Ihre PostIhre Post zum Brandanschlag in Tröglitz

In Sachsen-Anhalt wurde ein Haus in Brand gesteckt, das Flüchtlinge aufnehmen sollte. Aber nicht nur dort, meinen SZ-Leser, ist Fremdenfeindlichkeit an der Tagesordnung - und die Politik hält sich raus.

Vater Staat hält sich raus

Zu Berichten über den Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim im sachsen-anhaltischen Tröglitz:

Dass die SZ den Vorkommnissen in Tröglitz kritische Aufmerksamkeit widmet, ist sehr begrüßenswert. Was sich dort ereignet hat, liegt leider in einem besorgniserregenden, nicht auf diesen Ort beschränkten Trend. Verfolgt man in Online-Ausgaben der Presse die unter Pseudonymen wiedergegebenen Stellungnahmen aus der Leserschaft, könnte man glatt verzweifeln, welche Resonanz fremdenfeindliche Demagogie findet und in welcher Minderheit Bürger sind, die vernünftige Standpunkte zu äußern wagen.

Tröglitz im Burgenlandkreis ist nicht weit von meinem Wohnort Gera (Ostthüringen) entfernt. Auch hierorts ist behördlich eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende geplant, und Sie machen sich kaum eine Vorstellung, wie fremdenfeindlicher Mob demagogisch dagegen vorgeht. Beschimpfung und Handgreiflichkeit gegen Bürger, die humanerweise die Position "Refugees welcome" vertreten, haben sich, auch in Mediengegenwart, ereignet. Es wird, durchaus vergleichbar mit Tröglitz, auf Einschüchterung vernünftiger Andersdenkender spekuliert. Doch wen überrascht das ? Lässt man das unrühmliche NSU- Geschehen Revue passieren, ist jenes doch himmelschreiend genug. Demagogen und Unrechtstäter haben nichts zu befürchten. Hingegen haben, die sich ihnen entgegenzustellen riskieren, hohe Risiken zu gewärtigen, und "Vater Staat" hält sich heraus, als ob es ihn nichts anginge. So versündigt man sich am Image der Demokratie. Es bedarf keiner Fantasie, um vorauszusehen, wohin es führen wird, wenn die für die öffentliche Sicherheit Verantwortlichen weiter so dilettantisch agieren wie bisher, anstatt Demagogie und politisch motiviertem Extremismus die Stirn zu bieten. Auch der in Betracht gezogenen Geraer Erstaufnahmeeinrichtung ist "Abfackeln" in Aussicht gestellt worden. Wie lange will die Staatsmacht noch versagen? Karlheinz Andert, Gera

Bild: Hendrik Schmidt/dpa 14. April 2015, 19:412015-04-14 19:41:47 © Süddeutsche Zeitung vom 15. April 2015