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Kleinanleger und die Gamestop-Aktie:Machtdemonstration gegen Hedgefonds-Wetten

SZ-Leser begrüßen die Aktion der Neobroker und deren Botschaft. Einige wünschen ein generelles Verbot spekulativer Leerverkäufe, weil diese eine Gefahr fürs ganze Finanzsystem darstellen.

Markets Remain Volatile As Platforms Block Trades Of Certain Stocks

Börsen-Aufreger: Kleinanleger haben Hedgefonds das Geschäft mit der Gamestop-Aktie verdorben.

(Foto: Spencer Platt, AFP)

Zu "Stoppt das Game" vom 30./31. Januar und "Kalt erwischt" vom 2. Februar:

Rache für 2008

Wenn man die Einträge/Posts von r/wallstreetbets auf Reddit liest und mitverfolgt, dann hat eine nicht unerhebliche Anzahl der Anleger ganz andere Motive als das schnelle Geld. Ein Eintrag sagt es sehr deutlich: Das machen wir für unsere Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Onkel und Tanten, die 2008 ihr Vermögen, ihr Haus, ihre Existenz, ihre Lebensgrundlage verloren haben in einem Finanzcrash, der in den USA weit schlimmere Folgen hatte als bei uns und noch heute nachwirkt. Dass sie dabei Geld verlieren können, ist manchen Anlegern sogar egal. Es geht ihnen darum, es denen heimzuzahlen, die sie für den damaligen Finanzcrash und ihre Familientragödien verantwortlich machen, den Hedgefonds und Banken. Und sie haben ein Mittel dafür gefunden.

Es ist auch nicht so, dass hier nur Blinde unterwegs sind, die sich über die Risiken keine Gedanken machen. Es sind sehr ausführliche Einträge zu finden, die über die Mechanismen des Marktes aufklären und keinen Zweifel daran lassen, mit wem und welchen Banken man sich hier anlegt und dass das Ganze in einem Verlust enden kann, trotz der Aufforderung "hold" und "don't sell" an alle. Diesen Anlegern den väterlichen Rat zu geben, lieber in brave ETFs (Exchange Traded Fonds, also börsengehandelte Fonds; d. Red.) zu investieren, geht an der Sache vorbei. Es geht im Kern nicht um ein Investment, sondern um eine Machtdemonstration. So pauschal klein und ahnungslos, wie der Autor schreibt, sind diese Anleger nicht.

Hans Rolf Baumhauer, München

Wagnis und Widersinn

Es ist schon ein rechtes Hin und Her mit den Kommentaren und Ratschlägen zum Handel mit Aktien. Mal wird die fehlende Bereitschaft, in Aktien zu investieren, im Wirtschaftsteil der SZ heftig bedauert, dann gibt es massive Werbung für ETFs, ohne auf die Schattenseiten ihrer Beliebtheit hinzuweisen - mit einer Baisse ziehen sie geschlossen in das finanzielle Desaster. Und jetzt will ein wohlmeinender Essayist junge Leute anhand der Risiken, die mit der Kursrallye von Gamestop verbunden waren, vor fatalen Börsenerfahrungen warnen. Das eigentlich Unerhörte an der Sache bleibt aber im Essay von Harald Freiberger und auch sonst unausgesprochen: Ein milliardenschwerer Hedgefonds leiht sich Aktien, um auf den Niedergang einer Firma zu wetten und dabei ohne eigenen Kapitaleinsatz Millionengewinne einzufahren. Dass das zulässig sein soll, geht in einen normalen Kopf nicht rein. Mit Aktienkultur hat das nichts mehr zu tun. Der Aktienmarkt dient der Finanzierung von Unternehmen mit Wagniskapital. Wer sich an einer Aktiengesellschaft beteiligt, soll sich als Eigentümer fühlen und das Wohl des Unternehmens im Auge haben. Leerverkäufe geliehener Aktien, um am billigen Rückkauf zu verdienen, ist das Gegenteil davon. Hier wäre doch anzusetzen und mediales Störfeuer angebracht. Ich halte solche Praktiken für einen viel größeren Skandal als vieles, was die SZ in den vergangenen Jahren dramatisch skandalisiert hat.

