NachhaltigkeitKlimaschutz, neu betrachtet

Lesezeit: 5 Min.

Karin Mihm

Ist es wirklich schädlicher fürs Klima, wenn man mit Holz heizt statt mit Öl? Und warum sollte der Konsum von Rindfleisch mit mehr Treibhausgasen verbunden sein als der von Geflügel? Ein Artikel mit Tipps für einen klimafreundlichen Alltag löst bei SZ-Lesern Verwunderung aus.

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„Was nutzt dem Klima wirklich?“ vom 27. Juli:

Pellet ist nicht gleich Pellet

In der Süddeutschen Zeitung finden sich unter der Überschrift „Was nutzt dem Klima wirklich?“ aus meiner Sicht eine Reihe problematische Angaben. Ich greife nur eine hier heraus, die Aussage zur Holzpelletheizung: durchschnittlicher CO₂-Ausstoß pro Kopf pro Jahr 5580 Kilogramm CO₂. Als Besitzer einer Holzpelletheizung, der Wert darauf legt, dass die gekauften Pellets aus der Region und aus Sägeresten hergestellt werden, frage ich mich, ob die Aussage der Süddeutschen Zeitung stimmt, dass eine durchschnittliche Pelletheizung deutlich mehr CO₂ emittiert als eine Ölheizung mit 4760 Kilogramm CO₂ im Jahr. Wurde bei der Berechnung zum Beispiel berücksichtigt, dass Sägeabfälle, wenn sie verrotten, ebenfalls CO₂ freisetzen. Wurde unterschieden, ob für Pellets Wald gerodet wurde oder Sägeabfälle genutzt wurden?

Gerhard von Hinten, Margetshöchheim

Bescheidenheit und Genügsamkeit

Vielen Dank für den Versuch einer Orientierungshilfe beim individuellen Klimaschutz. Sie zeigt aber auch Grenzen auf, wenn man nur auf den CO₂-Ausstoß schaut. So stellt die Fleischbilanz das Rind ins Abseits, dabei geht es doch viel stärker um Tierwohl und Haltungsformen, und zum Rind gehört die Kuh, also unser exorbitanter Milch- und Milchprodukte-Konsum. Sollte man die Tierhaltung nicht wieder an die landwirtschaftliche Fläche binden, wie früher? Überrascht war ich über das Wildfleisch, welches nun gar nicht in die Klimadiskussion passt, denn es kommt natürlich vor, sodass jedes Reh und jeder Hirsch auf dem Teller dem Aufbau stabiler Wälder nützt. Also doch ein Nutzen fürs Klima.

Interessant, dass Sie auf der einen Seite für ökologisches Bauen mit Holz werben – richtig. In den Erläuterungen zur Berechnung sprechen Sie aber gleichzeitig dem Holz ab, noch ein nachwachsender Rohstoff zu sein. Das gelte „heute nicht mehr“. Erst mal ist es doch Naturgesetz, dass Bäume immer wieder nachwachsen, wenn man sie denn lässt und den Wald nicht rodet.

Warum wird suggeriert, dass es 80 Jahre braucht, bis ein für Brennholz entnommener Baum wieder genutzt werden kann? Wenn für die Holzpelletherstellung ganze Wälder gerodet werden wie in Nordamerika, mag das ja zutreffen. Wenn Pellets lediglich aus Sägewerksabfällen und Waldresthölzern hergestellt werden, dann vermindern sie den Bedarf an fossilen Brennstoffen, während die Wälder gleichzeitig weiterwachsen und CO₂ binden. Aber es gilt auch: Pellets und Brennholz kann es nur begrenzt geben, wenn Wälder nachhaltig bewirtschaftet werden. Ist das nicht ein Kernproblem, dass wir nicht mehr wissen, dass es Dinge nur begrenzt gibt? Warum haben wir in der Klimawandel-Diskussion nicht eine Diskussion um mehr Bescheidenheit und Genügsamkeit? Ich werde jedenfalls weiterhin mit Brennholz aus meinem kleinen Wald den Verbrauch fossiler Energie gering halten, auch wenn meine Nachbarn zum Familienurlaub nach Florida jetten oder wochenlang auf Kreuzfahrt gehen.

Rainer Städing, Oldenburg

Ohne Rind keine Alm

Wir brauchen einen monatlichen Ernährungskorb, der zu der Region passt, in der man lebt. Was Fleisch anbelangt, müssen wir so viel Rindfleisch essen, wie durch die Produktion von Milch entsteht, plus das Rindfleisch, das durch Mutterkühe in der Landschaftspflege entsteht. Etwas Geflügel und Schweinefleisch ist auch okay. In Summe dürfte die Menge ein Drittel bis ein Viertel von heute sein.

Die SZ ist in München stationiert, und viele Leserinnen und Leser fahren am Wochenende in die Berge und Seen. Die Voralpenregion hat Grünland, das sich nur sinnvoll mit Rindern bewirtschaften lässt. Ohne Rinder gäbe es keine Kulturlandschaft und Almen. Um es deutlich zu sagen: Wochenendausflug und Veganismus passen nicht zusammen. Die Almen würden innerhalb weniger Jahre zuwachsen und verbuschen. Und ein Kuhfladen ist ein Gourmetteller für Insekten und Bodenlebewesen. Das ausgeklügelte System Kuh-Weide-Insekten-CO₂-Bindung-Humusaufbau ist durch nichts zu ersetzen.

