Mode:Keine Angst vor Haute Couture

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Mode: Auch wenn die Zeit einem Horrorfilm gleicht, Angst ist keine Lösung, finden Viktor und Rolf, die ihre Models Vampiren gleich mit hochgezogenen Schulterpolstern und extralangen Fingernägeln über den Laufsteg schicken.

Auch wenn die Zeit einem Horrorfilm gleicht, Angst ist keine Lösung, finden Viktor und Rolf, die ihre Models Vampiren gleich mit hochgezogenen Schulterpolstern und extralangen Fingernägeln über den Laufsteg schicken.

(Foto: Kristy Sparow/Getty Images)

Kleider für fünf- oder sechsstellige Beträge können sich nur die wenigsten leisten. Doch die 3-D-Druck-Technik könnte die hohe Schneiderkunst künftig auch für eine breitere Bevölkerung erschwinglich machen.

Von Katharina Wetzel

Wozu braucht es Prinzessinnenkleider aus Unmengen Tüll, Spitze und Seide, bestückt mit Tausenden Steinchen und einer meterlangen Schleppe? Bis vor Kurzem noch wirkten die Pariser Haute-Couture-Schauen teils wie aus der Zeit gefallen. Eine Robe, die in monatelanger Handarbeit in ausgewählten Ateliers gefertigt wurde, kann schnell einen sechsstelligen Betrag kosten. Die meisten würden sich dafür wohl lieber eine Eigentumswohnung kaufen als ein Kleid, das man zu einem großen Kostümball oder zur Hochzeit mit einem Ölscheich tragen kann.

Doch die Pandemie und die digitale Entwicklung haben sich auch auf die Kreationen und Inszenierungen der Designer für Frühjahr/Sommer 2022 ausgewirkt. Zwar geht es in der Haute Couture nach wie vor um Handwerkskunst, hochwertiges Design und kostbare Materialien. Seit einigen Saisons aber ist von einer "Demokratisierung" die Rede. Noch ist dies eher unter der Rubrik Marketing zu verbuchen. Doch es ist schon ein Zeichen, wenn Marken wie Giambattista Valli ihre Entwürfe persönlich auch der Öffentlichkeit präsentieren, wie es der Designer mit seiner Frühjahr/Sommer-Kollektion 2020 tat.

Maßgeschneiderte Roben - mittels 3-D-Körperscanner ist das möglich

Haute Couture für alle? Noch ist das ein Traum. Doch junge Designer wie der Japaner Yuima Nakazato wollen etwas verändern: "Meine Vision ist es, Haute Couture erschwinglich zu machen", sagt er während der Haute-Couture-Woche Ende Januar in Paris. Dafür arbeitet Nakazato mit Wissenschaftlern und Architekten zusammen. Denn ein Teil seiner Entwürfe werden nicht im Atelier gefertigt, sondern mittels 3-D-Druck. Schicht für Schicht entstehen dabei die Kleider in der sogenannten additiven Fertigungstechnik. Was sehr mechanisch klingt, ist innovativ und kann durchaus anmutig wirken. So zeigt Nakazato schwarze Roben, die mit einer komplexen dreidimensionalen Origami-Falttechnik entstanden sind. Der 3-D-Drucker benötigt dafür nur einen Bruchteil der Zeit, die eine Fertigung per Hand in Anspruch nehmen würde. Künftig ließen sich so aufwendige Kleider zu deutlich geringeren Preisen anbieten, ist Nakazato überzeugt: "Für komplexe Fragen müssen wir eine Lösung finden in der Modeindustrie." Dies sei sein sozialer Anspruch.

Maßgeschneiderte Roben und Anfertigung auf Kundenwunsch - mittels 3-D-Körperscanner ist das möglich, und das sogar in Perfektion. Insbesondere in der Haute Couture arbeiten mittlerweile einige Designer mit 3-D-Drucktechnologien, um Designinnovationen oder einzigartige Stücke zu kreieren, die noch aufwendigere Formen ermöglichen. Das Potenzial ist groß: Mittels 3-D-Druck könnte die Modebranche auch nachhaltiger werden, prognostizieren Experten, da sich der gesamte Ressourcenverbrauch von Energie und Wasser bis hin zum Einsatz von Chemikalien reduzieren ließe.

