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Holocaust-Gedenken:Steinmeiers große Aufgabe

75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wog die Bürde der öffentlichen Aufmerksamkeit für den Bundespräsidenten schwer. Für seinen Auftritt und seine Rede auf Englisch erntete er auch Kritik.

Zu "Der Auftrag" und "Gegen die Geister der Vergangenheit" vom 30. Januar, "Über Leben in Auschwitz" und "Wozu Auschwitz verpflichtet" vom 25./26. Januar sowie zu "Steinmeier: Es ist dasselbe Böse" vom 24. Januar:

Tiefer nach Ursachen forschen

Was ist die Ursache von Antisemitismus? Das ist die Frage, um die es geht. Wenn man wie unser Bundespräsident glaubt, dass das Böse die Ursache ist, dann kann man nur feststellen, dass nichts gegen das Böse hilft, weder die Erinnerung noch der Versuch, etwas aus der Geschichte zu lernen, und nur die eine Antwort bleibt: "Nie wieder! Niemals wieder!" Man kann dann zwar versprechen, mit allen Mitteln das Böse in Form des Antisemitismus zu bekämpfen, nur wie man es bewerkstelligen will, dass dieses Böse niemals wieder auftaucht, bleibt ein Rätsel.

Wenn wir im Mittelalter leben würden, könnte man sich mit der Antwort unseres Präsidenten zufriedengeben. Heutzutage kann man aber schon erwarten, dass untersucht wird, worin das antisemitische Denken genau besteht, weil erst das Wissen, wie dieses Denken funktioniert, einen in die Lage versetzt, etwas gegen dieses Denken zu unternehmen. Man darf sich dabei nicht mit der Antwort zufriedengeben, das antisemitische Denken bestehe halt darin, dass Juden als Feinde des deutschen Volkes betrachtet werden, sondern muss der Frage nachgehen, auf welchen Überzeugungen wiederum dieser Glaubenssatz beruht.

Dr. Jens Lipski, München

Die Jugend muss sich versöhnen

75 Jahre sind vergangen seit dem Untergang des Dritten Reichs, die vierte Generation nach der der Täter ist mittlerweile erwachsen, junge Menschen, die für Taten der Urgroßvater nicht verantwortlich sind und sie doch als bleierne Last mit sich herumtragen sollen. Unser Bundespräsident, Angehöriger der dritten Generation, "darf" in Israel sprechen, jedoch nicht in der Sprache der Täter. Wie bitte? Diese Sprache ist auch die Sprache der Nichttäter.

Steinmeier in Auschwitz

Schwerer Gang nach Yad Vashem: 75 Jahre nach Befreiung des KZs von Auschwitz legt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen Kranz nieder an der Holocaust-Gedenkstätte. Seine Rede wurde mit großem Augenmerk verfolgt.

(Foto: Ronen Zvulun/AP)

Das klingt nicht nach Vergebung. Und solange es die nicht gibt, kann es keine Versöhnung geben. Wir nähern uns der mittlerweile vierten Generation nach der der Opfer, stets mit gesenktem Kopf und in Demutshaltung. Da nimmt es mich nicht wunder, dass der - nur scheintoten - Hydra des Antisemitismus wieder neue Köpfe nachwachsen. Es sollte uns Angst machen und den Juden in unserem Land auch. Unsere Jungen und jüdischen Jugendlichen müssen sich auf Augenhöhe begegnen, ohne Altlasten, sonst könnte sich die Geschichte wiederholen.

Renate Seitz, München

Krakeeler in Schranken weisen

Bundespräsident Steinmeier hat in Jerusalem und in Auschwitz genau die richtigen Worte und Gesten gefunden. Dass er dafür in den sozialen Medien teilweise übel angegangen wird, ist schockierend. Aber leider auch bezeichnend für unsere Zeit, in der sich die rechten Pöbler und die Relativierer mehr und mehr aus der Deckung trauen. Dieser lauten und frechen Minderheit muss man jetzt noch lauter und entschiedener entgegentreten. Nein, nicht Frank-Walter Steinmeiers Worte in Yad Vashem sind eine Schande, sondern Menschen, die es wagen, ihn deswegen anzugehen. Wir können überaus dankbar sein für einen Bundespräsidenten, der die Vogelschiss- und Schlussstrich-Krakeeler als die geistigen und moralischen Zwerge entlarvt, die sie nun mal sind!

