Süddeutsche Zeitung

Kinderkliniken:Die Zustände schnell verbessern!

Berichte über zu wenige Betten, mangelndes Personal und abgewiesene Kinder an deutschen Krankenhäusern haben viele Leserinnen und Leser berührt, entsetzt - manche auch wütend gemacht. Die meisten geben der Politik die Schuld und dem Effizenz- und Sparkurs im Gesundheitswesen, sie fordern ein Umdenken.

Zu "Kinderkliniken in Not" vom 21./22. Dezember sowie zu "Leider ausgebucht" vom 14./15. Dezember:

Es trifft die Schwachen

Im Kapitalismus trifft es immer die Schwachen. So sind es im kapitalisierten Gesundheitswesen die Kinder. Warum nicht übernehmen, was in sozialistischen Ländern als eines der wenigen Dinge gut funktionierte? Die Verstaatlichung des Gesundheitswesens.

Artur Borst, Tübingen

Kinderrechtskonvention achten

Der Inhalt beider Artikel ist fast deckungsgleich, die monotone Stellungnahme der verantwortlichen Politik ebenso. Und darin liegt der eigentliche Skandal, dem endlich energisch Einhalt geboten werden muss, um weiteren gesundheitlichen Schaden an Leib und Seele von Kindern im vermeintlich reichen Deutschland abzuwehren. Ergänzend ist anzuführen, dass bereits 2002 diesbezüglich eine Anfrage im Bundestag erfolgt ist, die relativ zeitnah 2011 beantwortet wurde.

Eine zwischenzeitlich eingesetzte Kinderkommission stellte schon damals einen vernünftigen, problemorientierten und umsetzbaren Forderungskatalog auf, der bis heute nicht einmal annäherungsweise umgesetzt und somit aktueller denn je ist. Die Groko und ihr Gesundheitsminister sind vorwiegend damit beschäftigt, der IT-Branche zu Milliardenaufträgen für zum Teil völlig veraltete und überteuerte Produkte zu verhelfen. Finanziert durch die knappen Eigenmittel unterfinanzierter Kliniken und Praxen.

Für das eigentliche Kernanliegen unseres Gesundheitswesens - nämlich die notwendige medizinische Versorgung aller Menschen in Deutschland ungeachtet ihres Alters - bleibt wenig Zeit, Energie und Geld. Weder Kinder noch ältere Menschen können sich gegen eine solche, die in unserer Verfassung verankerte Menschenwürde missachtende Politik ernsthaft zur Wehr setzen. Diese politische Verfehlung wiegt umso mehr, wenn man bedenkt, dass Deutschland, wenn auch deutlich verzögert - der UN-Kinderrechtskonvention in ihrer revidierten Fassung vom 02. 09. 1990 beigetreten ist und deren Artikel 24 und andere besagen, dass alle Kinder Anrecht auf eine optimale kindgerechte medizinische Versorgung haben.

Vor diesem international verpflichtenden Hintergrund grenzt es an Unverschämtheit, wenn Spahn und Lauterbach als jeweiliger gesundheitspolitischer Vertreter der beiden Koalitions- und ehemaligen großen Volksparteien das Spielchen vom guten und bösen Gesundheitspolizisten mit uns als Gesellschaft, mit betroffenen Patienten, deren Familien und Angehörigen und schließlich den aktiven Vertretern der noch verbliebenen Kindermedizin treiben.

So spricht der eine von ausreichender Versorgung, und der andere fordert Nachbesserungen. Dabei lassen beide keine Gelegenheit aus, sich ihrer gegenseitigen Sympathie und Meinungsgleichheit zu versichern. Nur so konnten fast im Wochentakt meines Erachtens zum Teil unsinnige Verschlimmbesserungsgesetze als politische Scheininnovationen durchgehen.

Dr. Christian Deindl, Facharzt fürKinderchirurgie und Chirurgie, Nürnberg

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Tiere besser versorgt als Kinder?

