Häusliche Gewalt Die Frauen sind immer selbst schuld? - Absurd!

Leserinnen und Leser üben herbe Kritik an den Thesen der Psychiaterin Hanna Ziegert.

Interview "Mütter" vom 1./2. Dezember und Kommentar "Gewalt gegen Frauen: Keine Privatsache" vom 21. November:

Abstruse Theorie

Niemand bestreitet, dass auch Frauen Gewaltpotenziale in sich haben und diese im Normalfall subtiler ausleben als Männer. Aber "böse Mütter" als ein häufig zu beobachtendes Phänomen zu beschreiben, oder das Totschütteln eines Babys durch den Vater mit der "Gewalt" zu rechtfertigen, die die Mutter/Ehefrau indirekt auf die Psyche des "armen Mannes" ausgeübt hatte, ist einfach nur absurd.

Wenn dies zutreffend wäre, müsste praktisch jede zweite Mutter - die sich mittlerweile als Normalfall im Spannungsfeld von Beruf, Kindern und Haushalt bewegt und sich irgendwie überfordert fühlt - ihr Kind totschütteln. Von den zwei Millionen Alleinerziehenden (zu 90 Prozent Mütter) rede ich jetzt mal gar nicht. Es ist die gleiche abstruse Theorie wie die, die Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld gibt, weil sie im Minirock auf die Straße gegangen sind.

In derselben Ausgabe war die Beilage Plan W mit der Statistik, dass von den circa fünf Millionen verurteilten Straftätern 80 Prozent Männer sind. Oft üben Männer Gewalt auch gegen andere Männer aus - sind daran auch die Mütter und die Frauen schuld?

Wer leugnet, dass der überwiegende Teil von Gewalt - egal gegen wen - noch immer etwas mit patriarchalischen Strukturen, der Ausübung von Macht, körperlicher Überlegenheit und - ja, auch - mit dem Hormon Testosteron zu tun hat, irrlichtert durch die Gesellschaft und sollte kein Forum im Qualitätsjournalismus bekommen.

Angelika Rogler, Planegg

Täter-Opfer-Umkehr

Jetzt wissen wir es genau: Wir Frauen sind selber daran schuld, wenn uns die Männer ausbeuten, verprügeln, ermorden oder unsere Kinder missbrauchen! Die armen Männer werden von uns falsch erzogen und provoziert (und da traut sich dann nicht einmal ein Rechtsanwalt, seiner Frau zu sagen, dass er sich überfordert fühlt; da bringt er lieber gleich sein Kind um).

Ich frage mich allen Ernstes: In welchem Jahrhundert lebt Frau Ziegert? Der Himmel bewahre mich und alle Frauen davor, von dieser "Fachfrau" begutachtet zu werden.

Maria Schultz, Neufahrn

Gesellschaft wachrütteln

Im statistischen Durchschnitt werden in Deutschland pro Woche fast drei Frauen von Partnern umgebracht. Das Problem und seine Dimensionen sind erschreckend. Von den Feststellungen des Bundeskriminalamtes berichtete die SZ am 21. November und fordert zu Recht, dass "Politik und Staat mehr Verantwortung übernehmen" müssten. Aber wie? Helfen kann ein Blick nach Spanien: Gewalt gegen Frauen wird dort schon seit vielen Jahren in sehr besonderer Weise aufgegriffen - von der Zivilgesellschaft, staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen und den Medien. Das hat auch die Sprache beeinflusst, sodass man zum Beispiel nicht mehr verharmlosend von "häuslicher Gewalt" oder "Familiendrama" redet. Menschen gehen an den Tatorten auf die Straße, die Abgeordneten der Gemeinden und ihre Repräsentanten versammeln sich vor den Rathäusern, Zeitungen informieren auf der ersten Seite und das Fernsehen berichtet regelmäßig von dem, was leider "die Regel" ist. Dass allerdings die Justiz in Spanien nicht angemessen reagiert, darauf verweisen zurzeit zahlreiche öffentliche Protestkundgebungen. Die Sensibilisierung ergreift auch die Polizei (Notrufnummern, die keine Spuren hinterlassen, Sonderabteilungen, et cetera) und soziale Institutionen. Eine vergleichbare gesellschaftliche Debatte und Kampfansage an das Morden und die Gewalt in der Partnerschaft gibt es hierzulande nicht: Der Eindruck kommt auf, man wolle zwar den Einzelfall wahrnehmen, etwa durch Berichterstattung im Lokalteil, nicht aber die gesellschaftspolitische Brisanz. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ist in einer sehr grundsätzlichen, erschreckenden Weise angesprochen.

Dietrich Manstetten, Münster