Kirche:Privilegiert - und attackiert

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SZ-Autor Ronen Steinke prangert die Verflechtung von Staat und Kirche an und die daraus resultierenden Privilegien. Zu Recht, meinen viele. Doch es gibt auch Kritik an seiner Einschätzung.

Kirche: Kirche und Staat – ein klassisches Spannungsfeld.

Kirche und Staat – ein klassisches Spannungsfeld.

(Foto: imago stock&people)

"Denn dein ist das Reich" vom 12. April:

Trennung von Staat und Kirche

Dass Ronen Steinke die Privilegien christlicher Kirchen aufgegriffen hat, ist begrüßenswert. Allerdings legt der Artikel die Vermutung nahe, es müsse eine Ausweitung dieser Privilegien auf andere Religionsgemeinschaften erfolgen. Geboten ist aber die Abschaffung sämtlicher Privilegien aller Religionsgemeinschaften. Das "kooperative Modell" zwischen Staat und Kirche in Deutschland ist ein fauler Kompromiss. Eine Abschaffung naheliegend, da katholische und evangelische Kirche massiv an Mitgliedern verlieren und ihre Bedeutung in der Gesellschaft geschwunden ist.

Es ist an der Zeit für einen konsequenten Laizismus, der alle Glaubensgemeinschaften gleichstellt. Katholiken, Protestanten, Juden und Muslimen sollte jede finanzielle Zuwendung vom Staat, jede Übernahme staatlicher Aufgaben sowie sämtliche rechtliche Sonderstellung verweigert und jeder Anspruch religiöser Würdenträger, sich über reine Kirchenarbeit hinaus in das öffentliche Leben eines säkularen Landes einzumischen, zurückgewiesen werden. Ein solches säkulares Deutschland würde einen Beitrag leisten, um religiös bedingte Konflikte zu beenden.

Michael Körner, Ettlingen

Kühle Bilanz ist ein Zerrbild

Eiskalt und geschichtsvergessen ist die Polemik von Ronen Steinke eine Woche vor Ostern. Mit einer einseitig formaljuristischen Abrechnung werden die christlichen Kirchen als raffgierige Monster dargestellt, denen es um nichts anderes als um Bereicherung und Machterhalt ginge. Wenn der Autor konsequent wäre, würde er auch die Abschaffung aller Feiertage, des vom Christentum geprägten Grundgesetzes, der von der christlichen Soziallehre bestimmten Marktwirtschaft, des Engagements der Kirchen als größte Träger von Kultur- und Sozialleistungen fordern. Kein Wort über kirchliche Altenheime, Behinderteneinrichtungen, Familienhilfen, Jugendarbeit, Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen, Suchtberatungen. Der kühle, bilanzierende Blick auf vermeintliche Privilegien führt zu einem Zerrbild einer Institution, die über 2000 Jahre Hunderten Millionen von Menschen in Deutschland neben viel Leid unendlich mehr an Hoffnung und Trost, mitmenschlicher Hilfe, seelsorgerlicher Nähe und vor allem Glaubensorientierung über den Tod hinaus gegeben hat.

Thomas Gottfried, Freising

Kultursteuer statt Kirchensteuer

Demokratische Religionspolitik ist notwendig. Die zu lösenden Probleme hat Ronen Steinke genannt: Kirchenasyl, Arbeitsrecht, Gleichheit von Mann/Frau/divers, systematische Vertuschung der Missbrauchsverbrechen, Kirchensteuer, "napoleonische" Ausgleichszahlungen, Diskriminierung sexueller Minderheiten, mangelnde Transparenz und Kontrolle. Das sind Probleme, die die Kirchen lösen müssen, aber auch die Politik (Bundes- und Landesregierungen). Bisher fehlt es an Engagement: Keiner will Wähler verprellen. Politik und Justiz müssen ihre Hausaufgaben machen und das Verfassungsgebot von 1919 (Weimarer Reichsverfassung, 1949 vom Grundgesetz wortwörtlich übernommen) nach mehr als 103 Jahren erfüllen: Diese Ausgleichszahlungen aus der Zeit von Napoleon sind baldmöglichst zu beenden.

Warum wird nicht statt der Kirchensteuer eine Kultursteuer wie in Italien eingeführt? Jeder entscheidet, ob er der Kirche oder einer sozialen/ kulturellen Einrichtung seiner Wahl das Geld gibt. Demokratie und Menschenrechte sollten auch in einer Kirche gelten, die sich in einer Gesellschaft inkulturieren möchte, die Demokratie und Menschenrechte leben will. Die Kluft ist groß: Die katholische Kirche ist eine absolutistische, klerikale Monarchie.

Axel H. Stark, Passau, Diplomtheologe, Akademischer Oberrat a. D.

