Geschlechtergerechte Sprache:Wenn Reformen zu weit gehen

Einigen geht die Genderdebatte inzwischen zu weit: Die Sprache werde umständlich, unästhetisch oder rufe Missverständnisse hervor. Die Diskussion sei moralisch aufgeladen und von Leitfäden geprägt, heißt es auch. Die Sprache solle sich wieder mehr im Gebrauch entwickeln, wünschen sich manche Leser.

Geschlechtergerechte Sprache: SZ-Zeichnung: Denis Metz

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Es gibt keine neutrale Sprache", Interview mit dem Sprachhistoriker Horst Simon sowie zu "Kleine Pause", 17. August:

Gendern ist oft missverständlich

Sie haben sich dankenswerterweise gründlich mit dem leidigen Problem des Genderns befasst, allerdings ohne mich zu überzeugen. Möglicherweise bin ich dem von Herrn Simon im Interview ins Spiel gebrachten Konservatismus erlegen, aber ich bin durchaus zum Umgewöhnen bereit und fähig. Sie erinnern ja an die vielen Anglizismen, die wir verinnerlicht haben, die aber zum Beispiel bei den Verben in das deutsche grammatische System verankert wurden (vgl. sponsert, gesponsert, wird sponsern; einchecken, eingecheckt etc.). Die sogenannte gendergerechte Sprache dagegen passt meiner Ansicht nach in mehrerer Hinsicht nicht in die deutsche Sprache und sollte so schnell wie möglich verschwinden. Die neuen Formen sind sowohl in der gesprochenen als auch in der schriftlichen Form teilweise ungrammatisch, morphologische Monster, wenig ästhetische Gebilde und in ihrer Aussage oft missverständlich.

Michael Doyé, Potsdam

Gelebte Sprache akzeptieren

Ich finde das Gendern umständlich und unnötig. Dass der Satz "Lehrer haben es schwer" sich sinnvollerweise nicht nur auf männliche Vertreter der Gattung beziehen kann, versteht sich von selbst. Die Endung "-er" bezeichnet eben nicht immer nur das männliche Geschlecht, sonst gäbe es keine Mutter und keine Schwester. Die irritierende Bezeichnung "generisches Maskulinum" (von lateinisch genus, generis "Geschlecht") führt eh nicht weiter. Es wäre besser, Formen wie "Lehrer" oder "Polizist" als "unspezifisch" zu bezeichnen, weil sie eben zum Geschlecht der Person keine Aussage machen, zumal im Plural. "Autofahrer werden gebeten..." meint nicht nur Männer, sondern alle, die ein Auto fahren. "Münchner" kommen alle aus München, mehr wird nicht mitgeteilt. Wenn eine spezielle Vertreterin dieser Gruppe gemeint ist, lässt sich leicht "-in" anhängen. Ähnliches gilt für die bestimmten Artikel "der, die, das". Auch die sind multifunktional. "Der" Mensch kann weiblich sein, "das" Mädchen aber nicht geschlechtslos. Wenn "die" der weibliche bestimmte Artikel sein soll und sonst gar nichts, dann mutieren "die" Männer, "die"Autos", ja der gesamte Plural zu weiblichen Wesen. Warum regt sich eigentlich darüber niemand auf? Also macht euch locker und akzeptiert, dass Sprache so manche überraschende Schwierigkeit bereithält, für die man Humor und gesunden Menschenverstand braucht.

Karl Wilhelm, Garmisch-Partenkirchen

Viel Moral und zu viele Leitfäden

Als Mitverfasserin eines Buches zur "Genderlinguistik" möchte ich zu den Ausführungen des Kollegen Simon anführen, dass es derzeit beim Gendern im deutschen Sprachraum gerade nicht zu Einschleifeffekten kommt. Ein Leitfaden jagt ja den nächsten. Wir gendern an Universitäten seit langer Zeit, wie Herr Simon ausführt. Ich stimme den Ausführungen zu den sozialsymbolischen Seiten der Schreib- und Sprechstile zu. Als jemand, die oft den Schrägstrich verwendet (Leser/innen), verorten mich die einen als gendersensibel, die Freund/innen von Sternchen und Unterstrichen jedoch als nicht auf dem neuesten Stand.

Die Gleichstellungsbeauftragten der baden-württembergischen Hochschulen wollen das uni-administrative Schrifttum jetzt offenbar auf den Doppelpunkt vor "innen" hin vereinheitlichen (Info aus der Stuttgarter Zeitung). Der werde von Leseprogrammen für Blinde sowieso mit Pause umgesetzt. Soll ich lachen oder weinen über diese Vermählung von sich ständig erneuernder moralischer Aufladung und Bürokratie?

