Süddeutsche Zeitung

Kirchenaustritte:Auf die jungen Christen kommt's an

Auch wenn weniger Menschen aus der Kirche austreten, sinkt doch die Zahl der Gottesdienstbesucher. Wollen die Priester nicht vor leeren Reihen stehen, müssen sie neue Anreize schaffen. Die E-Gitarre könnte helfen.

"Das halbchristliche Deutschland" vom 22./23. Juli:

Das Judentum als Chance

Der Beitrag von Matthias Drobinski zur Analyse der Kirchenmitgliederzahlen in der BRD lässt einen Ton von Kummer über Verlust durchklingen. Das erstaunt mich. Es ist doch eher das Zeichen einer Neujustierung. Endlich stimmen viele mit den Füßen ab: Wir wollen nicht mehr die weitgehend zur Ideologie geratene lutherische Dogmatik beziehungsweise die katholische Naturrechtslehre vorgetragen bekommen. Lange lernen Pfarrer und Religionslehrer, wie eine an der "jüdischen Bibel", dem sogenannten Alten Testament, orientierte christliche Verkündigung ihre Basis für reale Lebensorientierung bekommt. Aber sie können es oft nicht gegen die seit fast 2000 Jahren verhärteten und vielen nicht mehr verständlichen kirchlichen Lehren und Riten zur Sprache bringen.

Jetzt gibt es die Chance, dass diejenigen, die die Kirche verlassen haben - im Blick auf das aus der jüdischen Bibel und den daraus folgenden Lebenshilfen, zum Beispiel im Talmud - zu ahnen beginnen, woher die Ethik und Widerstandskraft der winzigen Einheit "Judentum" in der Welt sich stärkt. Und da sind beide Kirchen gemeinsam auf dem Wege, die christlichen Grundgedanken durch die jüdischen konkret werden zu lassen. Ohne die Gemüter immer spirituell" auf einen Untergang dieser Welt und eine Jenseitshoffnung zu polen und sie damit beruhigen zu wollen.

Dr. Christoph Goldmann, Hofgeismar

E-Gitarre im Gottesdienst

Völlig richtig wird dargestellt, dass immer mehr Bestattungen und weniger Taufen erfolgen, was also zwangsläufig zu einer Reduzierung der Christen führt. Dass dazu noch die Austritte die Eintritte deutlich übersteigen, ist auch kein Novum. Und wenn man dann noch die Gottesdienstbesucher anschaut, steht die Befürchtung nahe, dass die Anzahl der Christen weiter stark nach unten gehen wird. Sicher gibt es dafür vielfältige Gründe, nur wenn man auch in 20 oder 30 Jahren mehr als ein paar wenige Gottesdienstbesucher haben will, muss sich in der Kirche einiges ändern.

Es muss regelmäßig Gottesdienstangebote für Kinder und Jugendliche geben (nur ein Kinderwortgottesdienst ist da absolut nicht ausreichend, sondern allenfalls ein kleiner Ansatz). Gerade in der Zeit der Erstkommunion und Firmung ist es wichtig, die jungen Christen anzusprechen. Nur wenn man nur alle paar Jahre einen Jugendgottesdienst, in dem zum Beispiel auch eine E-Gitarre gespielt werden darf stattfinden, werden sich immer weniger junge Menschen angesprochen fühlen und die Kirche als einen "verzopften Haufen" ansehen. Diese Gottesdienste wären auch ohne großen finanziellen Aufwand möglich. Aber lieber werden mehrmals jährlich meist nicht ganz billige Orchestermessen aufgeführt, damit auch Nichtchristen ein kostenloses Konzert bekommen.

Da kann ich Priester wie Pfarrer Rainer Maria Schießler nur positiv hervorheben, der auch mal ungewöhnliche Wege beschreitet. Nicht umsonst sind - soweit bekannt - auch in dessen Gemeinde die Wiedereintritte besonders hoch. Etwas mehr Aufgeschlossenheit gerade der Jugend gegenüber ist zwingend geboten, um nicht rasch noch viel tiefer zu sinken.

