bedeckt München 16°

Kaiserreich:Deutungshoheit

150 Jahre nach Gründung gibt es Streit um die Bedeutung des deutschen Kaiserreichs für die Zeit und die Weltkriege danach.

Kaiser Wilhelm II. - Landgut Doorn

Die Büste von Kaiser Wilhelm II. vor dem niederländischen Landschloss Doorn unweit von Utrecht. Dort lebte der letzte deutsche Kaiser die Jahre nach seiner Abdankung 1918 bis zu seinem Tod 1941 im Exil.

(Foto: dpa)

Zu "Für den Zweifel", Literatur-Besprechung vom 3. Februar:

Aus dem Elfenbeinturm

Es muss wohl konzediert werden, dass Autor Oliver Haardt nicht in Deutschland lebt, und in Oxford mag man akademische Debatten eher verfolgen können, ohne die politisch-gesellschaftliche Situation in Deutschland erleben zu können. Hier gibt es eine starke rechtsextremistische Organisation, die sich "Reichsbürger" nennt, bei Corona-Demonstrationen und anderen rechten Protesten werden schwarz-weiß-rote Fahnen mitgeführt, die stärkste Oppositionspartei im Deutschen Bundestag zeigt ebensolche Tendenzen. Diejenigen, die sich auf das Kaiserreich berufen, hängen in der Regel nicht den fortschrittlichen Seiten jenes Staates an, die es sicher auch gegeben hat, nein, sie berufen sich auf die nationalistischen, obrigkeitsstaatlichen, autoritären, antisemitischen und fremdenfeindlichen Traditionen jener Epoche.

Um dem entgegenzutreten, ist es wichtig, sich um die Deutung des Kaiserreiches zu bemühen und wohl auch zu streiten, eine Feier zum Gründungsjubiläum sollte sich jedenfalls verbieten. Auch wenn, worüber sich die Historiker inzwischen wohl weitgehend einig sind, der Nationalsozialismus nicht eine notwendige Folge der Staatsideologie des Kaiserreiches war, so sind es doch jene eben genannten nationalistischen Züge, die den Boden für die Nazis bereitet haben. Und wenn genau an diese Züge heute wieder eine starke Bewegung anknüpft, dann müssen wir, um unsere Demokratie zu retten, auch darauf bestehen, dass das Kaiserreich eben keine Demokratie war. Geschichtsdeutung sollte deshalb auch nicht nur im akademischen Elfenbeinturm stattfinden, sondern auch dem politischen Streit um Werte zugänglich sein.

Michael Schultheiß, Berlin

Auf Perspektivensuche

Haardt wundert sich über die Schärfe der Debatte und vermisst die Schärfung des Geschichtsbewusstseins. Das ist löblich. Das Thema der Debatte - klingt nach Fritz Fischer - heißt aber heute: Wie soll man im 21. Jahrhundert die Bestandteile des 2. Kaiserreiches sehen, als Grundlagen für die Bundesrepublik nach 1945? Als verkorkste Neugründung des 1. Reiches? Oder als Orientierung zum "Griff nach der Weltmacht". Das Thema ist wegen dieses Kontextes so brisant. Der Zusammenbruch des 2. Kaiserreiches durch den verlorenen 1. Weltkrieg ist der Kernpunkt heutiger Perspektivensuche.

Bethmann-Holweg, Reichskanzler, will von Kurt Riezler, seinem jungen Referenten aus dem Auswärtigen Amt, ein Kompliment hören: "Habe ich die deutsche Öffentlichkeit nicht großartig an der Nase herumgeführt, als ich unseren Kriegseintritt mit ,Nibelungentreue' begründete und verheimlichte, dass eine waffentechnische Überlegenheit des Reiches gegenüber Russland, Frankreich und sogar England in der Obersten Heeresleitung angenommen wurde". Kein Krieg beginnt mit "Schlafwandeleien", sondern sie beginnen mit Befehlen, die von Personen zu bestimmten Zeiten erlassen werden. Die Schlafwandler-These ist der immer noch weiter betriebene Versuch den Kriegseintritt des Reiches zu camouflagieren.