Olaf Fries, Weyarn

Ein anderer Blick auf Rindfleisch

Ich arbeite seit über 20 Jahren als Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung Kulturlandschaft Günztal im Naturschutz. Insbesondere befassen wir uns mit ökologischen Verbesserungen in der intensiven Grünlandwirtschaft und Insektenschutz. Die in Ihrem Artikel gezogenen Vergleiche zum Beispiel zwischen Hähnchenfleisch und Rindfleisch wären nur aussagekräftig, wenn sie auch die Futterseite mit einberechneten. Ein Rind frisst Gras, das für den menschlichen Verzehr nicht verwendbar ist, und wandelt es in Essbares um. Hähnchen fressen auch für den Menschen geeignetes Futter, sind also Konkurrenten. Methan baut sich in überschaubarer Zeit wieder ab, während CO₂ ganz andere Abbauzeiten hat.

Ein anderes Beispiel: Beweidung. Natürlich braucht ein weidendes Rind mehr Fläche. Aber mit der Beweidung wird Humusaufbau auf den Grünlandflächen und eine hohe Biodiversität bewirkt. Außerdem sind die meisten Weideflächen landwirtschaftlich nicht anderweitig nutzbare Flächen.

Gunter Ernst, Aichstetten

Bäume für fossile Brennstoffe

In Ihrem Artikel machen Sie völlig berechtigterweise darauf aufmerksam, dass die „wirklich großen Hebel beim Klimaschutz“ struktureller Natur sind. Beim Thema Wohnen suggerieren Sie allerdings mit der Infografik, dass eine Erdgasheizung mehr als 2000 Kilogramm CO₂-Ausstoß pro Kopf in einem Jahr gegenüber einer Pelletheizung einspart. Als Botschaft kommt beim Leser an: Die fossilen Energieträger schonen das Klima mehr als eine Holzpelletheizung. Wie dies zustande kommt, erklären Sie damit, dass bei der Verbrennung von Holz CO₂ wieder freigesetzt würde und ein Baum erst nach 80 Jahren wieder erntereif geschlagen werden und darüberhinaus noch viele weitere Lebensjahre CO₂ speichern könne. Dies ist zwar ökologisch korrekt, spart indes wichtige Tatsachen aus, die meiner Meinung nach doch dafür sprechen, dass das Heizen mit Holzpellets als klimaschonend bewertet werden kann.

Zunächst muss berücksichtigt werden, dass das durch die Verbrennung von Pellets freigesetzte CO₂ bereits zuvor der Atmosphäre durch die Fotosynthese des Baumes entzogen wurde. Die Klimaneutralität rührt von dieser einfachen Rechnung, die allerdings durch weitere Faktoren ergänzt werden muss. Der zu Holzpellets verarbeitete Baum fehlt nun dem Ökosystem für die von Ihnen angeführten 80 Jahre, um der Atmosphäre weiteres CO₂ zu entziehen. Allerdings reduziert sich diese Zusatzbelastung durch folgende Tatsachen: Für den Pelletbedarf von Privathaushalten müssen keine Bäume gefällt werden, er wird gedeckt durch anfallende Abfallprodukte (Sägespäne) aus der Holzindustrie. Diese Abfallprodukte, zum Beispiel der Holzdielenproduktion, fallen in so beträchtlicher Menge an.

Anhand dieses kurzen Exkurses zeigt sich deutlich, dass die CO₂-Bilanzierung von Ökosystemen und ihrer Nutzung eine durchaus komplexe Angelegenheit darstellt und nicht ohne Weiteres auf einfache Zusammenhänge reduziert werden kann. Was jedoch mit Sicherheit gesagt werden kann, ist die wissenschaftlich eindeutig anerkannte Tatsache, dass die industrielle Verbrennung von Kohle, Öl und Gas seit zweihundert Jahren die Atmosphäre mit Gigatonnen an Treibhausgasen belastet, welche vor Jahrmillionen in der Erdkruste fossil gebunden wurden. An diese Massen an Treibhausgasen können sich unsere Ökosysteme nicht schnell genug anpassen, es fehlen die notwendigen CO₂-Senken, wozu auch der heimische Wald zählt. Das ist der eigentliche Grund, warum man die Holzpellets-Heizung nicht mehr als klimaschonend anpreist: Man benötigt die Bäume als CO₂-Senke für die fossilen Ausstöße durch die Industrie und den Verkehr, die leider immer noch zu hoch sind. Oder anders gesagt: Je mehr Wald in Deutschland unangetastet bleibt, desto vermeintlich besser die CO₂-Bilanz, trotz steigender Verkehrsemissionen. 

Marco Kubacki, Rheinstetten

Fortpflanzungsverzicht

Informativ gut gemacht, aber der Elefant im Raum wurde mit keinem Wort erwähnt. Wie viel bewirkt ein Mensch in seinem ganzen Leben? Denn auch hierbei lässt sich mittels Fortpflanzungsverzichts immenser Einfluss nehmen. All die angeführten Verhaltensweisen fußen doch auf dem einzelnen Individuum, und da wir circa zwei Erden pro Jahr verbrauchen, sind wir ganz einfach gesagt vier Milliarden zu viel. Diese Aussage ist zugegebenermaßen etwas plakativ, aber keinen einzigen Satz (oder auch zwei) diesbezüglich unterzubringen, ist ebenfalls eine sehr einseitige Sichtweise.

Ferdinand Maier, Passau

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