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Hilferuf der Wirecard-Aktionäre:Erst Börsengier, dann Katzenjammer

Wer seine ganze Altersvorsorge auf eine Aktie gründet und nun nach Staatshilfe ruft, handelt etwa so wie ein Lottospieler, der den ausgebliebenen Gewinn vom Finanzminister erstattet haben möchte. Finden jedenfalls SZ-Leser.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

Zu "Kanzlerin, hilf!" und "Selbst schuld" vom 4. Februar:

Alle für einige, wirklich?

Da müssen wirklich Tränen fließen ob der angeblich vielen Privatanleger, die bei der Wirecard-Pleite ihr ganzes Vermögen und die Altersvorsorge verloren haben. Ich kann mir - neben Blödheit - nur einen Grund vorstellen, warum jemand sein ganzes Geld in einen Aktientitel investiert: Gier. Die Gier, an den zeitweise erheblichen Kurssteigerungen dieser Aktie zu partizipieren und damit ohne Anstrengung viel Geld zu gewinnen. Dabei weiß man doch seit Beginn der Börse, dass man sich nicht an Firmen beteiligen sollte, deren Geschäftsmodell man nicht versteht. Dazu noch die Binse, dass man nicht alle Eier in einen Korb legt. Jetzt ist das Gejammer groß und der Ruf nach Entschädigung durch den Staat. Warum sollten wir alle jetzt für eine solche Entschädigung aufkommen?

Rolf-Dieter Hölzel, Konstanz

Naiver Hilferuf

"Kanzlerin, hilf!" - wie naiv ist dieser Hilferuf! Vielleicht kommt irgendjemand auf die Idee, unsere Bundeskanzlerin um eine Entschädigung für erhoffte, aber nicht erhaltene Lottogewinne zu bitten. Trotz Finanzaufsicht bleiben gerade Einzelaktien immer ein Risiko. Hätten die Wirecard-Anleger bei einem entsprechenden Gewinn unseren Staat daran beteiligt?

Stefan Herb, Roding

Nicht Aufgabe des Staates

Mit Bedauern und Zorn, aber auch mit etwas Unverständnis habe ich von der Verzweiflung und den von Ihnen zitierten Bittbriefen geprellter Aktionäre gelesen. Nicht das erste Mal verlieren Menschen den größten Teil des Geldes, mit dem sie Aktien aus dem Dax erworben haben. Es ist schwer vorstellbar, dass Deutsche Telekom und Deutsche Bank einem Aktieninteressenten kein Begriff sind; sie stehen exemplarisch für zuvor unvorstellbare Kursstürze. Verantwortlich für den Niedergang von Unternehmen und damit verbundene Kursstürze sind regelmäßig eine Handvoll Manager, die unfähig, dafür aber eitel und selbstverliebt den ihnen anvertrauten Unternehmen und Anteilseignern schwere Einbußen zufügen. Solange sie nicht persönlich für den von ihnen angerichteten Schaden zur Rechenschaft gezogen werden, besteht weiterhin ein besonderes Risiko größter Verluste. Kommt dann noch eine so unglaubliche kriminelle Energie wie im Fall von Wirecard dazu, ist der finanzielle Super-GAU programmiert. Dass dem so ist, liegt auch an dem unentschuldbaren Versagen von privatwirtschaftlichen und staatlichen Kontrollorganen. Ebenso wie im Management werden derartige Vorkommnisse dadurch befördert, dass sowohl die Wirtschaftsprüfer, als auch Verantwortliche des Bundesaufsichtsamts für Finanzwesen nicht ernsthaft damit rechnen müssen, für ihr (augenscheinliches) Versagen persönlich geradestehen zu müssen.

So bitter es ist, tragen last but not least die Menschen eine erhebliche Mitverantwortung für die zum Teil wohl existenzbedrohliche Dimension des Schadens, die ihre finanzielle Zukunft an Erfolg und Misserfolg einer einzigen Aktie geknüpft haben. Das Risiko, alles "auf ein Pferd zu setzen", ist auch für unerfahrene Anleger offensichtlichst.

