dass bei der Berechnung des Wachstums die Zerstörung der Natur, die Ausbeutung der Menschen, der Zerfall von nicht mehr genutzten Gütern sowie Industrieanlagen und Gebäuden oder der Unfallschaden nicht negativ, sondern positiv eingerechnet wird, zeigt schon die Mathematik, dass unbegrenztes Wachstum nicht möglich ist.

Mir gefallen die Ideen der Postwachstums-Ökonomie, die sich an Nachhaltigkeit und Gemeinwohl orientieren. Die nur symbolische schwarze Null bedeutet, weiter auf einem Schuldenberg zu sitzen, den künftige Generationen, welche die Umweltzerstörung und die Folgen der Erderwärmung spüren, zu tragen haben. Daher führt meines Erachtens kein Weg vorbei an einem Transformationsprozess sowohl in der Industrie, als auch der Gesellschaft.

Wir müssen neue Wege gehen, um allen Menschen, überall auf der Welt, lebenswerte Bedingungen zu verschaffen. Da ist klassisches Wirtschaftswachstum nur hinderlich, denn nur durch technologische Lösungen werden wir es vielleicht kurzfristig wieder steigern können, aber damit werden anstehende Problemlösungen nur aufgeschoben.

Michael Beck, Wolfenbüttel