Es wird nur so viel Material eingesetzt, wie benötigt wird. Auch recycelte oder biologisch abbaubare Materialien lassen sich verwenden. Die Technologie könnte auch den Versand überflüssig machen: Die digitale Datei lässt sich einfach global versenden und lokal ausdrucken. Die Vorstellung, dass der heimische Computer irgendwann eine Haute Couture Robe druckt, wirkt wie aus einem Märchen aus 1001 Nacht. Tatsächlich nutzen bereits einige Designer spezielle Computerprogramme, sie modellieren am virtuellen Körper, programmieren ihre Entwürfe und schicken die digitalen Daten anschließend an den Drucker.

Die Inszenierungen sind futuristisch, surreal oder angelehnt an Dracula-Filme aus Hollywood

Iris van Herpen zeigte in Paris schon aufwendige, zart wie ein Schmetterling fallende Kleider, gefertigt mit 3-D-Technologie. Auch große Luxusmodehäuser experimentieren mit der technischen Innovation. Werden also all die Näherinnen bald arbeitslos? Ersetzen vom Computer generierte Hightech-Textilen die hohe Schneiderkunst? In Paris zeigt sich ein anderes Bild. Die Inszenierungen feiern geradezu das traditionelle Handwerk mit textilen Kunstwerken und wirken dabei brandaktuell.

Bei der Dior-Kollektion von Maria Grazia Chiuri stand die Stickerei besonders im Mittelpunkt - auch, um die Exzellenz des Ateliers hervorzuheben. Für die Show im Garten des Rodin-Museums wurden eigens die Wände einer 340 Quadratmeter großen Installation bestickt; 20 Arbeiterinnen waren rund 218 000 Stunden damit beschäftigt. Die Arbeiten sind in Kooperation mit dem indischen Künstlerpaar Madhvi und Manu Parekh, dem Chanakya Atelier und der Chanakya School of Craft entstanden.

Auch wer die Schauen von Chanel, Alexis Mabille, Zuhair Murad und Stéphane Rolland gesehen hat, muss um den Fortbestand und die Weiterentwicklung der Handwerkskunst nicht fürchten. Stéphane Rolland eröffnet im Théâtre National de Chaillot seine Show mit einer Hommage an Thierry Mugler, "von dem jeder eine Emotion in Erinnerung behalten wird". Gerade im dritten Jahr der Pandemie ist der Wunsch nach einer physischen Begegnung groß, auch wenn einige Firmen nach wie vor ihre Show nur digital zeigen.

Eine beeindruckend moderne Inszenierung zeigt Chanel-Chefdesignerin Virginie Viard. Erst erscheint Charlotte Casiraghi in einer Videoprojektion: reitend durch den Wald. Dann galoppiert die "Chanel-Botschafterin" mit Tweedjacke auf ihrem Pferd Kuskus über den sandigen Laufsteg. Dazu sorgt Musiker Sébastien Tellier, erhoben auf einer Plattform, für einen coolen Sound. Von der Decke herab hängen abstrakte Skulpturen, am Boden wird ein Rad angeschoben: Vor der surreal anmutenden Kulisse bekommen Virginie Viards Tweed-Entwürfe geradezu eine spielerische Leichtigkeit.

Dagegen mutet die Fendi-Kollektion von Kim Jones düster an. Die Models laufen in sakralen Outfits durch einen animierten Palazzo mit rationalistischer Architektur, als wären sie samt Zuschauern bereits im Metaversum, einer Art Parallelwelt. Viktor Horsting und Rolf Snoeren reflektierten in ihrer Haute-Couture-Kollektion, "was gerade passiert auf der Welt", und fanden in alten Dracula-Filmen aus Hollywood Inspiration. "Angst kann erdrückend sein. Es gibt immer einen Grund, sich vor etwas zu fürchten, und unser Alltag liefert viele Gründe: der Zustand der Welt, die unsichere Zukunft, unsere Verletzlichkeit und unser Kontrollverlust", erklärten die beiden Designer. Diese Gefühle seien lähmend, doch sie könnten auch kreativ genutzt werden.

Wie Vampire laufen die Models mit dramatisch hochgezogenen Schulterpolstern und extralangen Fingernägeln über den Laufsteg, nachdem man zuvor nur ihre übergroßen Schatten sah. Auch wenn die Zeit einem Horrorfilm gleicht, Angst ist keine Lösung. Vielleicht braucht es in unsicheren Zeiten einen goldenen Schutzpanzer aus handgeschmiedetem Metall mit Saturn-Ring? Daniel Roseberrys Kreationen für das Haus Schiaparelli beeindrucken mit Anmut und Grazie. Jeder Look gleicht hier einem Balanceakt.

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