Hochwasserschutz:Wohnen auf Stelzen

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Hochwasserschutz: Rechtenfleth, Niedersachsen: Hier stehen mehr als ein Dutzend solcher Häuser direkt an der Weser nebeneinander.

Rechtenfleth, Niedersachsen: Hier stehen mehr als ein Dutzend solcher Häuser direkt an der Weser nebeneinander.

(Foto: Joachim Göres)

Stelzenhäuser könnten eine Antwort darauf sein, wie man in Hochwassergebieten bauen kann. Aber es gibt auch Kritik.

Von Joachim Göres

Wie kann man hochwassersicher bauen? Eine Frage, die spätestens seit dem verheerenden Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mit mehr als 180 Toten und Milliardenschäden aktueller denn je ist. Eine gar nicht so neue Antwort darauf sind Stelzenhäuser - Häuser, die auf Pfeilern stehen. Im niedersächsischen Rechtenfleth unweit der Autobahn Bremen-Bremerhaven findet man mehr als ein Dutzend derartiger Gebäude nebeneinander direkt an der Weser. Sie werden als Wochenend- und Ferienhäuser bewohnt. Eine Baugenehmigung gab es nur, weil die Wohnnutzung erst im ersten Obergeschoss beginnt, sodass niemand gefährdet wird, wenn die Weser über die Ufer tritt.

"Das Gelände hier kann schon mal einen Meter und mehr unter Wasser stehen. Wegen Ebbe und Flut ist man aber nie länger als ein paar Stunden vom Wasser eingeschlossen", sagt Eilert Wilcks. Nach den Plänen des Architekten wurde in Rechtenfleth vor einigen Jahren ein Stelzenhaus erneuert: Nur die zwölf Betonpfeiler mit einem Durchmesser von jeweils 50 Zentimeter sowie die Fundamentplatten blieben erhalten. Darauf wurde als Plattform eine Konstruktion aus verzinktem Baustahl gesetzt. Auf der Stahlkonstruktion steht das in Holz-Tafelbauweise errichtete Haus, das in einer Höhe von 5,20 Meter beginnt - höher als der abgerissene Vorgängerbau.

Nötig wurden die neuen Maße, weil der Wasserstand seit den Siebzigerjahren und damit auch die Wahrscheinlichkeit höherer Sturmfluten gestiegen ist. Das führte zu strengeren Vorgaben des Landkreises Cuxhaven, zuständig als Behörde für die Baugenehmigung und die Deichsicherheit. Das kastenförmige Gebäude erstreckt sich über zwei Stockwerke und bietet insgesamt 57 Quadratmeter Platz.

Rund 300 000 Euro hat der Neubau gekostet

Dazu gehören ein offener Wohnbereich mit Küche und Theke, ein Schlafzimmer, ein Duschbad, ein kleines WC sowie ein Technikraum. Zudem gibt es auf beiden Ebenen noch Außenterrassen, auf die man durch die großen Glastüren gelangt und von denen aus man einen weiten Blick über die breite Weser hat, die weiter nördlich in die Nordsee mündet.

Insgesamt ist die ganze Konstruktion rund 13 Meter hoch und überragt damit deutlich die benachbarten Stelzenhäuser. Die Höhe führt zu hohen Windbelastungen, was bei der Berechnung der Statik berücksichtigt werden musste. Zudem musste das Wasser- und Schifffahrtsamt bei der Gesamthöhe zustimmen, weil das Haus die Radarüberwachung für die Schifffahrt nicht stören darf. Rund 300 000 Euro hat der Neubau gekostet, der von der Planung bis zur Fertigstellung innerhalb von zwei Jahren errichtet wurde.

"Die Kosten liegen um rund 50 Prozent über denen eines vergleichbaren Baus ohne Stelzen", sagt Wilcks und ergänzt: "Die Abstimmung mit den Behörden erfordert mehr Zeit, die Planungen für das Tragwerk sind intensiver, die Bauzeit verlängert sich, vor allem die Anbindung des Holzrahmens an die Stahlkonstruktion verteuert das Ganze." Nach seinen Worten hat die besondere Konstruktion keinen Einfluss auf die Anordnung der Räume. Allerdings sei das Ferienhaus, in das man über eine Treppe gelangt, nicht barrierefrei. Dafür müsste man einen Lift einbauen - und dann wäre es nach einem Hochwasser bei dem aufgeweichten Boden immer noch schwierig, sich auf dem rund 2500 Quadratmeter großen Grundstück zu bewegen.

"Stelzenhäuser verändern das Ortsbild massiv."

Das Stelzenhaus - auch eine Lösung beim Wiederaufbau im Ahrtal? Annette Müller, Sprecherin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, ist skeptisch. Sie berichtet von Veranstaltungen der Architektenkammer in den vom Jahrhunderthochwasser betroffenen Gebieten zum Thema Wiederaufbau. "Die Vorstellung, dass die zerstörten Gebäude durch Stelzenhäuser ersetzt werden, ist für viele Menschen in der Region ein Schreckgespenst", sagt Müller.

Dabei gehe es nicht um die mit der Errichtung verbundenen erhöhten Kosten. "Egal, wie man in einem Hochwassergebiet baut, es wird in jedem Fall teurer, wenn man eine Baugenehmigung bekommen will", betont Müller und ergänzt: "Stelzenhäuser verändern das Ortsbild massiv, gerade in historisch gewachsenen Gemeinden, die vom Tourismus leben. Es ist ein Riesenunterschied, ob sich unten ein Loch mit Stelzen befindet oder nicht."

Entscheidend sei die Wohnnutzung. Konkret: Unten ist Platz für die Garage, die bewohnte Fläche beginnt weiter oben - dann könne das Gebäude bis auf die Erde mit Außenwänden ausgestattet werden. Als positives Beispiel nennt Müller ein vor einigen Jahren neu erbautes Hotel in Kröv direkt an der Mosel, wo man an Hochwasser gewöhnt ist: "Das Erdgeschoss wird für Garagen und Lagerräume genutzt, die man nach einem Hochwasser gut reinigen kann", erzählt sie. Bei der dunklen Schieferfassade habe man sich an der historischen Bauweise der Umgebung orientiert. "Die Tore aus Eichenholz im Erdgeschoss erinnern nicht an die typische Garagenoptik."

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