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Gleichberechtigung:Vorteile und Tücken der Parität

Frauen und Männer sollen möglichst gleichberechtigt in Führungsgremien und auch in der Politik vertreten sein. In der Theorie ist sich die Mehrheit einig. Doch über die Umsetzung gibt es sehr unterschiedliche Ansichten.

Zu "An die Macht" vom 7./8. November, "Super, Frau" vom 31.Oktober/1. November sowie zu "Parität: Lieber mit Merkel" vom 26. Oktober und "Brandenburgs Paritätsgesetz gekippt" vom 24. Oktober:

Mehr Frauen, mehr Wachstum

Der Artikel "Super, Frau" von Felicitas Wilke ist angesichts der emotionalen Belastung des Themas von erfreulicher Rationalität. Unter ökonomischen Gesichtspunkten war und ist die allseitige Gleichberechtigung die unabdingbare Voraussetzung für weiteres wirtschaftliches Wachstum und die Weiterentwicklung unseres Lebensstandards. Wir können in modernen Industriegesellschaften und einer immer komplexeren Welt nicht die Hälfte unseres intellektuellen Potenzials und der Arbeitskraft brach liegen lassen. Man muss dies feststellen dürfen, ohne damit die traditionelle Rolle früherer Frauengenerationen, die in einer anders strukturierten Gesellschaft lebten, herabzuwürdigen.

Heute bemühen sich Unternehmen, die besonders weltoffen erscheinen möchten, um möglichst große Vielfalt. Dabei ist jedoch Vorsicht geboten; denn in dem von Frau Wilke zitierten Artikel des Grundgesetzes steht auch, dass niemand aufgrund seines Geschlechts, seiner Abstammung etc. bevorzugt werden darf. Das sollten alle die im Auge behalten, die Quoten für alle möglichen Gruppen und Untergruppen eingeführt wissen wollen oder wie sie für die Kandidatenlisten der Landtagswahlen in Thüringen und Brandenburg beschlossen wurden. Dieser Erfolg der AfD vor Gericht hätte sich vermeiden lassen.

Dr. Rainer Götz, Moers

Gender-Kämpfe wären beendet

Männer geben Macht nie kampflos auf. Frauen ist erst seit 1977 gesetzlich erlaubt, ohne Zustimmung ihres Mannes zu arbeiten. Sexismus in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft unterdrückt Frauen nicht zum Wohle sondern zum Schaden aller. Immer wieder richten Männerklüngeleien größte Schäden an - VW, Deutsche Bank, die Beteiligten im Cum-Ex-Skandal, Wirecard, etc.

Eine gesetzlich festgeschriebene paritätische Teilhabe beendet die erniedrigenden und unnötigen Gender-Kämpfe. Sie gibt Frauen Wirkmacht, ohne unter dem aggressiven Dominanzgehabe der Männer leiden oder sich dieses erst aneignen zu müssen. Nun pumpt der Staat so viel - auch von Frauen erwirtschaftetes - Geld wie noch nie in die Wirtschaft. Gerade darum gehört das Primat des Mannes jetzt gebrochen. Wenn wir die Geduld den Frauen und die Macht den Männern überlassen, wird das nichts. Umgekehrt schon eher, denn Parität bringt auch uns Männer voran. Sie befreit uns von den aggressiven Riten des Dominanz-Strebens, unter dem unsere ganze Gesellschaft leidet.

Klaus Siersch, München

Weibliches Engagement gefragt

In Deutschland schwankt der Frauenanteil an Mitgliedschaften zwischen 17 und 40 Prozent. Im Bundestag sind etwa 30 Prozent der Abgeordneten Frauen. Damit sind die Frauen ziemlich genau so im Bundestag vertreten, wie es ihrem Engagement in den politischen Parteien entspricht. Eine Quote von 50 Prozent würde also Frauen zu stark begünstigen und Männer übervorteilen und wurde von zwei Gerichten als verfassungswidrig erklärt, was auch dem gesunden Rechtsempfinden entspricht.

Was man machen könnte, wäre eine Frauenquote der Art, dass Frauen auf den Wahllisten einen genauso hohen Anteil haben müssen, wie er ihrem Mitgliedsanteil in der jeweiligen Partei entspricht. Und wenn die Frauen die Parität oder gar mehr wollen, dann hilft ihnen nur eines: Mehr Beitritte und mehr Engagement in den Parteien.

Peter Fendt, Marktoberdorf

Qualifikation statt Quote

Wer hindert denn Frauen daran, sich politisch oder beruflich zu engagieren? Qualifikation statt Quote ist wichtig! Im Klima- und Umweltschutz zeigt sich doch, dass viele weibliche Protagonistinnen sehr wohl zentrale Rollen einnehmen. Wenn Frauen sich aber primär auf das konzentrieren, was ihnen wichtig erscheint, nutzt die geforderte Quote auch nichts ... das wird auch nicht anders, wenn man beide Augen benutzt.

Heiko J. Fabian, München

Gerichte haben gut entschieden

Geschlechter-Parität in den Parlamenten ist natürlich anzustreben. Doch eine gesetzliche Vorgabe, die Listen paritätisch mit Frauen und Männern zu besetzen, hilft nur ansatzweise. Was wäre denn wünschenswert? Wünschenswert wäre es, die Bevölkerung im Bundestag und anderen Parlamenten wirklich repräsentativ abzubilden. Davon sind wir weit entfernt: Die jungen Erwachsenen unter 35 Jahren sind völlig unterrepräsentiert, Kinder sowieso.

Was mit den ganz Alten? Wie ist es mit sozialer Herkunft, wie sind die einzelnen Berufsgruppen vertreten? Sollten wir etwa per Gesetz dafür sorgen, dass die häufigste im Bundestag vertretene Berufsgruppe, die im Berufsalltag zahlenmäßig weit hinten rangiert, nämlich die der Juristen, per Gesetz auf ein Zehntel gestutzt wird?

Daran sieht man schon, dass wir den Querschnitt der Bevölkerung nicht per Gesetz ins Parlament kopieren können. Deswegen lassen wir am besten weiterhin diejenigen über die Listen entscheiden, die gerne als der Souverän unserer Demokratie gepriesen werden: die Wähler (in der Rolle des Parteimitglieds). Insofern haben die Gerichte völlig richtig entschieden. Das Paritätsgesetz würde zu sehr in das Prinzip unserer Demokratie eingreifen, in der die Parteien den Willen der Bevölkerung über Wählerlisten in die Parlamente einbringen.

Dr. Egbert Knöpfle, Dinkelscherben

Männer-Chefs in Frauendomäne?

Gleichberechtigung bedeutet nicht gleichzeitig eine identische Interessenlage. Ist eine paritätische Besetzung von Ämtern tatsächlich sinnvoll? In der Politik würde ich die Verteilung von der prozentualen Anzahl der Parteimitglieder abhängig machen. Ansonsten hätte ich zum Beispiel als männliches Mitglied im Häkel-Club sicher sofort einen Anspruch auf eine leitende Position. Unabhängig vom Modus der Verteilung sehe ich diesbezüglich in Hinblick auf die aktuelle Gender-Diskussion noch viele ungeklärte Fragen auf uns zukommen.

Josef Feuerstein, Markt Schwaben

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© SZ vom 16.11.2020
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