Süddeutsche Zeitung

Gerichtsreportage:Am Abgrund

Lesezeit: 8 min

Die Gerichtsreporterin führt ein Leben unter Mördern, Rechtsextremisten, Attentätern und Vergewaltigern - und soll dabei cool bleiben, aber bitte nicht kühl.

Von Annette Ramelsberger

Christoph Koller, Vorsitzender Richter am Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt, hat ein wichtiges Urteil vor sich: Gleich wird er den Bundeswehroffizier Franco A. wegen Vorbereitung eines Terroranschlags zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilen. Es wird ein Paukenschlag werden, an diesem 15. Juli 2022 wird zum ersten Mal in der Bundesrepublik ein aktiver Offizier wegen geplanten rechten Terrors verurteilt.

Koller kommt schon ein bisschen früher in den Saal, noch ohne Robe, er stellt sich eine Wasserflasche auf den Tisch, stapelt seine Blätter mit dem Urteilstext, checkt das Mikrofon. Dann setzt er sich auf seinen Stuhl, schaut nach oben zur Pressetribüne, zwinkert und sagt: "Jetzt setze ich mich mal so hin, als ginge ich am Samstag in die Oper." Dann grinst er und fügt hinzu: "Stimmt übrigens."

Ein Rätsel? Ein Insiderwitz? Wenn man kurz vorher die Seite Drei der Süddeutschen Zeitung gelesen hatte, dann konnte man die Worte entschlüsseln: Der Vorsitzende Richter hatte offenbar die Gerichtsreportage über den Prozess gegen Franco A. gelesen. Und die begann so: "Christoph Koller sitzt da auf seinem Richterstuhl wie einer, von dem man sich sehr gut vorstellen kann, dass er samstags in die Frankfurter Oper und danach gut essen geht." Der Richter fühlte sich offenbar zutreffend beschrieben. Und tat das kund, direkt vor dem wichtigen Urteil.

"Sie beeinflussen mit Ihren Berichten das Gericht"

Im gleichen Frankfurter Gerichtssaal baute sich übrigens auch der Bundeswehroffizier Franco A. vor der Gerichtsreporterin auf und fragte: "Sind Sie Frau Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung?" Dann begann er schneidig, die Berichterstattung der SZ zu kritisieren: "Sie beeinflussen mit Ihren Berichten das Gericht." Auf jeden Fall waren die Texte so kritisch, dass Franco A. statt mit der SZ lieber mit dem russischen Propagandasender RT Deutschland sprach, wo er sich als politischer Gefangener der Bundesrepublik Deutschland darstellen durfte, völlig unschuldig und zu Unrecht verfolgt. Zur Erinnerung: Franco A. hatte sich eine zweite Existenz als syrischer Geflüchteter zugelegt, er drang in die Tiefgarage der Bürgerrechtsaktivistin Anetta Kahane in Berlin ein, er hortete Waffen und Munition. Das Gericht ging davon aus, dass er einen Anschlag plante.

Was Franco A. störte: dass seine Selbstinszenierung als harmloser, wissbegieriger Elitesoldat nicht verfing. Und das lag auch an der intensiven Beobachtung dieses Prozesses durch Gerichtsreporterinnen und -reporter. Wer vom ersten bis zum letzten Tag in einer Verhandlung sitzt, bekommt viel tieferen Einblick in die Beweislage, als die Journalisten, die nur am ersten Tag kommen, lediglich die Anklage hören und dann erst wieder zum Urteil im Saal erscheinen. Es kann dann vorkommen, dass das Urteil ganz anders ausfällt, als Journalisten in ihren Vorberichten vorhersagen. Damit verwirren sie die Leserinnen und Leser mehr, als sie zu informieren. Denn sie können ja auch nicht erklären, warum das nun so gekommen ist.

