Süddeutsche Zeitung

Katholische Kirche:Reform und Abkehr von alter Sexualmoral

Lesezeit: 3 min

Alte Zöpfe müssten abgeschnitten werden, fordern Leser von der katholischen Kirche. Statt Liebe sollten lieber Hass, Waffen und Gewalt verboten werden.

"Entsündigung" und "Ihres Markenkerns beraubt" vom 28./29. Mai und "Doppelmoral ist nicht zulässig" vom 25./26. Mai:

Alte Zöpfe abschneiden

Wie kann Kirche wieder Schwung und Präsenz erlangen in dem Labyrinth unserer Tage? Dies ist die Frage, der sich katholischen Laien und zahlreiche Priester auf dem Katholikentag stellen. Und wohl auch zu Recht: "Braucht uns überhaupt noch jemand?" Und da scheiden sich die Geister erheblich, da vielerorts die Überzeugung gewachsen ist, dass das ganze Leben inzwischen auch gut ohne Kirche läuft. Und wer will es leugnen, dass wir heutzutage sehr gut ohne geistlichen Beistand auskommen, da Kirche für viele mehr als Traditionsbewahrerin denn als echte Gnadenanstalt verstanden wird?

Wenn die Rede vom "toten Punkt" dieser Tage aufkommt, sei an das Wort des Jesuitenpaters Alfred Delp erinnert, der darauf verweist, dass die christliche Idee nicht mehr eine der führenden Ideen des 20. Jahrhunderts ist. Man mag darauf verweisen, dass es immer wieder hoffnungsvolle Ansätze einer Erneuerung und Reform gibt. Da mag der synodale Weg ein gut gemeinter Ansatz sein, doch bleibt die Frage offen, was nach dem Katholikentag, nach dem synodalen Weg übrig bleibt. Wenn die verantwortlichen Kräfte nicht erkennen, dass der einzige Weg zu einer Wiederbelebung des christlichen Ursprungsgedankens in einer bedingungslosen Parteinahme für die Armen und Schwachen, für Minderheiten und Unterprivilegierte, für Diskriminierte und Entmündigte liegt, wird ihre Zukunft sehr bescheiden sein. Dazu gehört unbedingt das Nachdenken über die Frage, welche alten Zöpfe man abschneiden kann, welche man abschneiden muss. Erst dadurch werden Blick und Kraft frei für das, was den Kernbestand der Arbeit ausmachen muss: für die Seelsorge.

Dr. Peter Kleine, Bad Driburg

Waffen und Gewalt verbieten

Wunderbar, der Schlusssatz: "Wir lieben nicht zu viel, wir lieben zu schlecht." Dieser Satz ließe sich noch ergänzen mit der Frage: Warum ist das so? Die Antwort wäre wohl: Weil viele sexuell verirrte Herren der Amtskirche den Menschen das Lieben verbieten, anstatt ihnen den Hass, die Waffen und die Gewalt zu verbieten.

Dr. phil. Gisela Forster, Berg

Unlogische Sündenkonstruktion

Todbringender "Krieg gegen die Sünde" ist allein wegen des 5. Gebots (Du sollst nicht töten) ein Widerspruch in sich. Ähnlich unlogisch ist die religiös-mittelalterliche Erziehungsmethode, moralisches Handeln durch Drohungen mit erfundenen Höllenqualen zu erreichen.

Zwar sollte diese in Jahrhunderten entwickelte Konstruktion der Fegefeuerfurcht dem Machterhalt des (heute so oft mit Recht kritisierten) Klerus dienen; aber sie hatte auch positive Intentionen, wie die prinzipiell begrüßenswerte christliche Abwehr von Gewalt, hier in der Sexualität; und das Narrativ der Sündhaftigkeit diente auch der Bewusstmachung eigener Fehler, zum Beispiel dem leichtfertigen Nachgeben der Triebhaftigkeit. Das kann man auch als ein sinnvolles Plädoyer für mehr empathisches Nachdenken, für verantwortliches, überlegtes Handeln lesen.

Das logische Defizit dieser auf Sünden gebauten, aber nicht zu Ende gedachten Morallehre enthüllen die eigenen Missbrauchsskandale unter den christlichen Morallehrern: Ihre übertriebene Sexualmoral behinderte jahrhundertelang den angstfreien Umgang mit einer natürlichen Körperfunktion, die über die Arterhaltung hinaus nützliche psychische und physiologische Wirkungen für den Körper hat. Nicht nur der Geist und die Muskulatur müssen regelmäßig trainiert werden. Der unüberlegte Zölibatszwang hat diese eine Körperfunktion durch moralische Denunziation unterdrücken wollen und bei den betroffenen Priestern gerade das Gegenteil bewirkt: Die Sexualität wird in der katholischen Kirche nicht frei erlaubt und gegenseitig vertrauensvoll praktiziert, sondern oft einseitig unter dem Zwang einer überkommenen Hierarchie. Dagegen muss in der Tat nicht nur entschieden protestiert, sondern auch konsequent juristisch vorgegangen werden. Rettung vor dieser Gewaltsexualität liegt in der Abkehr von der Verteufelung des Leiblichen.

Vielen Dank für diesen notwendigen Aufruf gegen konservative Scheinheiligkeit. "Aller Konservatismus", meint Michel Houellebecq, "wurzelt in intellektueller Faulheit."

Dr. Dietrich W. Schmidt, Stuttgart

Tempel Gottes

Heribert Prantl hat vollkommen recht. Ich denke, wenn sich der Vatikan nicht bewegt in der sexuellen Anschauung des Menschen, kann sich Deutschland mit oder ohne Kirchentag auf den Kopf stellen, es wird nichts nützen. Die Kirche predigt, der Leib ist Tempel Gottes. Das ist für mich ein schönes Bild, weil Gott ja den Menschen erschaffen hat nach seinem Ebenbild. Warum soll dann der Sex, egal was da zwischenmenschlich passiert, schlecht sein, Sünde sein? Voraussetzung ist selbstverständlich, dass alles freiwillig geschieht.

Manfred Reith, Kemnath

Wort Gottes ist Markenkern

Ja, die Kirche ist "ihres Markenkerns beraubt". Was aber ist das, der Markenkern? All die brutalen Vergehen durch die Institution und ihrer Vertreter müssen aufgearbeitet werden (welche andere Institution in Deutschland ist schon so lange dabei außer der römischen Kirche?).

Für mich ist der Markenkern das Wort Gottes und die Frohe Botschaft Jesu. Und diese haben wir in der langen Osterzeit so oft hören können. Es ist der Glaube, dass Jesus als Gottessohn einer von uns geworden ist; der als Mensch, wie die Menschen gelebt hat; der sich zuletzt aus Liebe zum Menschen "hingegeben" hat, um den Menschen zu erlösen und zu befreien, von all dem, was menschliches Leben so oft lebensunfähig macht.

Damit hat uns Jesus neues Leben geschenkt, was zu Ostern sehr deutlich wird. Die Auferstehung Jesu, das neue Leben, ist die zentrale Botschaft der christlichen Religion. Sie ist das Fundament des Glaubens. Wer sich darauf einlassen kann, wird folgerichtig sein Leben auf Jesus hin ausrichten.

Pfarrer Wolfgang Zopora, Bad Alexandersbad

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Quelle:
SZ vom 15.06.2022
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