EU: Green Deal:Der grüne Deal

Sun sets over the skyline in Frankfurt

Sonnenuntergang in Frankfurt. Die Finanzbranche soll eine wesentliche Rolle spielen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Die EU will bis 2050 klimaneutral werden. Um die Ziele zu erreichen, muss der Finanzsektor nachhaltige Geldgeschäfte vorantreiben. Doch viele Fragen sind noch ungeklärt.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Der Tag wird als Meilenstein für die grüne Finanzwirtschaft in Europa gefeiert. Am 12. Oktober hat die EU ihre erste grüne Anleihe ausgegeben und damit gleich einen Rekord aufgestellt. Mit einem Volumen von zwölf Milliarden Euro ist es der bislang größte Titel am Markt. Die Nachfrage betrug mit 135 Milliarden Euro mehr als das Zehnfache. "Das war keine Überraschung, der Markt für grüne Anleihen wächst seit Jahren enorm in der EU. Die Käufer sind sowohl institutionelle als auch private Anleger", sagt Saadia Ahmad, Senior Managerin im Bereich Financial Services bei PWC Deutschland.

Die grünen Schuldtitel - rund 250 Milliarden Euro folgen bis 2026 - sollen fast ein Drittel des rund 800 Milliarden Euro schweren EU-Corona-Wiederaufbaufonds finanzieren. Nachhaltige Geldgeschäfte sind der große Branchentrend - und zwar nicht freiwillig, sondern von der Politik verordnet. Bei nachhaltigen Investments und nachhaltigen Finanzierungen werden Umwelt- und Sozialaspekte sowie Kriterien der verantwortungsvollen Unternehmensführung berücksichtigt. Die Finanzwelt hat dafür die englische Abkürzung ESG getroffen, was für Environment, Social und Governance steht.

Um die ambitionierten EU-Klimaziele - CO₂-Neutralität bis 2050 - zu erreichen, muss das Volumen in Umweltinvestitionen stark steigen. "Der Finanzmarkt wird von der EU in die Pflicht genommen", sagt Jan Köpper, Leiter der Stabsstelle Wirkungstransparenz und Nachhaltigkeit bei der GLS-Bank. Das Ziel sei es, Kapital für den Green Deal der EU zu mobilisieren. Betroffen ist die gesamte Produktpalette der Fonds- und Bankenbranche.

Windenergie

Windenergieanlagen stehen vor dem farbigen Morgenhimmel im Ortsteil Mallnow in Brandenburg. Um das Netto-Nullemissionsziel bis 2050 zu erreichen, müssen Umweltinvestitionen stark steigen.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Herzstück der Neuorientierung im Finanzsektor ist die EU-Taxonomie, die anhand eines Bewertungskatalogs für jeden einzelnen Wirtschaftssektor grüne Geschäftsaktivitäten definiert. Nachhaltige Geschäftsmodelle müssen einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem der sechs Umweltziele der EU-Klimapolitik leisten. Dazu zählen unter anderem Maßnahmen, um die Folgen der Erderwärmung einzudämmen, die Einführung einer Kreislaufwirtschaft sowie die Vermeidung von Umweltverschmutzung. So gilt die Stromerzeugung aus Windkraft als grün, da die erneuerbare Energieform wesentlich zum Klimaschutz beiträgt. Gleichzeitig müssen Windparks aber etwa Regelungen beim Artenschutz einhalten.

Unternehmen, die von 2022 an glaubhaft nachweisen, dass bestimmte Umsatzanteile taxonomiekonform sind, werden somit attraktiver für Investoren und Konsumenten. Erarbeitet wird zudem ein transparentes Kennzeichnungssystem für umweltfreundliche Finanzprodukte, konkrete Regeln stehen noch aus.

Von den Auswirkungen der EU-Vorgaben sind Banken auf allen Ebenen betroffen. "Es fängt mit der Strategie auf Vorstandsebene an, betrifft das Risikomanagement, das Kreditgeschäft, das Wertpapiergeschäft und die Personalabteilung, die wiederum Mitarbeitende ausbilden muss, bis hin zur Finanzabteilung mit Anpassungen beim Reporting", sagt PWC-Expertin Ahmad. Mit der Umstellung leisten Banken jedoch auch einen wichtigen Beitrag zur eigenen Risikovorsorge.

Die Branche habe rasch auf den Druck der EU reagiert und sei im Vergleich zu europäischen Mitbewerbern sehr gut unterwegs, so Ahmad, die Finanzfirmen bei der Umsetzung der EU-Regeln berät. Parallel zur EU wollen auch nationale Behörden den Finanzsektor auf Klimakurs bringen. Die Finanzaufsicht Bafin kämpft gegen Etikettenschwindel bei grünen Geldanlagen, sogenanntes Greenwashing, und legte im September ein Papier zu verpflichtenden Nachhaltigkeitsregeln für in Deutschland aufgelegte Fonds vor. Grün beworbene Publikumsfonds müssten mindestens 75 Prozent nachhaltige Titel aufweisen. Fälle wie die Greenwashing-Vorwürfe gegen die DWS sollen so verhindert werden. Ob die strengeren Vorgaben dem Finanzstandort Deutschland schaden, wird in der Branche derzeit heiß diskutiert.