Irgendwann fühlte ich mich wie die Zellennachbarin von Beate Zschäpe

Die Süddeutsche Zeitung hält die Gerichtsreportage, die intensive Begleitung wichtiger Prozesse über Wochen und Monate, manchmal über Jahre, auch deshalb so hoch, weil man dadurch die Grundprinzipien des Rechtsstaats erklären kann: die akribische Wahrheitssuche in der Hauptverhandlung, die Unschuldsvermutung, das Recht des Angeklagten zu schweigen, die Pflicht der Zeugen, die Wahrheit zu sagen. Und das Urteil, das im Zweifel für den Angeklagten ergeht, in dubio pro reo. Die Gerichtsreportage erklärt, wie es vor Gericht funktioniert, was wichtig ist, was nicht und was nur Show. Dafür muss man die Juristensprache so ins Deutsche übersetzen, dass die Leser sie auch ohne Zweites Juristisches Staatsexamen verstehen. Nicht umsonst ist die Öffentlichkeit des Strafverfahrens in Deutschland gesetzlich festgeschrieben: Nichts soll vertuscht, nicht gemauschelt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass Journalisten regelmäßig zusehen, zuhören und berichten. Damit erst gar niemand in Versuchung kommt.

Fünf Jahre bin ich im größten und wichtigsten aller Prozesse nach der Wiedervereinigung gesessen: dem Verfahren gegen die rechtsradikale Mörderbande Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in München. 438 Verhandlungstage lang. Irgendwann fühlte ich mich wie die Zellennachbarin von Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten: festgezurrt in einem Prozess, der nie zu enden schien. Aber die Süddeutsche Zeitung hatte sich verpflichtet, jeden einzelnen Tag zu begleiten - es war eine Art tätige Reue. Denn auch die SZ hatte über Jahre nicht erkannt, dass die zehn Morde an Migranten und an einer Polizistin eine rechtsradikale Mordserie waren. Auch die SZ hatte den schrecklichen Polizeijargon von den "Dönermorden" übernommen. Deshalb saßen wir dann im NSU-Prozess, den Laptop auf den Knien, und schrieben jedes Wort mit - denn das Gericht hatte es abgelehnt, diesen historischen Prozess audiovisuell aufzunehmen. Auch ein Wortprotokoll gab es nicht. Also übernahmen wir Journalisten die Aufgabe, diesen Prozess zu dokumentieren, Wort für Wort, so schnell wir mitschreiben konnten - denn Aufnahmen waren verboten. Unseren Buchstabensalat schrieben wir dann in langen Nachtschichten ins Reine.

Die Begleitung des NSU-Prozesses hat uns an unsere psychischen und physischen Grenzen gebracht. Und aufrechterhalten haben unser kleines Team vor allem unsere Leserinnen und Leser. Interessiert fragten sie nach, wenn wir mal an einem Tag, an dem es nur um Formalien ging, nichts veröffentlichten. Oder sie schrieben uns Mails, dass wir auf keinen Fall aufgeben sollten. Eine Leserin schickte Blumen, die in der zermürbenden Endphase des Prozesses trösteten. Wir wussten: Mancher Kollege mochte die Augen verdrehen über diesen Ewigkeits-Prozess, da draußen aber warteten unsere Leserinnen und Leser auf unsere Berichte.

"Drei Juristen, vier Meinungen"

Ein Gerichtsverfahren ist fast immer auch eine Beziehungsgeschichte. Man sieht sich, man kennt sich (ein wenig), man schätzt sich oder auch nicht. Im NSU-Prozess wurde jeden Morgen Beate Zschäpe hereingeführt. Sie setzte sich auf ihren Platz, erste Reihe, zweite von rechts. Ich schaute runter, sie schaute hoch. Sie schaute weg. Man konnte über die Jahre beobachten, wie sie sich verändert: die Schatten unter den Augen tiefer, das Gesicht teigiger. Aus der Frau, die anfangs aussah, als gehöre sie zur Riege ihrer smarten Verteidiger, wurde eine Gefängnisinsassin. Eine mit eisernem Willen allerdings. Dass da eine starke Persönlichkeit saß, war klar.