Trotzdem ist der Wunsch, bzw. die Forderung, in einer daraus resultierenden Notsituation spezielle staatliche Hilfe zu erhalten, menschlich nachvollziehbar; er läuft nüchtern betrachtet allerdings auf die bekannte Wunschvorstellung hinaus, etwaige Gewinne zu privatisieren, Verluste aber zu vergesellschaften. Das kann nicht die Aufgabe eines sozial handelnden Staates sein; sehr wohl ist es aber dessen Aufgabe, Bürger besser aufzuklären, sorgfältiger zu schützen und im schlimmsten Notfall doch aufzufangen.

Alexander Stähle, Mering

Einfach nur dreist

Ja, an der Börse geht es rau zu, es wird mit harten Bandagen gekämpft, manchmal mit unfairen, gar verbrecherischen Methoden, wie im Fall Wirecard. Das sollte nicht nur jeder wissen, der dort mitmischt, das weiß auch jeder.

Dass dann Anleger bei erlittenen Verlusten an die Bundeskanzlerin schreiben, getreu dem Motto: Vielleicht klappt's ja: "Mutti, bitte hilf, wir waren zwar blöd und gierig, aber Du in Deiner endlosen Güte könntest doch uns nun einmal helfen", mag man ja noch als originelle Idee ansehen. Dass sich eine Zeitung wie die SZ solchen Unfug aber zu eigen macht und einen rührseligen großen Artikel bringt, finde ich weniger lustig. Von einer SZ und klar denkenden Redakteuren erwarte ich zu schreiben, was wirklich ist:

1. Ja, Wirecard hat getäuscht, betrogen und war kriminell.

2. Anleger wollten spekulieren, haben gezockt, waren aus auf schnellen Gewinn - und wurden übers Ohr gehauen von Betrügern.

3. Dann die Bundeskanzlerin um Hilfe zu bitten, ist schlicht dreist.

Schon im Wilden Westen hat manch einer beim Pokern Haus und Hof verspielt.

Dr.-Ing. Bernd Biallas, Münster

Betrug ohne Beispiel

Dass Regierende Empfehlungen abgeben, die Bürger mögen sich bei ihrer Vermögensbildung mehr in Richtung Aktie orientieren, hatte schon zu Zeiten der - kennt sie noch jemand? - "Volksaktie" der Telekom einen üblen Geruch und ging für viele Kleinanleger in die Hose. Dem gerne nicht umfassend informierten Bürger wird suggeriert, mit dem Kauf der "richtigen" Aktie läuft alles von selbst.

Solange es mit einer Superaktie aufwärts geht, interessiert nicht, wer wo draufzahlt, und im Aktienhandel zahlt fast immer jemand drauf, monetär und ethisch. "Läuft" das Wertpapier, kommt auch niemand auf die Idee, "dem Staat" freiwillig mehr als unvermeidbar von der Bescherung abzugeben. Die böse, böse Kapitalertragsteuer wird nach allen Regeln der Kunst "optimiert". Ich kann mich keines Aufrufs entsinnen, ich solle mich für den Kauf egal welchen Wertpapiers verschulden oder meine Haushaltsführung essenziell von einer noch immer riskanten Anlageform abhängig machen.

Wer sich so verhält, muss sich fragen lassen, ob er das Prinzip Aktie richtig verstanden hat, und wer gar, was in einigen der zitierten Fälle durchscheint, Aktien auf Pump kauft oder die Bedienung von Verbindlichkeiten vom Ertrag aus Aktiengeschäften abhängig macht, wird jetzt eben für seine Gier bestraft. Banken, die dem Laien solche "Produkte" anbieten, sollte allerdings tatsächlich die Zulassung entzogen werden.

Keine Frage, Wirecard ist ein Betrugsfall ohne Beispiel, und in den guten alten Zeiten könnten politisch Verantwortliche sich nicht einfach mit der Absetzung nachgeordneter Angestellter aus der Verantwortung stehlen. Aber für sein eigenes Handeln muss jeder noch immer selbst einstehen. Wer mit Wirecard besonnen gehandelt hat, schüttelt sich wegen eines schmerzhaften Verlusts, fertig. Mitleid will er nicht. Wer Grundlagen seiner Existenz damit verspielt hat, kann die Schuld dafür nicht bei anderen suchen. Mitleid ist nicht angebracht.

Michael-Alexander Seitz, München

© SZ vom 20.02.2021
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