Hochwasserschutz:Gegen die Flut

Hochwasserschutz: Sandsäcke vor der Haustür helfen nur wenig gegen das Eindringen von Wasser. Aber der Einbau von teuren Schutzvorrichtungen ist auch nicht immer die beste Lösung.

Sandsäcke vor der Haustür helfen nur wenig gegen das Eindringen von Wasser. Aber der Einbau von teuren Schutzvorrichtungen ist auch nicht immer die beste Lösung.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Infomobil des "Hochwasser Kompetenz Centrums Köln" fährt seit Jahren durch die Republik, um aufzuklären, wie man sich am besten schützt. Zwischenstopp im niedersächsischen Oldau.

Von Joachim Göres

260 Kilometer ist die Aller lang. Der Fluss entspringt in Sachsen-Anhalt und fließt bei Verden in die Weser. Viele Anwohner erinnern sich noch gut an ein schweres Aller-Hochwasser, auch wenn das schon fast 20 Jahre her ist. Das Interesse der Bürger am Aktionstag Hochwasservorsorge im niedersächsischen Oldau ist jedenfalls groß. Mit dabei: das Infomobil des "Hochwasser Kompetenz Centrums Köln" (HKC). Es fährt seit Jahren mit einer Menge Material kreuz und quer durch Deutschland, um bei Veranstaltungen auf das Thema aufmerksam zu machen, aber auch um Schutzkonzepte vorzustellen: von verschiedenen Entwässerungspumpen über mobile Wände bis hin zum Fäkalien-Rückstauautomaten.

Ein älteres Paar schaut sich alles genau an, dann zückt die Frau ihr Smartphone mit Aufnahmen ihres nicht weit von der Aller entfernt liegenden Hauses, hält es dem Experten vor die Nase und fragt ihn: "Wir haben noch nie Wasser in unserem Haus gehabt, aber wie können wir uns im Extremfall schützen?" Solche Fragen hört Michael Czernetzki immer wieder, seit dem schlimmen Hochwasser an der Ahr in diesem Sommer noch häufiger als vorher. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass die vermeintlichen Jahrhundertfluten künftig als Folge des Klimawandels überall zunehmen dürften. Czernetzki freut sich über das wachsende Interesse. Er ist Mitbegründer des HKC - das ist ein gemeinnütziger Verein, der über mögliche Gefahren und Schutzmaßnahmen aufklären will.

Mit dem HKC-Infomobil ist er allerdings nicht ganz uneigennützig unterwegs, denn er vertritt in Deutschland das norwegische Unternehmen Aqua Fence. Das stellt unter anderem Vorrichtungen für Fenster und Türen aus Aluminium und Holz her, die vor Starkregen und Hochwasser schützen sollen. Sie müssen je nach Größe und Form der Fenster und Türen speziell angepasst werden und kosten pro Stück etwa 1000 Euro. Solche mobilen Lösungen, die im Notfall vom Kunden selbst eingesetzt werden, müssten vor allem einfach und schnell installierbar sein, sagt Czernetzki.

Für einen ein Meter hohen Damm braucht man 100 Sandsäcke

Das HKC hat einen Hochwasser-Pass entwickelt, der Interessierten helfen soll, die mögliche Gefährdung ihrer Immobilie besser einzuschätzen, wenn es um Flusshochwasser, Starkregen, Kanalrückstau und Grundhochwasser geht. Dazu kann man einen ausgefüllten Fragebogen an das HKC schicken, von dem man anschließend eine Kurzbewertung erhält. Auf der Seite www.hochwasser-pass.com gibt es zudem Hinweise auf spezialisierte Ingenieurbüros und andere Fachbetriebe in ganz Deutschland, die konkrete Schutzmaßnahmen empfehlen, planen und durchführen.

"Wir haben diesen Pass mit der Versicherungswirtschaft erarbeitet. Man kann sich bei seinem Versicherer erkunden, ob er einen Rabatt auf die Prämie gewährt, wenn man die empfohlenen Maßnahmen umsetzt", sagt Reinhard Vogt, langjähriger HKC-Geschäftsführer. Damit spricht er die Elementarschadenversicherung an, die unter anderem Schäden durch Starkregen, Überschwemmung, Rückstau und Hochwasser deckt. Dabei gelten je nach Versicherungsunternehmen unterschiedliche Bedingungen, wann welche Schäden übernommen werden.

Vogt bevorzugt feste vor mobilen Lösungen, also zum Beispiel das Zumauern von Kellerfenstern statt das vorübergehende Einsetzen von Schutzvorrichtungen für Fenster und Türen. "Es besteht bei mobilen Lösungen immer die Gefahr, dass bei plötzlichem Starkregen oder Hochwasser in der Eile und Aufregung etwas falsch gemacht wird und die Schutzvorrichtungen nicht absolut dicht eingesetzt werden", sagt Vogt.

Auch seien teure Lösungen wie zum Beispiel der Einbau von besonders wasserdichten Fenstern nicht unbedingt der beste Schutz. "Oft ist es günstiger und auch schöner, durch die Umgestaltung des Grundstücks das Wasser vom Haus wegzuleiten. Dazu kann zum Beispiel die Umwallung der Terrasse dienen", sagt Vogt. Vom Aufbau eines Vorrats mit Sandsäcken hält er nichts - die eigneten sich nur für geringe Wasserstände: "Die meisten sind nicht lagerfähig. Für einen ein Meter hohen Damm braucht man alleine 100 Sandsäcke. Da ist eine klappbare Wand besser, die allerdings speziell angefertigt werden muss."

"Der Markt für Pumpen, Notstromaggregate und Trocknergeräte ist leer gefegt"

Wenn die HKC-Experten in ihrem Infomobil beraten, werden sie vor allem nach Rückstauventilen gefragt. Die sollen verhindern, dass das Wasser aus einer überfüllten Kanalisation durch die Abwasserrohre ins Haus drückt. Bei schweren Niederschlägen muss man je nach Modell die Rückstauklappe entweder selbst schließen, oder sie schließt sich automatisch. Dann kann allerdings auch nicht mehr in der Waschküche das Wasser der Waschmaschine abfließen. Solche Rückstauverschlüsse, die sich am Abfluss befinden und an einem roten und grünen Punkt zu erkennen sind, gibt es in vielen Häusern, nur wissen das die Bewohner oft gar nicht. "Wichtig ist, dass die Klappen regelmäßig auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft werden. Sie können auch nachträglich eingebaut werden, aber an der richtigen Stelle, sonst bringen sie nichts", sagt Vogt. "Auch in Wohnungen ohne Keller kann das Wasser von unten reindrücken, zum Beispiel über die Dusche."

Solche Ratschläge stoßen auf offene Ohren. Viele Interessierte sind bereit, in nächster Zeit zu investieren - und müssen sich zunächst mal gedulden, wegen der großen Nachfrage nach dem Ahr-Hochwasser und der allgemeinen Rohstoffknappheit. "Der Markt für Pumpen, Notstromaggregate und Trocknergeräte ist leer gefegt, zudem steigen die Preise", sagt Vogt.

Eine hundertprozentige Absicherung gegen die Folgen von Starkregen gibt es nicht. Vogt hat daraus seine Schlüsse gezogen - er plädiert dafür, dass neue Gebäude nicht mehr am Boden errichtet werden: "Ich bin für Pfahlbauten in allen gefährdeten Gebieten."

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