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Humor:Was Kabarett kann, darf - und soll?

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Spöttisch und kritisch muss es sein, aber welches Niveau der Witz vor allem von Fernseh-Satire hat und haben soll, darüber sind Leserinnen und Leser sehr unterschiedlicher Ansicht.

Zu "Witz komm raus", 19./20. Dezember:

Ein Scherbenhaufen darf bleiben

Das Kabarett muss keine Lösungen bieten. Verunsicherung, Verstörung und Irritation zu erzeugen, sind und bleiben seine Kernkompetenz. Bestehende Denkmuster und Lösungsstrukturen provokativ infrage zu stellen und aufzubrechen, ist auch heute noch die primäre Aufgabe von Kabarett. Da kann dann auch schon mal ein Scherbenhaufen zurückbleiben. Diesen aufzukehren und konstruktiv zu verarbeiten, ist Herausforderung des gesellschaftlichen und politischen Diskurses. Kabarett darf in diesem Sinne immer auch destruktiv sein. So viel zur Aufgabenteilung. Und diese gilt natürlich auch in der aktuellen Spätmoderne, in der es scheinbar mehr Fragen als brauchbare Antworten gibt. Auch in dieser Epoche fungiert Kabarett immer nur als Katalysator in einem umfassenden gesellschaftlichen Umbruchprozess.

Die aufklärerische Funktion bleibt dennoch erhalten, solange es nicht zur reinen Selbstvergewisserungsveranstaltung (Wir hier und die dort) verkommt. Das sind dann eben nicht mehr die "hingeschmunzelten Fußnoten zur Weltgeschichte", wie man sie aus dem Kabarett der 80er- und 90er-Jahre kennt. Das aktuelle Kabarett füllt damit ein Stück weit das Vakuum in der derzeitigen gesellschaftlichen Debatte. Dies spiegelt sich leider auch auf inflationäre Art und Weise in den TV-Programmen und den Talkshow-Runden wider.

Man kann das den Kabarettisten aber nicht zum Vorwurf machen. Hier sind die Politiker und Medienmacher gefordert. Nur sie können die konstruktive und gegenseitig befruchtende Balance aus Kabarett und "echter" gesellschaftspolitischer Debatte wiederherstellen. Das verlangt Mut und Verzicht auf Einschaltquoten.

Philipp Reil, Grafrath

Es geht doch nur um Witz to go

Als wären die Covid-Fallzahlen nicht schon Qual genug, befällt nun auch wieder mit der Regelmäßigkeit einer saisonalen Zwangshandlung Hilmar Klute in der SZ das Kabarett. Was Hilmar aber von Covid unterscheidet, ist die Mutationsfähigkeit. Sie fehlt ihm gänzlich, er präsentiert uns diarrhöartig seit gefühlt einigen Jahrzehnten immer den gleichen Silbenhaufen.

Da sitzt offenbar ein Autor in anhaltender Wahrnehmungsquarantäne vor dem Fernseher, glotzt gelangweilt in Satire-Fertigprodukte und hält das, was er dort betrachtet, für Kabarett. Weil er offenbar nichts anderes kennt. Was er sieht, das ist keine Satire, das ist ein Krimi. Die Ermordung eines Genres. Fernsehkabarett, das ist ein Widerspruch in sich. Eine Erkenntnis, die längst die Stammtische erreicht hat. Aufklärung und Quotenangst, Radikalität und Proporz, Kämpferseele und Redakteurshirn, das findet keinen kleinsten gemeinsamen Nenner. Nicht mal in Virengröße. Fernsehkabarett, das ist ein Kastratenballett. Witz to go. Es ist, als beklage jemand die Ernährungskultur in Deutschland und beschreibt nur die Tiefkühlkost.