Die Verfasserinnen der Leitfäden sehen Sprache fürs Denken als determinierend an und simplifizieren die komplexen Zusammenhänge über Gebühr (Bilder spielen zum Beispiel gar keine Rolle). Die Gängelung über die vielen Leitfäden stößt zu Recht immer mehr reformwilligen Menschen auf. Im Artikel "Kleine Pause" wurde ja deutlich, dass die Zustimmung zum Gendern eher wieder abnimmt. Genau das beobachte ich auch.

Prof. i.R. Dr. Helga Kotthoff, Freiburg

Verständigung ist auch Einigung

"Meaning making occurs at the hearer's end. Die Hörerinnen und Hörer schaffen die eigentliche Bedeutung" - eine ziemlich einseitige Sicht auf die Dinge, die sich selbst dekonstruiert, wenn Horst Simon - in Generalisierung offensichtlich früherer schlechter Vorerfahrungen - im Interview Diskriminierung wittert, wo die Apothekerin ihren Reisewunsch vermutlich freundlich gemeint hatte. Mitglieder der ultra-woken (sehr sprach- und gendersensibel, Anm. d.Red.) Community leiten aus solchen Erfahrungen Forderungen nach sprachlichen Veränderungen in der Gesellschaft her, die Thema des Interviews sind; Simon kann die von ihm gefühlte Diskriminierung "locker nehmen" und argumentiert doch latent gekränkt.

Weder hat der Sender einer Botschaft noch deren Empfänger die Deutungshoheit. Geglückte Verständigung besteht darin, dass sich Sender und Empfänger einigen können. Wo dies nicht gelingt, bleibt es offen, oder weitere Diskussion ist nötig. Die Bedeutung einseitig zu bestimmen würde der Willkür Tür und Tor öffnen. Der Sprachwissenschaftler formuliert meiner Ansicht nach über weite Strecken seine persönliche Meinung - wissenschaftlich gesehen gäbe es einige Gegenargumente. Sprache konstituiert sich durch ihre Sprecher und nicht über staatliche oder sonstige Verordnungen. Im Artikel "Kleine Pause" ist zu lesen, dass der Anteil derer, die Gender-Sprache ablehnen, zugenommen hat.

Sprache konstituiert Realität, aber Realitäten konstituieren auch Sprache. Hier ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen!

Michel Marpert, Weingarten

Die Rolle des Rundfunks

Endlich nimmt sich jemand eines Themas an, das mich schon länger umtreibt. Es geht um das Gendern in den öffentlich- rechtlichen Medien. Welches Deutsch die Menschen privat sprechen, ist deren Sache, aber von den öffentlich-rechtlichen Medien (ARD, ZDF) erwarte ich, dass grammatikalisch einwandfreies Deutsch gesprochen wird. Dazu gehört die Sternchensprache nicht. Aber auch neben dem bisher üblichen sogenannten generischen Maskulinum zusätzlich das generische Femininum zu verwenden, lehnen (die Autorin weist darauf hin), zwei Drittel der Bevölkerung ab. Trotzdem wird in ARD und ZDF praktisch durchgängig gegendert. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen.

Ich halte für ausgeschlossen, dass die gesammelten Journalisten von ARD und ZDF zu den 25 Prozent der Bevölkerung zählen, die das Gendern befürworten. Warum machen es so viele Journalisten trotzdem?

Rupert Lindenberg, München

Was ist mit der Nationalhymne?

Wo es um das Große geht, darf offenbar das generische Maskulinum ungegendert bleiben. Deutsche Nationalhymne: "Einigkeit und Recht und Freiheit ... danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand" (Text: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841). Europahymne (Chorfassung in Beethovens 9. Symphonie): "Freude, schöner Götterfunken ... alle Menschen werden Brüder" (Text: Friedrich Schiller 1785). Aber aktuell pingelig nachgefragt: Gibt sich auch die kleine Gewerkschaft der Lokführer geschlechtsneutral? Oder streiken die L*innen nicht?

Prof. Dr. Wolfgang Wickler, Starnberg

Stilblüte

In einem Hamburger Restaurant stand auf der Speisekarte zur Auswahl: "Hähncheninnenfilet". Ist das nicht herr-lich?

Peter Reineck, Meldorf

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