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Geschlechterklischees:Eine ganz alte Geschichte

Eine SZ-Datenanalyse hat ergeben, dass die Geschlechterrollen in Kinderbüchern immer noch Klischees unterliegen. Eine Leserin jedoch zweifelt an der Daten-Methode, eine andere betont die Bedeutung von gendergerechter Sprache.

Forum 24.1.19

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

"Blaue Bücher, rosa Bücher" vom 12./13. Januar:

Fragwürdige Methode

Ein unverstellter Blick auf einen Gegenstand kann erfrischend sein. Jedenfalls scheint eine Gruppe von SZ-Redakteurinnen so oder ähnlich gedacht zu haben, als sie die Kinderliteratur kritisch unter die Lupe genommen und 70 Jahre Kinderliteraturgeschichte einer Datenanalyse unterzogen hat, um zu zeigen, ... ja, was eigentlich? Dass die Welt in deutschen Kinderzimmern in Rosa und Blau getrennt ist - das wissen wir nicht erst seit heute - und dass Jungs in Kinderbüchern mehr Abenteuer erleben und Welterfahrung machen als Mädchen und somit die Macher von Kinderbüchern überkommene, frauenfeindliche Rollenbilder vermitteln.

Die Methode der Datenanalyse ist fragwürdig. Die Genderfrage wird ausgerechnet mit dem Schlagwort "Abenteuer" aufgerollt. Dass bei diesem Zugang männliche Protagonisten dominieren, ist nicht verwunderlich, da Ablösungskonflikte männlicher Heranwachsender die Abenteuerliteratur seit dem 19. Jahrhundert bis in die 70er-Jahre kennzeichnen. Hier hätte, wie überhaupt, eine historische Differenzierung stattfinden müssen. Weiterhin vermisst man grundlegende Textkenntnisse des Redaktionsteams. Dass Ronja Räubertochter und Matilda Wurmwald als "Galionsfiguren" einer frauenbewegten Zeit aufgeführt werden, zeugt von einer sehr eingeschränkten Kenntnis der emanzipierten Mädchenliteratur.

Merkwürdig auch die Infografik, auf der Cover der Bücher mit männlichen Protagonisten in einer "negativen Skala", Cover der Bücher mit weiblichen Protagonisten in einer "positiven Skala" visualisiert werden. Wieso unter den meist genannten Schlagwörtern in der Abenteuerliteratur das Wort "Deutsch" dominant hervorsticht, bleibt rätselhaft, da der deutsche Kinder- und Jugendbuchmarkt für seinen hohen Anteil an Übersetzungen bekannt ist. In der Tat erhält man in der Frankfurter Datenbank bei der kombinierten Schlagwortsuche beispielsweise von "Abenteuer" und "deutscher Jugendlicher" gerade einmal zwölf Treffer, was die Aussagekraft solcher Listen stark relativiert. Bei einem derart massiven Angriff auf einen ganzen Berufsstand von engagierten Autor*innen und Verleger*innen hätte man mehr methodische Sorgfalt und fachliche Expertise erwartet. So bleibt am Ende nur Ratlosigkeit, was eine solche Datenanalyse soll.

Dr. Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek, München

Vornamen tauschen

Als emanzipierte Mutter zweier Jungs im Alter von zwei und vier liegt mir dieses Thema sehr am Herzen. Ich lese und sehe alles, was ich zu dem Thema finde. Was ich aber in allen Beiträgen bislang vermisse, ist ein "Lösungsansatz" für das Problem. Hier und da wird zwar mal ein einzelnes Buch empfohlen. Könnten Sie nicht eine ganze Liste von Büchern empfehlen, die Geschlechterrollen anders, nicht stereotyp darstellen? Oder zumindest einen Verweis auf solche Listen oder Institute, die sich damit beschäftigen, wie das von Lars Burghardt, abdrucken? Natürlich kann ich das auch selber googeln. Aber ich finde, das ist der nächste logische Schritt, wenn Sie sich mit dem Thema so ausführlich beschäftigen. Außerdem weiß ich, wenn das von der SZ kommt, steckt der entsprechende Sachverstand dahinter. Das wünschen sich mit Sicherheit viele Eltern, da das Thema in den Medien sehr präsent ist.

Bislang tausche ich oft einfach die Namen aus und lese einen Jungennamen anstatt eines Mädchennamens. Da werden dann zitternde Jungs aus Höhlen gerettet, was es in der Kinderbuchliteratur gar nicht gibt. Das mutet dann oft sehr befremdlich an und führt erst recht vor Augen, wie klischeehaft die Geschichten sind.

Barbara von Wittich, München

Auf die Sprache achten

Vielen Dank für den Artikel! Ich denke, dass ein Teil meiner Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte dadurch erzeugt ist, dass Kinderbücher so sind, wie sie sind. Ich habe allerdings auch Kritik: Sie tragen nach meiner festen Überzeugung durch das Festhalten an der "Frauen sind der Erwähnung nicht wert"-Sprache selbst ein gerüttelt Maß dazu bei, dass es nicht besser wird. Ich möchte zur Verdeutlichung den Satz "Bücher wirken nicht nur in die gesellschaftliche Realität hinein, sondern bilden sie auch ab" umdrehen: Sprache bildet gesellschaftliche Realität nicht nur ab, sondern wirkt auch in sie hinein! Solange Sie von "Lesern" und "Autoren" sprechen, Leserinnen und Autorinnen aber für nicht der Rede wert halten, so lange wird sich an der gesellschaftlichen Situation, dass Männer die wichtigen Rollen haben und Frauen unter der "gläsernen Decke" mutlos und lustlos werden, nichts ändern.

Dr. Bärbel Miemietz, Medizinische Hochschule Hannover, Gleichstellungsbeauftragte

Von Frauen für Kinder

Eine verdienstvolle Untersuchung - geschrieben von fünf Redakteurinnen und mit starkem Fokus auf die Benachteiligung von Mädchen in Kinderbüchern. Da muss sich zweifellos etwas ändern. Ich finde aber, dass der Befund erst komplett ist, wenn man erwähnt, dass hier ganz überwiegend Akteurinnen am Werk sind. Verlage und Buchhandel sind überwiegend in Frauenhand, gerade im Bereich Kinder- und Jugendbuch. Lektorinnen wählen die Manuskripte aus und bearbeiten sie, Buchhändlerinnen bieten sie an und empfehlen sie, und Mütter kaufen sie. Und Frauen schreiben sehr viele dieser Bücher. Die als Beispiele für Geschlechterstereotype genannten Werke wie "Fünf Freunde", "Conni" und "Ronja Räubertochter" sind von Frauen geschrieben. Es sind sehr oft Frauen, die die - Frauen benachteiligenden - Geschlechterstereotype transportieren und verfestigen. Dies gilt schon deshalb, weil ein Großteil der Erziehungsarbeit weiter an den Müttern hängt. Dies nur, damit nicht der Eindruck entsteht, auch die Kinder- und Jugendliteratur sei ein Bereich, in dem Männer vorausschauend ihre Macht sichern. Das Schema "Opfer weiblich, Täter männlich" funktioniert hier nicht.

Dr. Oliver Thomas Domzalski, Hamburg

© SZ vom 24.01.2019
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