Sigi Zimmerschied, Kabarettist, Passau

Uns den Spiegel vorhalten

Die gesamte Kabarett-Szene Deutschlands wird einmal querbeet abgewatscht. Kabarettisten werden samt und sonders als Kabarett-Clowns, aber auch als Klinik-Clowns und sogar als Politclowns bezeichnet. Wieso eigentlich als Polit-Clowns? Bis auf den erwähnten Martin Sonneborn ist keiner der Kabarettisten auch als hauptamtlicher Politiker tätig. Was sollen solche Attribute wie "der Egon Bahr der Postdemokratie". Geht es noch verschwurbelter?

Kabarettisten agieren nicht, sie setzen nicht die Themen. Sie reagieren auf Phänomene in Politik und Gesellschaft. Sie halten uns den Spiegel vor, mal mehr, mal weniger gekonnt. Das ist ihr Job. Dafür zahlt das Publikum, dafür werden auch Preise vergeben.

Dr. Anton Weber, Regensburg

Jeder fühlt sich heute kompetent

Ich finde den Artikel einfach grandios. Ich fühle mich da aber ziemlich alleine mit meiner Meinung, wenn ich die Auszeichnungen für die Heute Show lese und die langen Erläuterungen zur politschen Entwicklung von "Professor" Oliver Welke höre. Aber jeder fühlt sich ja heute kompetent, politische Zusammenhänge einzuordnen, und keiner kommt auf die Idee zuzugeben, dass man nicht weiß, was der bessere Weg ist, aber tut so, als wenn "der Kabarettismus die letzte Instanz der Wahrheitsfindung (ist)" - Das Schlimme daran ist, dass einige Kabarettisten nicht nur so tun, sie glauben es sogar - und nicht nur sie, sondern auch die Verantwortlichen, die sie in "seriöse" Diskussionsrunden einladen.

Dr. Gisela Rüß, Berlin

Einfluss von Satire überschätzt

Der Autor trauert offensichtlich guten alten Zeiten nach, als "Kabarettisten hingeschmunzelte Fußnoten zum Weltgeschehen" lieferten und Helmut Qualtinger seinen Herrn Karl endlos räsonieren ließ. Und er überschätzt maßlos den Einfluss der Fernsehsatiriker auf den öffentlichen Diskurs. Eine Stunde pro Woche mit der Heute Show oder der Anstalt - das soll tonangebend für den öffentlichen Diskurs sein? Satiresendungen sind eher eine spaßige Marginalie im von mehr oder weniger ausgewogener Information bestimmten öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Satire ist laut Duden eine "Kunstgattung, die durch Übertreibung, Ironie und (beißenden) Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt". Wer wie Hilmar Klute von Satire solide politische Information erwartet, verkennt gründlich die Spezifik dieses Mediums.

Dr. Rutger Booss, Herdecke

Das Genre wird sich regenerieren

Endlich! Schon seit langer Zeit können wir insbesondere in den gebührenfinanzierten Kanälen beobachten, dass uns sogenannte Comedians überfluten mit zum Teil hirnlosen Beiträgen und Sendungen. Es scheint einem breiten Publikum zu gefallen, die Nachfrage nach solchen halb fertigen Gesprächsduseleien besteht, und wie Hilmar Klute sehr richtig ausführt, wird das brachiale Umdekorieren in Politik, Gesellschaft und Kultur beklatscht.

Wenn wir weit, weit zurückdenken, welche tollen Kabarettisten sind uns zum Beipiel in den Stachelschweinen oder in der Münchner Lach und Schieß verloren gegangen? Helmut Qualtinger, furchterregender, grandioser Schwarz-Weiß-Maler.

Vieles wird sich nach Corona ändern, Geschäftsreisen werden gestrichen, es gibt Videokonferenzen. Auslandsurlaub wird gestrichen, wie schön ist die Oberpfalz. Vielleicht regeneriert sich auch die Kultur in diesem Bereich. Schade wäre es nicht - Herr Klute, bleiben Sie dran.

Karlheinz Wittauer, Schwandorf

© SZ vom 24.12.2020
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