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Impfen:Selbstbestimmte Patienten

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Eine Leserin, selbst Kinderärztin und vielfache Mutter, plädiert für mehr Differenzierung beim Thema Impfen. Patienten, die am Impfen zweifelte, hätten ein Anrecht auf weiterführende Informationen.

"Alternative Fakten sind der Lebenssaft des Populismus" vom 14. September:

Soll ich mich wirklich äußern zu diesem sensiblen Thema Impfen? Kann ich mich trauen, vertrauen? Ja, ich kann. Als jahrelang tätige, sehr erfahrene Kinderärztin und Mutter von sieben Kindern. Als Frau, die keinerlei Neigung verspürt, für Verschwörungstheorien anfällig zu sein. Als Mensch, der Vertrauen hat in unser demokratisches System.

Kaum ein medizinisches Thema ist so behaftet wie das Impfthema. Eltern wie das Ehepaar Sieveking im Film "Eingeimpft" gibt es viele. Gebildete Menschen, die sich in vielen verschiedenen Lebensbereichen mit einer Thematik kontrovers beschäftigen. In diesem Falle betrifft die Thematik allerdings auch noch den wichtigsten Menschen, nämlich das eigene Kind.

In meiner Praxis berate ich zahlreiche Elternpaare, die sich mit den Impfungen für ihr Kind intensiv auseinandersetzen, die allerwenigsten allerdings würden gar nicht impfen. Der größte Anteil dieser Eltern sind Menschen, die sich zum einen eine sehr ausführliche Beratung wünschen und zum anderen ihrer eigenen Lebenssituation angepasst impfen möchten.

Oft genug werden diese Eltern bei der ersten kritischen Nachfrage zu Impfungen aus anderen Praxen verwiesen. Ich frage mich, warum dies so ist, da spätestens dann die Diskussion emotional besetzt und die Thematik ideologisch behaftet ist.

Wir wissen doch, dass unsere deutsche Stiko-Empfehlung keineswegs die unserer europäischen Nachbarn ist. An dieser Stelle lohnt es sich, andere Impfempfehlungen einmal anzuschauen. Eltern, die sich kritisch mit Impfungen auseinandersetzen, haben uneingeschränkt das Recht dazu.

Für jedes Medikament, das wir unseren Kindern verabreichen, werden wir aufgefordert, die Packungsbeilage zu lesen. Der Beipackzettel vor Verabreichung einer Impfung aber bleibt in der Regel für Eltern unsichtbar. Juristisch sind wir Kinderärzte dazu angehalten, detailliert über unerwünschte Wirkungen nach Impfungen aufzuklären. Individuell ist die Verträglichkeit der Impfstoffe von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Dies zu akzeptieren und mit entsprechender Sorgfalt zu impfen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ebenso wie die Akzeptanz individueller Entscheidungen.

In der Version des Genfer Gelöbnisses von 2017 wurde die Selbstbestimmung des Patienten als weiterer Punkt aufgenommen, dies sollten wir in unserem ärztlichen Handeln nicht außer Acht lassen.

Dr. Margarete Daiber-Helmbold, Hannover

© SZ vom 26.09.2018

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