Sophie von der TannDer Preis ist heiß

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(Foto: Illustration: Claudia Klein)

Die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an die Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann hat zu hitzigen Diskussionen geführt: Was ist berechtigte Kritik, was Kampagne? Die Leserbriefschreiber nehmen die ARD-Journalistin überwiegend in Schutz.

„Geschichte eines Eklats“ vom 4. Dezember, „‚Ich bin kein Einzelfall'“ vom 6./7. Dezember:

Berichten, was ist

Claus Kleber, Legende des ZDF, würdigte die journalistische Arbeit von Sophie von der Tann bei der Verleihung des renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises mit etlichen Superlativen. Ihre Reportagen seien getragen von Wissen, Hintergrund und Empathie. Sie mache sich mit keiner Seite gemein, bleibe unter Druck standhaft und stehe souverän über der Sache – eben eine herausragende Journalistin. Von diesen würdigenden Worten scheint SZ-Berichterstatter Thore Rausch nichts mitbekommen zu haben. Er schreibt: „Es wäre für alle hilfreich gewesen, wenn jemand möglichst genau erklären würde, wieso der ARD-Journalistin von der Tann der Preis zugesprochen werde.“

Nun, hilfreich wäre es gewesen, wenn Rausch sich an den Ratschlag des früheren SZ-Chefreporters Hans Ulrich Kempski gehalten hätte, den jeder Volontär lernt: Aufschreiben, was ist – und genau das berichten. Wie das geht, zeigt Sophie von der Tann unter schwierigen, teils lebensbedrohlichen Umständen bei ihrer journalistischen Arbeit im Kriegsgebiet. Doch offensichtlich will Rausch eher auf die aktuellen Anfeindungen der Geehrten anspielen und zitiert deshalb ein (bezeichnenderweise unbekannt bleibendes) Jurymitglied mit den Worten, von der Tann bekomme den Preis wohl nur deshalb, weil sie sich aktuell mit dem Vorwurf einseitiger Berichterstattung zugunsten der Palästinenser konfrontiert sieht und deshalb „im Feuer“ steht. Als ob sich die Jurymitglieder von solch sachfremden Erwägungen leiten ließen. Schräger geht es nicht.

Roland Bengel, Reutlingen

Undiplomatischer Botschafter

Im Artikel wird deutlich aufgezeichnet, welche Eingriffe in die Berichterstattung seitens Israels und im Besonderen der Botschaft genommen werden. Ron Prosor, israelischer Botschafter, wirft Sophie von der Tann vor, dass sie aktivistisch aufwiegle, statt faktisch und neutral zu berichten. Es sollte sich ein Botschafter den diplomatischen Gepflogenheiten und der Wahrheit verpflichtet fühlen und nicht als Agitator auftreten. Wenn ein Botschafter sich folgendermaßen äußert: „Wenn @sophie­-tann lieber Aktivistin wäre, sollte sie den Job wechseln“, kann ich ihm nur Folgendes empfehlen: Wenn er lieber als Agitator arbeiten würde, sollte er seinen Posten zur Verfügung stellen. Solche populistische Äußerungen sind eines Botschafters unwürdig und beschädigen das Ansehen des diplomatischen Korps.

Ein weiterer Eklat aus meiner Sicht ist die Äußerung des ehemaligen Sprechers der Armee, Sharuz Shalicar, in der er Sophie von der Tann als „das Gesicht vom neudeutschen Juden- und Israelhass“ bezeichnet. Ausgerechnet Shalicar, der in seiner Zeit als Armeesprecher die Auswüchse der israelischen Streitkräfte IDF im Gaza und Westjordanland in seinen Statements bewusst außen vor ließ, ja umfunktionierte, stellt sich nun als Hüter des Rechts dar. Vielleicht sollte er sich folgenden Spruch zu eigen machen: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“

Deutsche Politiker scheinen sich mehr und mehr mit dem aggressiven Vorgehen von Botschaft und Amtsträgern des Staates Israel gegenüber Journalistinnen und Journalisten zu arrangieren. Meine Hochachtung für all die Journalistinnen und Journalisten, im Besonderen für Sophie von der Tann, für die ausgewogene und mit Fakten hinterlegte Berichterstattung.

Helmut Schuessler, Augsburg

Verdienter Preis

Das Massaker des 7. Oktober und der Umgang mit den Geiseln und deren Angehörigen haben mich entsetzt und mit Trauer erfüllt. Die Ignoranz vorhergehenden Warnungen gegenüber habe ich als besonders bitter für die Betroffenen erlebt. Das Versagen des Staates Israel mit dem Zynismus gegenüber Geiseln und deren Angehörigen haben mich mit Sorge erfüllt. Dass nur wenige, an Leib und Seele gebrochen, überhaupt zurückkamen, ist letztlich nur dem zu verdanken, dessen Namen ich nicht nennen möchte. Der, der die USA regiert und nach dem Friedensnobelpreis giert.

Mit großer Anteilnahme habe ich das bis heute nicht endende furchtbare Leiden der palästinensischen Bevölkerung ertragen müssen. Ich bin weiterhin entsetzt über die unentwegte Siedlergewalt. Von der „einzigen Demokratie“ im Nahen Osten erwarte ich eine humanistische Grundhaltung und Wertschätzung allen Lebens. Dazu gehört neben einer unabhängigen Justiz, auch und vor allem, die kritische und nicht behinderte Berichterstattung unabhängiger Medien.

