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Klimawandel:Auch Ingenieure können die Welt nicht retten

Unter Climate Engineering versteht man technische Maßnahmen, die unser Klimasystem verändern. Einige Leser bezweifeln jedoch dass es dadurch gelingen kann, die Erderwärmung zu verhindern.

Zu "Die Weltreparatur", 18./19. Januar:

Wer mit dem Gedanken Climate Engineering spielt, sollte sich vorher bewusst machen, dass bisher noch alle Ingenieurs-Großprojekte von Unfällen und Katastrophen begleitet wurden: Raketen, Flugzeuge, Atomkraft etc. Der Grund dafür ist einfach: Auch Ingenieure machen Fehler. Das größte Sicherheitsrisiko sind Manager, die glauben, sie wären ohne Fehler.

Bei technischen Produkten lernen wir aus den Fehlern und können das Produkt verbessern. Beim Klima ist das anders: Die Wirkmechanismen sind so komplex, dass niemand weiß, welche Folgen er auslöst, wenn er an einer Stelle "eine Schraube dreht", zum Beispiel mit einem Flugzeug in der Atmosphäre reflektierende Aerosole ausbringt. Auch können wir aus Fehlern nichts lernen, weil wir das System nicht verstanden haben.

Die Gefahr, dass wir ungewollt eine irreparable Katastrophe auslösen und die Folgen nie mehr einfangen können, ist groß. Ingenieure sind nur Menschen, keine Götter. Climate Engineering ist unverantwortlich, man sollte die Finger davon lassen!

Prof. Dr.-Ing. Albert Staudt, Bruckmühl

Die Autoren Tim Schröder und Dalila Keller schreiben völlig zu Recht von Wissenschaftlern, die von einem an Hybris grenzenden Vorhaben sprechen, das Klima manipulieren zu wollen. Bei den vorgestellten Reparaturszenarien des sogenannten Climate Engineering wird völlig außer Acht gelassen, dass Prozesse und Strukturen innerhalb der Ökosysteme des Planeten Erde in komplexen Beziehungen ablaufen und somit nicht linear vorherzusagen sind. Die Forscher, die am Ende des Artikels angesichts der Dringlichkeit eines globalen Handlungsbedarfs eine schnelle Erforschung und gegebenenfalls spätere internationale Verhandlung verschiedener Climate-Engineering-Technologien einfordern, verharren jedoch weiterhin in jenem reduktionistischen sowie mechanistischen Weltbild, das mit seinem in linearen Zusammenhängen denkenden Beherrschungswahn erst die Zerstörung wichtiger Ökosysteme hervorgebracht hat.

Nichts weniger als eine komplette Abkehr von diesem Weltbild wird nötig sein, um unsere Mitwelt lebenswert zu erhalten: Es geht um die Abkehr vom ständigen Wachstumspostulat des menschlichen Wirtschaftens und um die Hinwendung zu einem neuen Verständnis eines lebendigen Planeten, der als zusammenhängendes ökologisches Wesen begriffen werden sollte.

Erst wenn die Menschheit diesen Planeten so behandelt und infolgedessen seine Ökosysteme geheilt werden können, wird sie in Zukunft nicht unter künstlichen Atmosphären mit separierten Biotopen leben müssen. Es genügt also nicht, das Klimaproblem auf die CO₂- beziehungsweise Treibhausgas-Problematik zu reduzieren.

Marco Kubacki, Rheinstetten

© SZ vom 21.02.2020
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