Falsches Beispiel

Als Aufhänger für den wirklich berechtigten Artikel hat Ronen Steinke ausgerechnet das Kirchenasyl gewählt. Die Art und Weise, wie er es als neben der weltlichen Rechtsprechung stehend und unangreifbar darstellt, ist zynisch. Ich war selber Zeuge bei der Abschiebung einer tschetschenischen Familie aus dem Kirchenasyl in Augsburg vor Jahren. Die Polizei hat ohne Zögern die Anweisung der Ausländerbehörde ausgeführt. Verantwortlich für das Gewähren von Kirchenasyl ist meist ein Geistlicher oder eine Geistliche, der oder die unter Beachtung streng regulierter Vorgaben nur mit seiner Glaubens- und Gewissensfreiheit für einen anderen, eine Familie einstehen kann. Und genau diese Grundrechte sind es, die später von einem rechtsstaatlichen Gericht abgewogen werden. Insofern führt diese Polemik auf eine falsche Fährte: Sie greift mutige Mitmenschen für ihren couragierten Einsatz an, der sie ins Gefängnis bringen kann.

Stef Maldener, Augsburg

Bequem für Staat und Kirche

Staat und Kirchen haben es sich über Jahrzehnte schön zusammen eingerichtet. Der eine sorgt fürs Eintreiben der Kirchensteuer (bad guy), der andere ist so eine Art moralische Instanz (good guy), vielleicht auch Staat im Staate, der den Schäfchen am Sonntag predigt(e), wen sie wählen sollten. Das ist stark vereinfacht, funktioniert aber so ähnlich. Beide Instanzen profitieren. Das (Kirchen-)Volk lässt's geschehen. Die Konsequenz wäre der Austritt aus der Kirche. Für die meisten fernliegend, zu unerträglich der Gedanke, was am Tag des Todes passiert, wenn kein Pfarrer kommt und die letzten Worte spricht. Lieber gründet man Maria 2.0 und hofft vergebens auf Veränderungen. Der Stein ist ins Rollen gebracht: Immer mehr Menschen sehen die Diskrepanz zwischen Worten und Werken, die nur noch vom schamlosen Etikettenschwindel der Parteien, die das große C wie ein Glaubensbekenntnis vor der eigenen Herde tiefschwarzer Schafe hertragen, getoppt wird. Es ist an der Zeit aufzuräumen, Staat und "Tempel" von all den Fehlentwicklungen zu säubern. Der Entzug von Kapital, das Aufkündigen von alten Verträgen/ Gewohnheiten soll ja Wunder wirken.

Derweil hilft ein Austritt ohne schlechtes Gewissen. Kirche ist nicht gleichbedeutend mit Glauben. Glaube ist frei und sollte nicht einengen.

Oliver Schulze, Detmold

Reine Polemik

Die Frage nach kirchlichen Privilegien ist berechtigt, die Begründung von Ronen Steinke polemisch. Den Mitarbeitervertretungen von Caritas und Diakonie zu unterstellen, sie seien "hauptsächlich mit dem Recht zum Zuhören ausgestattet", ist eine Beleidigung. Bis hinauf zur Bundesebene gibt es Kommissionen mit gleich vielen Dienstnehmern und Dienstgebern, die Ergebnisse erstreiten - ohne Streiks in kirchlichen Einrichtungen zu provozieren.

Der Autor erinnert an die Kündigung eines Chefarztes, der nach Scheidung wieder geheiratet hat. Diese Kündigung war 2014 ein Ärgernis. Doch seit 2015 gibt es eine neue Grundordnung, die Kündigungen aus persönlichen Gründen (Wiederverheiratung oder gleichgeschlechtliche Ehe) ausbremst. Dies brachte ein Aufatmen für viele. Ich war 14 Jahre Diözesan-Caritasdirektor und habe beide Zeiten erlebt. Diesen Entwicklungsschritt zu erwähnen, passt Steinke wohl nicht ins Konzept.

Höhepunkt der Polemik ist die Passage: "Wenn hierzulande ein islamischer Geistlicher öffentlich in der Kritik stehen würde, weil er mutmaßlich in ein Netzwerk des Vertuschens und Ermöglichens von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche involviert sein soll - und gleichzeitig würde er Vorsitzender des Rundfunkrats des Bayerischen Rundfunks bleiben wollen". Bevor der Autor ein so gravierendes Urteil öffentlich äußert, wäre er gut beraten gewesen, erst die Stellungnahme von Prälat Lorenz Wolf, der damit angegangen wird, zu lesen und abzuwägen.

Das Steuerrecht klingt nach Kirchenprivileg. Dass dem Staat die Ausgaben für seine Dienstleistung erstattet werden - bis zu vier Prozent - wäre erwähnenswert. Die Kirchen können sich dadurch eine eigene Kirchensteuerverwaltung sparen. Altkatholische Kirche und jüdische Gemeinden nehmen diesen Dienst auch in Anspruch.

Die vom Staat finanzierten Gehälter von Bischöfen und diözesanen Führungskräften als Ausgleich für die Folgen der Säkularisation sind wirklich ein überholtes Privileg. Die Kirchen sind mit der Abschaffung einverstanden. Es wird längst darüber verhandelt.

Hans Lindenberger, München

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