Zu viele Journalisten sind dafür bereits getötet worden. Die Diskreditierung der wenigen, die unter eingeschränkten Bedingungen überhaupt noch berichten, ist beunruhigend und schamlos. Sophie von der Tann gehört zweifelsohne dazu. Ich gratuliere ihr daher herzlich zum Hanns-Joachim-Friedrich-Preis. Sie hat ihn verdient. Ich wünsche ihr und uns, dass sie sich nicht einschüchtern lässt und dafür die volle Unterstützung ihrer Redaktion und der freien Presse erhält.

Marion Gaudig, Berlin

Subtile Statements

Vor 44 Jahren kam ich zum ersten Mal nach Israel, seitdem folgten viele Aufenthalte. Ich sauge die Nachrichten auf, auf allen Kanälen, Meta, Insta, den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen. Als könnte es helfen, den Wahnsinn der letzten mehr als zwei Jahre zu verstehen. Da begegnet mir immer wieder Frau von der Tann. Schon vor vielen Monaten fragte ich mich und mein Umfeld angesichts ihrer Berichterstattung, in welcher Blase sie sich bewegt.

Die oft subtilen Statements, wie kriegstreiberisch „Israel“ sei – und eine andere Haltung wird bei ihr nicht benannt –, decken sich in keiner Weise mit dem, was ich im Land mitbekomme. Während von der Tann mit großer Bestimmtheit vermittelt, dass die gesamte jüdische Bevölkerung Israels hinter den teils unsäglichen Maßnahmen der politischen und militärischen Führung steht, erlebe ich meine Freundinnen, Freunde und Bekannte ausnahmslos als zerrissen zwischen einst redlich konservativer Linie und dem, was die Regierung Netanjahu abzieht. Oder andererseits verzweifelt über das, was der 7. Oktober nach sich zog an Leid hüben und drüben. Kurz: Niemand dort – außer offenbar Frau von der Tanns Quellen – kann noch eine eindeutige Meinung äußern, weil einfach alles ein quälendes „Ja, aber“ beinhaltet.

Diese sehr redliche Einschränkung, dieses das eigene politische und gesellschaftliche Wollen beschneidende Überlegen ist über die Maßen bewundernswert. Es wäre so einfach, die Feindbilder weiterzutransportieren oder gar zu schärfen, wie es außerhalb Israels in unerträglicher Weise passiert. Dort aber macht das nur eine Minderheit von Hardlinern (die leider politisch das Sagen hat). Dass dies so ist, vermittelt von der Tanns Berichterstattung jedoch in keiner Weise. Auch den Hinweis, dass „Israel“ nicht beides gleichzeitig bezeichnen kann, das Volk und seine Regierung, unterschlägt von der Tann seit jeher.

Dazu kommt ein weiteres Problem des Artikels. Die Anwürfe gegen von der Tann wirken schnell abgeschwächt durch das unmerkliche Schwenken auf die Hemmnisse für freies, journalistisches Arbeiten, die israelische Vorgaben verursachen. So kritikwürdig diese auch sein mögen: Damit wird die Verantwortung für das, was von der Tann bietet, relativiert – als könne man gar nicht anders berichten, als sie es tut.

Marion Haass-Pennings, Kirchheim

Vorgeschichte gibt es immer

Es verwundert überhaupt nicht, dass uns amoralische Staatschefs wie Trump und Netanjahu Botschafter vom Schlage eines Richard Grenell oder Ron Prosor geschickt hatten beziehungsweise haben. Natürlich ist Herr Prosor von einer Journalistin wie Sophie von der Tann bis aufs Blut gereizt. Zeigt sie doch all das, was dem Herrn Botschafter fehlt: Empathie, Sinn für Menschlichkeit, Suche nach Wahrheit, Maß und Mitte. Zudem ist von der Tann auch noch eine Frau. Das kann doch dann bloß eine „Aktivistin“ sein!

Angeblich soll sie geäußert haben, dass der 7. Oktober 2023 eine Vorgeschichte hat. Wie skandalös! Aber welches einschneidende geschichtliche Ereignis hat denn keine Vorgeschichte? Natürlich kann nichts den bestialischen Hamas-Angriff rechtfertigen. Eine Vorgeschichte hatte er aber schon: Abriegelung des Gazastreifens, Torpedierung der Zwei-Staaten-Lösung, rasante Ausweitung des Siedler-Landraubs, zunehmende, in aller Regel straffreie Siedlerbrutalität, immer dreister vorgetragene Annexionspläne, Besatzungsschikanen und willkürliche Armeegewalt, geplante Kastrierung des obersten Gerichts, welches immerhin gelegentlich Palästinenserrechte schützte, und die Vereinnahmung wichtiger Machthebel durch Rechtsextreme.

2014 stand ich in Palästina an der gewaltigen Trennmauer, konnte in Bethlehem durchaus noch ein Düftchen von Tränengas und Jauche – ausgebracht von der israelischen Armee – schnuppern und auch den von israelischen Siedlungen umzingelten Olivenbauer Daoud Nassar besuchen. Mir war da vor über zehn Jahren klar: Das führt früher oder später zu einer gewaltigen Explosion, wie verdammenswert auch immer. Nun hat die Explosion viele Zehntausende Menschenleben, grenznahe Kibbuzim sowie weitgehendst den Gazastreifen vernichtet. Was wir jetzt nicht brauchen, ist eine Bundesregierung, die von Staatsräson faselt und wieder tüchtig Waffen liefert. Ich habe auch den Eindruck, dass sich die Jüdische Allgemeine zunehmend überflüssig macht. Stur einseitige Hau-drauf-Medien haben wir bereits genug. Wir brauchen auch keine Antisemitismusbeauftragten vom Schlage eines Ludwig Spaenle, der nicht den Mut hat, das Offensichtliche zu sagen: Die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an Sophie von der Tann geht den Herrn Botschafter Prosor rein gar nichts an.

Alfons Kitzinger, Bogen

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