In wichtigen Prozessen sitzen oft psychiatrische Sachverständige, die nichts anderes tun, als die Angeklagte oder den Angeklagten zu beobachten. Aus Kleinigkeiten, selbst aus unterbliebenen Reaktionen, können diese Fachleute ziemlich treffsicher auf die psychische Verfasstheit der Angeklagten schließen. Man kommt sich als Gerichtsreporterin manchmal fast selbst vor wie so eine Beobachterin. Manchmal kann man aus winzigen Gesten aufs große Ganze schließen. Manchmal schwankt man wochenlang, ob eine Einschätzung richtig ist. Und nie ist man sich hundertprozentig sicher, wie das Urteil ausfällt. Denn es sind Menschen, die urteilen, und Menschen, selbst juristisch geschulte, sehen die Dinge sehr unterschiedlich. Nicht umsonst spotten Juristen über sich selbst: "Drei Juristen, vier Meinungen."

Im Gericht gibt es alles, was man braucht, um jeden "Tatort" für harmlos zu halten

Auf den Richterbänken kann man ein Panoptikum juristischer Daseinsformen beobachten: Die Technokraten, denen kein menschliches Wort entschlüpft. Die Vulkane, die regelmäßig ausbrechen, wenn irgendeine Kleinigkeit sie erzürnt. Die Zaghaften, die selbst bei kleinsten Problemen am liebsten beim Bundesgerichtshof anrufen würden, ob es dazu schon eine höchstrichterliche Entscheidung gibt. Die Stoischen, die auch den 43., 44. und 45. Verhandlungstag mit der gleichen Gelassenheit angehen, als wäre das Ganze keine Gerichtsverhandlung, sondern ihre persönliche Zen-Meditation. Die mütter- und väterlichen Richterinnen und Richter, die den Angeklagten im Prozess noch ein wenig erziehen wollen. Und die Jovialen, die den Beteiligten das Gefühl geben, sie seien bei ihnen in allerbesten Händen, und dann beim Urteil hart zuschlagen.

Und das sind nur die Richter und Richterinnen. Dazu gibt es: den Staatsanwalt, unter dessen Robe das Fan-Trikot von 1860 München hellblau hervor blitzt. Den Verteidiger, der mit dem Ego des Staranwalts auftritt und dem Richter erstmal erklärt, dass der keine Ahnung von der Sache hat. Den Pegida-nahen Anwalt, der einen eigenen Youtube-Kanal hat, wo er sich als Kämpfer fürs Recht präsentiert, während ihm der Richter wegen Unfähigkeit das Mandat für seinen Mandanten entzieht. Und den Verteidiger, der einen den ganzen Prozess lang mit Missachtung straft, dann aber erbost fragt, warum man seinen Namen im Text nicht genannt hat. Dazu: bis zur Unerträglichkeit penible Sachverständige, dreist lügende Zeugen, verzweifelte Eltern, weinende Angeklagte - und zu allen auch das Gegenteil. Kurz: alles, was man braucht, um jeden "Tatort" für harmlos und jeden Schweden-Krimi für durchaus real zu halten.

