„Was Reiches Solar-Vorstoß bedeutet“ vom 12. August:
Schwierige Selbstvermarktung
Wirtschaftsministerin Katharina Reiche will die Einspeisevergütung für private Solaranlagen streichen. Ihr Argument: Deren Preise seien so sehr gesunken, dass der Betrieb der Anlagen sich auch ohne die Vergütung rechne. Erstens ist diese Entwicklung ja bereits in den Jahr für Jahr sinkenden Einspeisevergütungen eingerechnet, und zweitens ignoriert Frau Reiche, dass es hier nicht um reines Marktgeschehen geht, sondern um Maßnahmen, den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen (ein Ziel auch im Koalitionsvertrag der derzeitigen Regierung). Der Staat fördert seine politischen Ziele an vielen Stellen durch Subventionen und andere Förderungen, warum soll dann hier einseitig das private Engagement behindert werden, wenn sie andererseits den Bau von Gaskraftwerken (gerade keine erneuerbare Energie) durch Großkonzerne und Investoren fördern will?
Die geplante Maßnahme wird den Ausbau von Solaranlagen auf Privatdächern erschweren, mit der Konsequenz, dass die notwendigen Kapazitäten stattdessen durch Konzerne mit Großanlagen auf Freiflächen, also zum Beispiel Ackerland, installiert werden.
Ihre „Alternative“ ist: Die privaten Anleger sollten ihre Anlagen mit Stromspeichern (also nicht den eigenen, sondern großen, kommerziellen Pufferspeichern) verbinden und den Strom selbst vermarkten! Dies kann eine Installation in einem Privathaushalt gar nicht leisten, dazu braucht es Zwischenhändler, Speicherbetreiber und technische Entwicklungen, die erst erstellt werden müssen. Als Abwickler sind dafür natürlich die Netzbetreiber prädestiniert, die ja auch jetzt den Strom abnehmen. Doch die rechtlichen, technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein solches Verfahren müssen erst geschaffen werden. Das wäre Frau Reiches Aufgabe, wenn sie es ernst meinte! Aber so, ohne eine brauchbare Lösung zu haben, einfach die Einspeisevergütung zu streichen, ist ihre Ankündigung einfach ein Mittel, den Umstieg auf erneuerbare Energien zu behindern.
Dr. Gerhard Weydt, Ebersberg
Weggeschmolzene Förderung
Das Wort „Förderung“ im Zusammenhang von Solaranlagen bedarf einer genaueren Betrachtung. Wenn im Jahr 2000 eine Solaranlage eine Kilowattstunde einspeiste, dann bekam der Anlagenbetreiber 50 Cent, und der Nachbar, der diese Kilowattstunde Strom verbrauchte, zahlte vielleicht 12 Cent. Das war natürlich eine enorme Förderung, egal wie man Grundgebühr, Zähler und Netzentgelte einrechnet.
Wenn aber jetzt eine Solaranlage eine Kilowattstunde für 7,86 Cent einspeist, dann werden dem Nachbarn für diesen Strom 36,57 Cent in Rechnung gestellt. In Summe zahlen die Nachbarn also 28,71 Cent pro Kilowattstunde an die Energieversorger, Leitungsbetreiber und den Staat. Da stellt sich inzwischen schon die Frage, wer hier eigentlich wen fördert. Vielleicht könnte das auch ein Grund dafür sein, dass es in Deutschland nicht so einfach wie in Österreich möglich ist, Energiegemeinschaften zu gründen.
Dr. Jürgen Goerge, Neuried
Bessere Speicher nötig
Vielen Dank für die ausführliche Darstellung des Vorschlags von Frau Reiche zu den privaten PV-Anlagen. Wir hier zu Hause sind begeisterte Betreiber eines PV-Anlagen-Konzepts. Wir erzeugen viermal so viel Energie, wie wir verbrauchen, was Heizung, alle elektrischen Geräte und Mobilität mit E-Auto und Rädern angeht. Neun Monate im Jahr sind wir autark. Das nur zu unserem privaten Hintergrund. Ich möchte auf zwei immer wieder vergessene Details der Energiewende hinweisen:
1. Warum darf ich meinen Strom nicht als privater Energieerzeuger verkaufen, an wen ich will, zum Beispiel an meine Nachbarn, die (noch) keine PV-Anlage haben? Wenn Frau Reiche erhöhte, subventionierte Einspeisevergütungen abschaffen will, muss auch das Monopol der großen Energieerzeuger weichen.
2. Wir brauchen dringend Energiespeicher, die nicht nur den Strom kurzfristig speichern, um über die Nacht zu kommen, sondern die Energie im Sommer für den Winter speichern. Natürlich sollte auch Energie aus sonnen- und windreichen Tagen für dunkle, windstille Tage gespeichert werden, Über- und Unterproduktion ausgeglichen werden. Das kann man zum einen mit Wasserstoff machen. Die Wasserstofferzeugung ist jedoch noch weit von den Notwendigkeiten entfernt. Zum anderen könnte man alte, ungenutzte Hohlräume wie zum Beispiel Bergwerke im Sommer mit Druckluft füllen und im Winter die gespeicherte Energie wieder nutzen. Speicherseen sind auch eine bekannte Form der Energiespeicherung, aber eben nicht überall einfach umsetzbar. Bestimmt gibt es dazu noch mehr Ideen …
Ich finde, solche Aspekte sind wichtig. Es ist kontraproduktiv, private Unterstützer zu demotivieren. Wenn ich mir Satellitenbilder anschaue, sehe ich ohne Ende ungenutzte (Dach-)Flächen ohne PV-Elemente, da ist noch sehr viel Potenzial. Es ist längst noch nicht so, dass die Gemeinschaft gut informiert ist über unsere technischen Möglichkeiten. Wir erfahren das immer wieder, wenn wir über unser System sprechen. Mehr Aufklärung ist nötig, keinesfalls mehr Hürden.
Ingo Dombrowski, Seelze
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