Gil Ofarim:Zu viel der Milde

Gil Ofarim: Rockmusiker Gil Ofarim (li.) betritt den Saal des Landgerichts in Leipzig mit einem seiner Anwälte.

Rockmusiker Gil Ofarim (li.) betritt den Saal des Landgerichts in Leipzig mit einem seiner Anwälte.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Der Sänger Gil Ofarim warf einem Hotelmitarbeiter vor zwei Jahren Antisemitismus vor - zu Unrecht, wie man inzwischen weiß. Dass das Gericht das Verfahren nun eingestellt hat, stößt bei SZ-Lesern auf wenig Zuspruch.

Kommentar "Weise Entscheidung" vom 29. November:

Verleumdungsopfer chancenlos

Gil Ofarim, der Angeklagte, hat gelogen und mit seiner Lüge dem Verleumdungsopfer massiven Schaden zugefügt. Es bleibt ein großes Defizit des deutschen Rechtssystems, dass gerade die sogenannten "Ehrdelikte" zwar oft angezeigt, aber selten verfolgt werden.

Der Schaden für die Opfer ist unermesslich, nicht nur auf der psychischen Ebene. Auch die familiären Beziehungen leiden, das gesamte persönliche Umfeld wird in den Sog der Infamie hineingezogen. Die Beschädigung geht bis in die finanzielle Existenz hinein und kann Menschen und ihre Nächsten zerstören. Es bleibt schwer vermittelbar, warum Ladendiebe oder Schwarzfahrer schneller inhaftiert werden können als Lügner und Lügnerinnen, die mit ihren böswilligen Absichten auf Existenzvernichtung aus sind. Es muss auch für Menschen, die nicht Opfer eines prominenten Lügners wie Gil Ofarim geworden sind, einfacher werden, eine Verleumdung vor Gericht zu bringen.

Sebastian Bernard Dégardin, Hamburg

Eher feige als weise

Herr Ofarim ist jetzt nicht vorbestraft. Einen Grund für die "weise Entscheidung" des Gerichts sieht Frau Ramelsberger in der aktuellen Lage, in der sich Antisemiten wieder laut äußern. Es ist also "weise", die Sache mit einem "Sorry" und einer überschaubaren Buße von 10 000 Euro zu beenden? Die Sache ist mitnichten beendet. Leider hat Herr Ofarim mit seiner Aktion diejenigen wieder auf den Plan gerufen, deren Wirken er doch durch seine "Anzeige antisemitischen Verhaltens" vermeintlich bekämpfen will. Wenn der nächste einen verbalen Übergriff meldet, könnte der eine Polizist oder die andere Polizistin sagen: "Wieder so ein Ofarim". Ist das so unvorstellbar?

Wäre es nicht klug gewesen, all diese Fragen in einem Prozess zu stellen? Auch die Einstellung des Verfahrens kann den Schaden, der durch Ofarim, die Medien und die Politik bei den Mitarbeitern des Hotels entstanden ist, nicht wiedergutmachen.

Thomas Spiewok, Hanau

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