
" Jammern im Wind" vom 21. Januar, "Abgetakelt" vom 22. Januar und " Kapitän der Gorch Fock für Schiffssanierung" sowie "Volle Kraft voraus" vom 24. Januar:
Die Frösche und der Sumpf
Dass der Kapitän der Gorch Fock für die Fortführung der Sanierung seines maroden Seglers plädiert, ist zwar menschlich verständlich, erinnert aber an das asiatische Sprichwort "Wenn man einen Sumpf trockenlegen will, darf man nicht die Frösche fragen". Mit seinem Argument, nun seien die Arbeiten schon so weit fortgeschritten, da könne man doch nicht einfach damit aufhören, erweist er sich zudem als klassischer Adept jenes weitverbreiteten Denkfehlers, den man im Wirtschaftssprech als "Sunk Cost Fallacy" bezeichnet, was kurz gesagt die irrationale Neigung kennzeichnet, schlechtem Geld gutes hinterherzuwerfen. Eine irrationale, mit Vernunft nicht zu erklärende Handlungsweise, denn "es gibt viele gute Gründe, weiter zu investieren, um etwas zum Abschluss zu bringen. Aber es gibt einen schlechten Grund: das bereits Investierte zu berücksichtigen. Rational entscheiden bedeutet, dass Sie die aufgelaufenen Kosten ignorieren. Egal, was Sie bereits investiert haben, es zählt einzig das Jetzt und Ihre Einschätzung der Zukunft." (R. Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, München 2014.)
Wird unsere Verteidigungsministerin wohl in diesem Sinne Kurs halten, oder wird sie an der Klippe namens "Sunk Cost Fallacy" Schiffbruch erleiden? Bald werden wir es wissen.
Claus Burgdorff, Lübeck
Eher ein Abenteuerurlaub
Der groben Zahl vielzeiliger Texte in der SZ über die Ruine des bei Bremerhaven nahe dem Deutschen Schifffahrtsmuseum auf dem Trocknen liegenden Bundesmarine-Ausbildungsseglers Gorch Fock sollte inhaltlich doch noch ein weiteres Fragezeichen hinzugefügt werden. Wozu sollen wir Steuer zahler eigentlich weitere Abermillionen für die Restaurierung dieses Oldtimers zur Verfügung stellen? "Seemannschaft" lernen, erfahren, so lautet der Terminus bei der Bundesmarine zur Begründung des (Weiter-) Betriebs dieser Kopie eines Segelfrachters aus der Vor-Dampfschiff-Zeit. Nur: Für das Erlernen von drei Knoten zum Festmachen einer Korvette oder dem Lösen eines Rettungsbootes benötigt man keine kostenträchtigen, über Wochen dauernden Törns mit einem archaischen Segler, der rein gar nichts zu den Anforderungen heutiger Kriegsschiffe beiträgt. Außerdem: Auf der Gorch Fock werden Offiziersanwärter, die künftigen Hierarchen auf den schwimmenden Einheiten ausgebildet. Für sie ist, das dokumentierte ein NDR-Film vor einigen Jahren, eine Tour unter Segeln nach Bergen oder in die Magelan-Straße eher ein Abenteuerurlaub.
Unions- und SPD-Politiker aus norddeutschen Wahlkreisen schwadronieren gern vom Wert der Gorch Fock als "schwimmendem Botschafter" Deutschlands in der Welt. Indessen: Das Schiff liegt schon wegen seiner bis zu 45 Meter hohen Masten und aus Sicherheitsgründen oft in Außen- und Militärhäfen. Dort besuchen Herr und Frau Konsul sowie ein nahe stationierter Admiral das Schiff - bedient von übermüdeten Seesoldaten in Musical-Uniform. Schon, weil es heute zahlreiche Kreuzfahrt- und Mitfahr-Segelschiffe gibt, hat ein derartiges - am Kai natürlich abgetakeltes - Schiff wenig Anziehungs- und Ausstrahlungskraft als Deutschland-Botschafter.
Meine Ansicht: Die Gorch Fock ist so eine Art "Fliegender Holländer" für Marine-Casinos, sorgt für Seemannsgarn unter alten Kameraden. Ist dann noch eine "Klampfe" zur Hand, wird das von einem einstigen Gorch Fock-Kapitän gedichtete offiziöse Lied des Oldtimers gesungen. Da wird von romantischer Seefahrt geschwärmt, und jene Kameraden, Kameradinnen werden nicht erwähnt, die nach dem Sturz aus den Wanten zerschmettert auf dem Teakholzdeck den Unsinn archaischer Ausbildung für IT-Ingenieure auf schrecklichste Weise dokumentierten.
Peter Janz, Husum
Eine Blamage nach der anderen
Dass die Verteidigungsministerin bei einem Prestigeobjekt wie der Gorch Fock es erst nach mehr als zwei Jahren und einer Preissteigerung auf das 13-Fache schafft, das Schiff zu besichtigen, ist eigentlich schon für sich eine Blamage. Denn was will sie als Laie da sehen? Einen ausgeweideten Kasko und viele vollmundige Versprechungen. Dass ein Schiff wie die Gorch Fock, gerade mal 60 Jahre alt, in diesem Zustand ist, ist die zweite Blamage. Die angesprochene Sedov (übrigens kein Marineschiff) - ist 98 Jahre alt und fährt immer noch - und das seit Jahrzehnten unfallfrei ... Dabei weiß ich aus eigener Erfahrung (nach 13-jährigem Management der Sedov), dass diese nie über die finanziellen Mittel verfügen konnte wie die Gorch Fock, die alle paar Jahre für zum Teil zweistellige Millionensummen in der Werft war. Dafür wurde bei der Sedov vor jedem Werftbesuch akribisch untersucht, was tatsächlich zu tun war.
Die dritte Blamage ist die geplante Summe für einen Neubau: 120 Millionen Euro. Man sollte mal bei den Betreibern der neuen Alexander von Humboldt (Stapellauf 2011) nachfragen: Das Schiff ist zwar nicht so groß wie die Gorch Fock (65 Meter Länge über alles (Lüa) gegen 89 Meter Lüa, also jeweils vom Bug zum Heck), hat aber dafür auch nur 15 Millionen Euro gekostet. Was will die Marine da bauen? Leider ist es wie so oft: Sobald es einen staatlichen Auftrag gibt, schießen die Kosten ins Unermessliche.
Heino von Tettenborn, Grünwald