Es war ein falscher Befehl, der die militärische Überlegenheit des Reiches angenommen hatte. Die Schärfung des Geschichtsbewusstseins ist insoweit immer noch in Deutschland nicht auf dem Stand der Wissenschaft. Die Öffentlichkeit ist immer noch betrogen. Man bezeichnet den Anfang des 1. Weltkrieges als "Kriegsausbruch". Dadurch wird er symbolisch-metaphorisch zum vulkanischen Ereignis erklärt, ohne Befehl und ohne Befehlenden (Günther Roth, John C.G.Röhl (Hrsg): Aus dem Großen Hauptquartier. Kurt Riezlers Briefe an Käthe Libermann 1914-1915, Wiesbaden, 2016).

Weil die Weimarer Republik ohne Demokraten war, schon drei Jahre nach ihrer Gründung, und weil das konstruktive Misstrauen fehlte, wird die Revolution von 1918 als Grundlage der Bundesrepublik heute nach verfassungsrechtlich erprobten Erfahrungen seit 1945 falsch gesehen. Außerdem: Man müsste den "Griff nach der Weltmacht" zurückdatieren - wofür es gute Gründe gibt - auf die Tiraden des Wihelms II.

Prof. Dr. Martin Sattler, Heidelberg

Nährboden für Extremisten

Was ich bei der Diskussion am meisten vermisse, ist der Hinweis auf die Tatsache, dass der jüdischen Bevölkerung im Kaiserreich alle bürgerlichen Freiheiten eingeräumt worden waren - im Wirtschaftsleben, an Hochschulen, beim Militär und im kulturellen Bereich. Nehmen wir nur als Beispiel die Familie Pringsheim: Der Schwiegervater von Thomas Mann war Universitätsprofessor in München (und glühender Wagner-Verehrer obendrein!), und dessen Vater war in Schlesien mit Bau und Finanzierung von Eisenbahnlinien zu sehr viel Geld gekommen.

Gerade die Situation in München damals während der Kaiserzeit war doch von großem Liberalismus in Kunst und Literatur geprägt, die aber leider auch für die Extremisten einen guten Nährboden zur Verfügung stellte. Diese Leute aber, und nicht der angeblich "durch und durch autoritäre Nationalstaat" waren es meines Erachtens, die das Verderben herbeiführten.

Dr. Fritz Anetsberger, Landshut

Blüte der Bürgerrechte

Über dem Streit um die Deutung des deutschen Kaiserreichs werden erstaunlicherweise positive wie negative Fakten gerne vergessen. Zu den positiven über jeden Streit erhabenen Fakten zählt die überragende Rolle der Wissenschaft, unterstützt durch massive Förderung. Die Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt 1887 durch Hermann von Helmholtz war epochal, ebenso die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911, der Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, und die Gründung des Deutschen Archäologischen Instituts 1874.

Die Bedeutung der Wissenschaft im Kaiserreich wird evident durch die große Anzahl von Nobelpreisen für deutsche Wissenschaftler. Die Wissenschaft in Deutschland war "unbestritten weltweit führend", wie der spanische Philosoph Ortega y Gasset 1930 feststellt. Hinzu kommt die fortschrittliche Sozialgesetzgebung mit Kranken- und Rentenversicherung 1883 bis 1889 und das Bürgerliche Gesetzbuch, das ab 1900 das allgemeine Landrecht ablöste.

Prof. Dr. Konrad Kleinknecht, München

Hinweis

Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungsäußerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, die Texte zu kürzen. Bei Veröffentlichung werden Vor- und Nachname sowie Wohnort benannt.

Außerdem behalten wir uns vor, Leserbriefe auch hier in der Digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und bei Süddeutsche.de zu veröffentlichen.

forum@sueddeutsche.de

© SZ vom 02.03.2021
Zur SZ-Startseite