Wolfgang Guter, Wolfratshausen

Die Lüge von der Freiheit

"Wer heute einer christlichen Kirche angehört, entscheidet dies in völliger Freiheit" hieß es von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). So stand es auch in der Süddeutschen Zeitung.

Aber wie nicht selten bei heiligen Worten oder denen von Hirten ist das Gegenteil wahr. Diejenigen, die aus einer christlichen Kirche austreten, entscheiden dies in völliger Freiheit. Der EKD sollte nicht unbekannt sein, dass die meisten ihrer "Schafe" (so die unmenschliche Wortwahl ihres angeblichen Gottessohnes) in völliger Unfreiheit, ungefragt, fremdbestimmt in eine christliche (oder eine andere) Kirche eingetreten wurden. Dass sie schon kurz nach der Geburt sakramental bewässert und damit zu Schafen und, noch wichtiger: zu Kirchensteuerzahlern gemacht wurden?

Wo ist jene völlige Freiheit, wenn seit 1935 der Arbeitgeber die Religionszugehörigkeit erfährt (Erlass vom 4. September 1933, Reichssteuerblatt S. 898ff., siehe Frerk, Carsten: Violettbuch Kirchenfinanzen, S. 50)? Wo bleibt jene Freiheit, wenn von den Steuergeldern aller Bürger bezahlte Jobs nur Mitgliedern gewisser Religionen gegeben werden? Wenn Nicht-Religiöse von überwiegend durch Kommunen und Länder bezahlten Einrichtungen, in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen diskriminiert werden dürfen (siehe GerDiA: Kampagne gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz)? Wo ist jene Freiheit, wenn der Austritt aus der Kirche kein einfaches Kündigungsschreiben erfordert, sondern ein persönlicher Gang zum Standesamt erforderlich ist, und in etlichen Bundesländern gar einer zum Amtsgericht.

Wo ist die Religionsfreiheit, wenn Menschen sich nicht frei für eine der vielen Religionen entscheiden dürfen, sondern weit vor jeder Religionsmündigkeit an eine Religion glauben müssen? Zwar nicht mehr jenes Cuius regio eius religio, aber die Eltern dürfen, sollen, müssen laut Anweisung ihrer Pastoren den Glauben ihrer Kinder fremdbestimmen. 500 Jahre und fast 2000 Jahre alte Lügen - und immer noch so viel mächtiger als die anderen Religionen und als die Wahrheit. Aber auch der eine Gott, an den man selbst glaubt, auch der ist so erfunden und so falsch wie all die vielen anderen Gotte, an die man nicht glaubt.

Manfred Schleyer, München

Barmherzigkeit geht anders

"Das kleinere Übel" vom 22./23. Juli: Es ist zwar löblich, dass sich ihre Zeitung des zehnten Jubiläums der Abschaffung des Limbus angenommen hat, aber der Autor hat mit keinem Wort erwähnt, was für unsägliches Leid diese Lehre der katholischen Kirche im Laufe der Jahrhunderte angerichtet hat. Ob diese Lehre ein Dogma war oder nicht, spielt keine Rolle. Fakt ist, dass die katholische Kirche den ungetauften Kindern ein christliches Begräbnis verweigerte, was unter anderem zur Folge hatte, dass sie nicht in geweihter Erde begraben werden durften, sondern irgendwo außerhalb wie die Selbstmörder. Und die Eltern dieser Kinder fühlten sich schuldig, weil auch das Beten ihre Kinder nicht aus der Vorhölle retten konnte - selbst diese Hoffnung, die man für jeden Angehörigen, den man im Fegefeuer wähnte, hatte, blieb ihnen verwehrt. Barmherzigkeit, von der katholischen Kirche sonst bei jeder Gelegenheit propagiert, sieht anders aus.

Franc Beno, München

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Quelle:
SZ vom 03.08.2017
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