Ist doch eigentlich ein einfacher Job, oder? Man sitzt nur im Saal und schaut dem Leben zu, das einem vorgeführt wird. Dann schreibt man in Ruhe alles auf. Im wahren Leben schlägt man sich durch ein Unwetter nach Chemnitz durch, wo das Gericht nachts um ein Uhr einen Ortstermin in einem Dönerlokal ansetzt, in dessen Nähe ein Mann getötet wurde - der Anlass für die Krawalle von Chemnitz. Die Bahn fällt aus, man strandet im Nirgendwo, fährt per Anhalter in einem Auto, das von einem sehr glatzköpfigen Mann gesteuert wird und erzählt lieber nicht, dass man Journalistin ist. Oder man steht im Nieselregen eine ganze Nacht vor dem OLG Frankfurt an, um einen der Plätze im Lübcke-Mord-Verfahren zu ergattern, darf dann nicht mit dem Laptop arbeiten und wird kurz vor Redaktionsschluss aus dem Gerichtsgebäude geworfen - die Justizwachtmeister wollen in den Feierabend. Oder man wartet drei Stunden in sengender Sonne vor dem Gericht in Magdeburg, damit man zum Prozess wegen des Attentats von Halle eingelassen wird. Demonstranten hatten irgendwann Mitleid und brachten uns Wasser.

Man erlebt menschliche Größe und menschliche Niedertracht

Drinnen hört man dann den Angeklagten Menschenverachtendes sprechen, man sieht die Bilder von Leichen, von Schüssen durchbohrt. Man schaut die Videos vom Frauen-Mord in einem Würzburger Kaufhaus und kann natürlich nicht rausgehen, wenn der Richter die Besucher dringend warnt, diese Videos nicht anzusehen. Man hört Gutachter davon sprechen, dass der Schuss in der "Kopfschwarte rechts" eingeschlagen ist. Und man sieht, wie der Vater eines vom NSU getöteten jungen Mannes sich voll Verzweiflung auf den Boden des Gerichtssaals wirft. Oder eine Witwe Zeugnis ablegen will für die demokratische Haltung ihres getöteten Mannes; sie war jeden einzelnen Tag im Gerichtssaal. Man hört Richterinnen zu, die um ein würdevolles Verfahren ringen, und Zeuginnen, die sich von der Kälte des Angeklagten nicht einschüchtern lassen. Man erlebt menschliche Größe und menschliche Niedertracht. Und man bleibt davon nicht unberührt.

Es sind so viele Fälle: der junge Mann, der von seiner Ehefrau über Jahre verfolgt und bedroht wurde. Sein Haar ist darüber weiß geworden. Der radikal-christliche Vater, der seine vier Kinder nach Ägypten entführt hat. Er wollte sie dort vor den Sünden der westlichen Welt schützen. Die 17-Jährige, die sich von ihrem Freund trennte. Als der ihre Eltern massakrierte, um das Mädchen wiederzugewinnen, half sie ihm, die Leichen zu vergraben. Die Frau, die ihre Kinder zum IS mitnahm und nun so tut, als wäre nichts geschehen. Ihr Sohn kam bei einem Bombenangriff um. Der Chefarzt, der seine Patientinnen betäubte und sie dann missbrauchte. Er fühlt sich als ehrenwerter Mann. Der Attentäter, der mal eben den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund in die Luft sprengen wollte. Er wollte mit Aktienspekulationen gegen den BVB reich werden. Der Stiefsohn des Polizeichefs vergewaltigte eine Studentin zu Tode, aber lange befragte ihn niemand - dabei lag die Leiche hinter seinem Haus. Und das ist nur eine kleine Auswahl der vergangenen zehn Jahre.

Im Gerichtssaal zeigen sich die Abgründe der Gesellschaft. Wer darüber schreibt, muss diese Abgründe ausleuchten, ohne sich in den Abgrund ziehen zu lassen. Das ist nicht immer leicht. Im Gerichtssaal zeigen sich aber auch die Stürme, die die Gesellschaft beuteln: Verfahren gegen IS-Rückkehrer, Corona-Leugner, Islamisten, Rechtsradikale, Kinderschänder. Die Aufgabe der Süddeutschen Zeitung ist es, dann präzise, klar, unbestechlich und dennoch empathisch zu beschreiben, wie der Rechtsstaat damit umgeht - damit ihre Leser und Leserinnen wissen, was in ihrem Namen geschieht: im Namen des Volkes.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5660238
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/dwue/cda
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.