Ich bin entsetzt, traurig und furchtbar wütend. Wie kann es sein, dass in unserem reichen Industrieland so mit den ärmsten der Armen, nämlich schwerkranken Kindern verfahren wird? In welchem Wahlprogramm einer Partei wird versprochen, diesen kranken Kindern die bestmögliche Versorgung und Behandlung angedeihen zu lassen und natürlich ein Bett nah dem Wohnort bereitzustellen? Dass mit den nötigen finanziellen Mitteln der Ärzte- und Pflegekräfte-Notstand behoben werden könnte, gehört ebenso dazu. Mit dem Versprechen, diesen Punkten Priorität einzuräumen, müsste eine Partei viele Wähler erreichen. Bisher habe ich aber den Eindruck, dass in Deutschland Tiere - vor allem in neuen Heimen - besser versorgt werden als Kinder. "Sie brauchen nichts zu fordern. Stattdessen warf man uns vor, dass wir defizitär sind und effizienter arbeiten sollen", erklären die in dem Bericht zitierten Ärzte. Das sagt wohl alles über die Entscheider in der Politik.

Brigitte Broßmann, Neubiberg

Sparen macht Systeme marode

Die seit Jahren wachsende Wirtschaft und Bevölkerung und das Transport- und Verkehrsaufkommen des Landes bringen viele Systeme, die inzwischen in die Jahre gekommen sind, an den Rand dessen, was sie verkraften können. Verstärkt wird dies durch die durchgehend rigorose Sparpolitik seit dem Ende der Ära Kohl, die inzwischen zu einem Hinterherinvestieren der schieren Notwendigkeit geworden ist.

Als interessierter Bürger und unmittelbar Betroffener beobachte ich seit Jahren unsere Sozialsysteme, besonders das Gesundheitssystem. Es gibt chronisch kranke Patienten, die jeden Tag eine Handvoll Medikamente einnehmen müssen. Bei jedem Rezept, das man für eines der Dauermedikamente bekommt, muss man damit rechnen, in der Apotheke ein Medikament von einem anderen Hersteller zu bekommen als bisher, das auch anders aussieht. Und das nicht nur ein Mal, sondern ständig. Und alles nur, weil die Krankenkassen permanent mit den Arzneimittelherstellern über Preissenkungen verhandeln, und dann mal der und mal ein anderer Hersteller zum Zuge kommt. Damit wird vom Gesetzgeber und den von ihm beauftragten Helferorganisationen bewusst in Kauf genommen, dass Patienten ständig das Aussehen ihrer Medikamente neu lernen müssen, und gelegentlich den Überblick über ihre Medikation verlieren, eventuell sogar lebenswichtige Medikamente falsch einnehmen.

Was ist das für ein Gesundheitssystem, das der Patient über seine Beiträge bezahlen darf, ansonsten wird er aber praktisch überall unausgewogen so billig wie möglich abgespeist, andere Aspekte zählen nicht. Kollateralschäden werden achselzuckend in Kauf genommen. Genau das gleiche Spiel in den Arztpraxen und im Krankenhaus. Dem System am liebsten ist der Patient, der in der Arztpraxis jedes Quartal genau einmal erscheint, aber nichts braucht, dann kann der Arzt wenigstens die Pauschale abrechnen, und auch im Krankenhaus wird der Patient so schnell wie möglich wieder entlassen, weil man ein System aus Australien mit den Fallpauschalen so falsch kopiert hat, dass es bei uns nicht funktioniert. Es geht dabei überhaupt nicht mehr um die Medizin, sondern nur um das Geld, um die sogenannte Wirtschaftlichkeit und Effizienz.

Auch in anderen bevölkerungsrelevanten Bereichen sieht man das gleiche Bild: ob die Verkehrsinfrastruktur, die Bahn, viele Schulen, Krankenhäuser, die Altenpflege, da ist vieles inzwischen ziemlich marode und trotzdem oft teuer, teilweise nicht mehr bezahlbar. Vorhandenes Material und Personal werden auf Verschleiß gefahren. Die Politik ignoriert die Realität solange es geht, reagiert danach viel zu langsam, zu spät und oft auch nur halbherzig, wodurch die Probleme sich chronifizieren. In der Politik ist der Fachkräftemangel meines Erachtens in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren.

Hubert Maenner, Altrip

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Quelle:
SZ vom 04.01.2020
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