GLS-Bank-Experte Köpper begrüßt die gesetzlichen Regeln. "Wir werben um verpflichtende Vorgaben, damit Banken und ihre Kunden ein Verständnis entwickeln, wie abhängig sie tatsächlich von Ökosystemleistungen sind - und wie sie damit umgehen." Die staatliche Förderbank KfW hat sich indes schon festgelegt und will künftig nur noch Projekte im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen finanzieren.

Große Finanzinstitute wittern nun Wachstumschancen

Nischenanbieter wie GLS-Bank, Umweltbank und Triodos-Bank sind der Branche weit voraus. Die Ökobanken kalkulieren Umwelt- und Sozialaspekte seit Jahrzehnten in alle Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen ein und haben strenge Ausschlusskriterien. "Das klassische Textilunternehmen, das in Asien mit geringen Umweltstandards und geringer Entlohnung produziert, würde keinen Kredit bekommen. Es sei denn, es ist erkennbar, dass es ausschließlich ökologisch zertifizierte Produkte herstellt und unsere Anforderungen im Umgang mit Mitarbeitenden und Lieferanten einhält", sagt GLS-Bank-Experte Köpper. Die Ökobank mit acht Milliarden Euro Bilanzsumme und 4,3 Milliarden Euro Kreditvolumen erzielte im Pandemiejahr 1,1 Milliarden mit Kreditneugeschäften.

Große Finanzinstitute wittern im grünen Banking nun auch Wachstumschancen. So wird die Deutsche Bank bis Ende 2025 rund 200 Milliarden Euro in grüne Finanzierungen investieren. Ein transparenter Nachhaltigkeitskurs kann bei Pensionskassen und Stiftungen, aber auch jungen Bankkunden Wettbewerbsvorteile bringen. "Erneuerbare Energie und soziale Einrichtungen finanzieren jetzt alle Banken, und das ist gut so. Wenn wir aber weiterhin nur die Projekte unterstützen, die bereits als sehr nachhaltig gelten, bringen wir den nötigen Systemwandel in Anbetracht der Dringlichkeit nicht ausreichend weiter", sagt Köpper.

Auf Banken und Unternehmen kommt deutlich mehr Aufwand zu

Neben Firmen, die bereits auf Nachhaltigkeit Wert legen, wie Outdoor-Ausrüster Vaude oder Heilmittelfirma Wala will die GLS-Bank künftig auch Unternehmen finanzieren, die sich nachweisbar verändern wollen. Dabei haben sie es auch auf den traditionellen Mittelstand abgesehen. Egal, bei welcher Hausbank Unternehmen Kunden sind, die neuen Spielregeln werden auch mittelständische Betriebe spüren. "Die Taxonomie wird zu steigenden Reporting-Anforderungen auch in der Realwirtschaft führen, da den Finanzhäusern künftig die richtigen Daten zur ESG-Performance geliefert werden müssen. Das betrifft auch den Mittelstand", sagt Ahmad.

Das bedeutet für die Betriebe deutlich mehr Aufwand, auch der Bedarf an entsprechend qualifizierten Mitarbeitern in den Finanzabteilungen steigt. Eine Tendenz zur Einschränkung des Kreditgeschäftes seitens der Banken erwartet die PWC-Expertin nicht, einen Veränderungsdruck in gewissen Sektoren durchaus. "Wenn wir zum Beispiel über den Betrieb von Kohlekraftwerken reden, die laut EU-Taxonomie nicht mehr ESG-konform sind, muss ich mich als Unternehmen entscheiden, auszusteigen oder weiterzumachen. Als Konsequenz wird die Summe der Banken, die mich finanzieren wollen, kleiner", so Ahmad.

Trotz eingeleiteter Transformation bleiben noch viele Fragen offen. Teilweise wird das grüne EU-Regelwerk noch verhandelt. So soll es zur Orientierung für Investoren etwa auch ein Gütesiegel für grüne Anleihen geben. Anleihen, die gemäß der Taxonomie die maximalen Anforderungen erfüllen, können dann mit einem Goldstandard ausgewiesen werden. Der Entwurf zu dieser freiwilligen Verpflichtung wurde im Juli präsentiert. Schwierigkeiten macht auch die Ausgestaltung der Offenlegungspflichten für Fondsgesellschaften, weshalb deren Anwendung jüngst auf den 1. Juli 2022 verschoben wurde.

"Ist das jetzige Tempo schnell genug?", fragt Experte Köpper von der GLS-Bank und gibt die Antwort selbst: "Auf gar keinen Fall. Der Impuls für Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle wirklich umzustellen, ist noch zu gering. Der CO₂-Preis ist zu niedrig." Seiner Ansicht nach müssten die externen Kosten, also die negativen Effekte auf die Umwelt, im CO₂-Preis besser abgebildet werden.

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