Henry Kissinger:Realpolitiker, Prophet und umstrittene Person

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Der frühere US-Außenminister warnt vor einer Fortführung des Ukraine-Kriegs. Denn wenn man sich nicht einige, würde es nur Verlierer geben. Die einen finden dies klug, andere erinnern sich vor allem an seine kriegerische Vergangenheit.

"Henry Kissinger" vom 27. Mai:

Besser gut zuhören

Henry Kissinger hatte bereits während der Krim-Annexion durch Russland im März 2014 gemahnt, dass "die Dämonisierung Putins "keine Politik" sei und gefordert, "nach Ergebnissen zu suchen, anstatt sich in einem Wettbewerb der Posen gegenseitig zu überbieten". Und weiter: "Wenn es nicht gelingt, eine Lösung zu erzielen, (...) werden wir uns immer schneller auf eine Konfrontation zubewegen." Der ukrainischen Regierung riet er damals, nicht der Nato beizutreten und "eine Politik der Versöhnung zwischen den verschiedenen Teilen des Landes umzusetzen".

Kissingers vier Vorschläge für eine "ausbalancierte Unzufriedenheit" wurden in den Folgejahren weitgehend ignoriert. Die Ukraine drang immer stärker auf einen Nato-Beitritt und wurde von den USA, Kanada und Großbritannien massiv hochgerüstet, auf Nato-Standards ausgerichtet und in gemeinsamen Manövern trainiert. Die stellvertretende Direktorin des Instituts der Europäischen Union für Sicherheitsstudien, Florence Gaub, erklärte am 22. März bei Lanz freimütig, dass die Ukraine in etwa zwei Jahren militärisch in der Lage gewesen wäre, die Krim samt den besetzten Gebieten im Donbass zurückzuerobern. Ganz so überraschend, wie westliche Politiker heute glauben machen wollen, kam der russische Überfall also nicht, er war demnach wohl eher ein kühl einkalkuliertes Risiko der ukrainisch-angloamerikanischen Militärstrategie.

Das viel beschworene Selbstbestimmungsrecht der Völker ist unbestreitbar ein hehres Ziel. Leider können nur wenige Völker dieses Recht uneingeschränkt ausüben, oder glaubt jemand, dass Deutschland beispielsweise ein Militärbündnis mit China eingehen könnte, ohne mit gravierenden (militärischen) Sanktionen der USA rechnen zu müssen? Selbst eine - seit Charles de Gaulle immer wieder diskutierte - rein europäische Verteidigungsunion wussten die USA bis heute zu verhindern.

Kissingers erneuter Appell in Davos an die westlichen Entscheidungsträger, nicht auf die totale militärische Niederlage Russlands zu setzen, sondern einen beiderseits gesichtswahrenden Frieden auf Kosten ukrainischer Gebietsabtretungen zu präferieren, stieß offenbar auf wenig Begeisterung. Aber was wäre so schlimm daran, wenn die Ukraine die von Russland geschenkte, zweifelsfrei prorussische Krim zurückgäbe, in den umkämpften Grenzgebieten mit mutmaßlich russophiler Bevölkerungsmehrheit eine Volksabstimmung über ihre nationale Zugehörigkeit unter UN-Aufsicht durchführen lassen würde und auf einen Nato-Beitritt verzichtete? Die Alternative ist ein monate-, wahrscheinlich jahrelanger Zermürbungskrieg mit weiteren Zehn- oder Hunderttausenden Toten, vollkommen zerstörten Städten, auf Jahrzehnte hinaus kontaminierte, verminte Böden und einer zutiefst traumatisierten, demoralisierten Bevölkerung. Am Ende wird es nur Verlierer geben, die einem Kompromiss zustimmen müssen, den sie vor Kriegsbeginn ablehnten.

Fakt ist, dass wir uns angesichts der gewaltigen globalen Herausforderungen durch Klimawandel und Artensterben nationalistisch motivierte Nachbarschaftskriege nicht leisten können. Keine Investition ist klimaschädlicher als die für Rüstung. Der olivgrün gewandelte Anton Hofreiter versucht solche Argumente wegzuwischen, indem er den Überfall auf den Donbass zu einem imperialen Kolonialkrieg aufbläst und so die Gräueltaten der ehemaligen Kolonialmächte verharmlost. Unsere Volksvertreter täten gut daran, dem Realpolitiker Kissinger zuzuhören und ihre moralisierende Gut-Böse-Kategorisierung zu überdenken. Die Wirklichkeit ist nicht schwarz-weiß, sondern grau.

Klaus Schanz, Traunstein

Stimme der Vernunft

Wir wissen, dass die Mehrheit der Krim-Bewohner damit zufrieden ist, zu Russland zu gehören. Was soll es bringen, dafür weitere Menschenleben zu opfern, hier etwas rückgängig zu machen? Wir sind jetzt meiner Ansicht nach leider zur Kriegspartei geworden und können Ziel russischer Waffen werden. Wo war dazu die öffentliche Diskussion? Wir haben sehr viele militärische Standorte der USA in Deutschland, aber kaum Zivilschutz, und sind nicht darauf vorbereitet, Kriegspartei zu sein.

Danke, Henry Kissinger, dass Sie Ihre Stimme der Vernunft der Verantwortungslosigkeit entgegensetzen, die wir vor allem bei Grünen, CDU und FDP dieser Tage erleben. Olaf Scholz ist Ihnen sicher auch dankbar.

Prof. Dr. Helga Kotthoff, Konstanz

Blick in die Vergangenheit

Really? Henry Kissinger zu Füßen liegen? Meines Erachtens einer der größten lebenden Kriegsverbrecher weltweit. Unrechtmäßige Bombardierung Kambodschas mit wahrscheinlich mehr als 100 000 Toten, als Folge das Erstarken der Roten Khmer. Vorbereitung und Unterstützung des Sturzes von Salvador Allende für United Fruit. Unterstützung der Invasion Osttimors und noch einige weitere ungeheuerliche Statements, Meinung und Unterstützung faschistischer oder halbfaschistischer Regime: Das ist Henry Kissinger in echt.

So eine Lobhudelei. Woher sollen die Kids von heute auf die Idee kommen, mal zu überprüfen, wer Henry Kissinger eigentlich ist, dem "Davos" zu Füßen liegt?

Olaf Willuhn, Ammersbek

Unser Milošević

Das Profil von Henry Kissinger ist einfach nur Schönfärberei. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, beim Putsch gegen Allende in Chile hatte er die Finger im Spiel. Und dank seiner Fakes bombardierten die Amis den Norden Vietnams, wodurch der Krieg eskalierte. Die Schriftstellerin Susan Sontag formulierte es drastisch: "Unser Milošević heißt Kissinger." Das sagt alles.

Dieter Pienkny, Berlin

© SZ vom 15.06.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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