Winfried Off, Gablingen

Die Sprache ist nicht schuld

Um es ganz deutlich vorweg zu sagen: Ich habe inhaltlich nicht das Geringste an der Rede unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei seiner äußerst schwierigen Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem infrage zu stellen, das steht mir auch gar nicht zu. Aber dass er, als deutsches Staatsoberhaupt, diese Rede auf Englisch hält, da Deutsch - und so haben es die Fernsehmedien bei uns verbreitet - ja Tätersprache sei, ist schon zu beanstanden. Wenn Deutsch zu verschmutzt ist und er deshalb auf Englisch ausweicht, dann ist diese Sprache offenbar makellos. Was natürlich Unsinn ist, denn Sprache, keine Sprache, kann man kriminalisieren. Aber man kann sie beschädigen. Sprache ist das größte Kulturgut eines jeden Landes. Unsere Sprache ist die Grundlage für unser demokratisches Gemeinwesen. Sie ist der Garant für Teilhabe und sollte schon deshalb nicht zur Sprache der NS-Verbrecher verteufelt werden.

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Der damals einzige Holocaust-Überlebende im israelischen Parlament, der Knesset, Oppositionsführer Tommy Lapid, sprach anlässlich des Israelbesuchs des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Er sagte am 2. Februar 2005, bevor der Bundespräsident dort seine beeindruckende Rede auf Deutsch hielt: "Deutsch ist nicht nur die Sprache von Hitler, Goebbels und Eichmann, sondern auch die von Goethe, Schiller und Heine. Die Sprache ist nicht zu beschuldigen, nur diejenigen, die sie missbrauchen." In jeder Sprache kann man wunderbare Liebesgedichte schreiben, und in jeder kann man mörderische Befehle geben. Die Sprache als solche kann nichts dafür, wenn sich hasserfüllte und wahnsinnige Schreier ihrer bedienen. Aber durch die bewusste Nichtbeachtung der eigenen Sprache macht Bundespräsident Steinmeier vor aller Welt deutlich, dass das heutige Deutschland sehr wohl was Wesentliches mit dem Deutschland von damals gemein hat, nämlich die deutsche Sprache. Denn wenn er pauschal schon unsere Sprache als Tätersprache indirekt in Mithaftung nimmt, drückt er damit allen Angehörigen dieser Sprachgemeinschaft den gleichen Stempel auf.

Für die abgrundtiefen Verbrechen während der NS-Zeit ist niemand, der während des Zweiten Weltkriegs oder danach geboren wurde, persönlich verantwortlich. Das bedeutet nicht, dass Deutschland, als Nachfolgestaat des barbarischen Hitlerregimes, nicht weiter die politische Verantwortung für den industriellen Massenmord an unschuldigen Menschen trägt. Aber weiß unser Bundespräsident nicht, wie sehr damals die aus Deutschland geflüchteten und vertrieben Emigranten, besonders die Schriftsteller unter ihnen, darunter litten, nicht mehr in ihrer geliebten Muttersprache veröffentlichen zu können? Und als ehemaligem Außenminister, dem weltweit die Goethe-Institute unterstehen, müsste ihm klar sein, dass er Deutsch nicht nur im Inland als Tätersprache diskreditiert und somit zur eigenen Selbstverachtung beiträgt, sondern auch im Ausland. Wer möchte da noch die Sprache Goethes, Schillers und Lessings lernen, wenn sie doch eher die der Hitlers, Goebbels und Himmlers ist?

Dietmar Kinder, Elsdorf-Heppendorf

Unlautere Grenzziehung

In mehr als einer Hinsicht finde ich den gesamten Kommentar "Der Auftrag" unsäglich: Den israelischen Staatspräsidenten als "Freund, wie er großartiger nicht sein könnte" zu bezeichnen, ist durch nichts zu rechtfertigen, außer durch den Willen zu Schmeichelei. Schließlich hat Rivlin seine Redezeit weidlich ausgenutzt, die nicht erkennbar friedlichen Interessen des Staates Israel deutlich zu machen: Man könne sich verteidigen, was wohl gleichbedeutend ist mit "ist kriegsbereit", Aufgabe der deutschen Politik sei es, Iran zu isolieren.

Unsäglich auch die Grenzziehung zwischen guten Deutschen die "bestrebt sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden" und denen, "die verführbar bleiben". AfD-Anhänger und noch weiter rechts stehende Personen in Deutschland werden hier noch weiter nach rechts verwiesen (nämlich an die Seite der NS-Täter) als sie ohnehin sind.

Gisela Plath, Kutzenhausen

© SZ vom 11.02.2020

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