Dr. Ulrich Bracker, Weilheim i. Oberbayern

Leerverkäufe stoppen

Der Artikel beschreibt gut das Phänomen Gamestop, zieht meiner Meinung nach jedoch die falschen Schlüsse. Dem Autor Freiberger möchte ich zurufen: Stoppt endlich die Leerverkäufer und Derivate-Händler, ohne die es das Phänomen erst gar nicht gäbe. Das wäre eine Aufgabe der Börsen- und Bankenaufsicht und der Politik! Besser der Artikel der Herren Brühl und Wischmeyer ("Kalt erwischt"), der deutlich macht, dass auch die deregulierte Wall Street eine Gefahr für das ganze Finanzsystem darstellt, was ja schon die Bewegung "Occupy Wall Street" anprangerte.

Dieter Menath, München

Aktienleihe verbieten

Mich verwundert doch sehr, dass sich der Artikel gegen das spekulative Vorgehen der Kleintrader richtet und nicht gegen die spekulativen Leerverkäufe der Hedgefonds. Wenn deren Spekulation aufgeht, nehmen alle anderen Beteiligten an dem betroffenen Unternehmen Schaden - die verbliebenen Aktionäre, deren Aktien massiv an Wert verloren haben, das Unternehmen, dem die Finanzierung über den Aktienmarkt erschwert wird, und die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplätze stärker bedroht sind als zuvor. Aus meiner Sicht gibt es überhaupt keine wirtschafts- noch gesellschaftspolitische Rechtfertigung, solche Geschäfte einer exklusiven Gruppe von Spekulanten zu erlauben. Ein Verbot der Aktienleihe würde dazu schon reichen.

Jens Stöhr, Hamburg

Heuschreckenmentalität

Anstatt Kleinanleger bei der wünschenswerten Behinderung der Heuschreckenmentalität zu unterstützen, macht der Verfasser den Kleinanlegern Angst. Ich selbst bin so ein Kleinanleger, habe aber bei dieser Aktion Gamestop leider nicht mitgemacht. Meine Strategie wäre folgende: Ich kaufe für 10 000 Euro am Anfang der Aktion Aktien, und sobald diese sich im Wert verdoppelt haben, verkaufe ich die Hälfte. Auf meinem Konto wären dann die ursprünglich eingesetzten 10 000 Euro gutgeschrieben. Der Käufer wäre der Hedgefonds. Sollte die Aktie weiter um das Doppelte steigen, verkaufe ich vom Rest wieder die Hälfte, Reingewinn 10 000 Euro. Was dann mit den restlichen 25 Prozent der ursprünglich gekauften Aktien passiert, wäre mir völlig egal. Die können auch nur noch einen Euro wert sein, wenn die Blase platzt. Summa summarum muss ich nur genau beobachten und keine zu große Gier entwickeln. Mein Gewinn wäre der Verlust des Hedgefonds, denn der muss vertraglich die Aktie kaufen, egal, was sie kostet. Ich finde, dass ein Robin Hood so ganz vernünftig agieren könnte. Mal sehen, ob ich rechtzeitig Wind von so einer Aktion bekomme, das wäre wünschenswert und würde meine schmale Pension aufbessern.

Ulrich Luboschik, Kandern

Neobroker mit Botschaft

Die gepflegte Börsenhandelskultur erlaubt den Hedgefonds, auf die Baisse bestimmter Aktien zu spekulieren. In der Regel verfügen die Hedgefonds durchaus über Möglichkeiten, diese Baisse zu forcieren (Berichte, Gerüchte, zur richtigen Zeit publiziert, sind da sehr hilfreich). Damit erhöhen sie ihre Gewinnchance erheblich. Wird die Baisse durch chaotische Wirbel, Online-Kampagnen von Querulanten, die wie im Casino agieren, in eine unkontrollierte Hausse verwandelt, muss die Bafin intervenieren, das heißt für "Ordnung" sorgen und die Kurse weiter befeuern. Ist das wirklich die Börsenkultur, die der Autor bewahren möchte? Die Liste der Sünden jener Kultur ist sehr lang, und die Neobroker haben lediglich im Rahmen der erlaubten Transaktionen gehandelt. Sie sind nicht die Ersten, leider auch nicht die Letzten, die dramatisch über das Ziel hinausschießen. Nein, die Börsenkultur bedarf nicht einer sorgsamen Pflege, sondern vielmehr einer radikalen Reformierung, Überwachung, Regulierung durch eine handelsferne Institution, die es zu erfinden und zu gründen gilt. Alle sind gefordert.

Alain Sourrouille, Gleichen

© SZ vom 11.02.2021
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