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Gentechnik:Macht und Verantwortung

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Viele Leserinnen und Leser äußern sich skeptisch, einige fordern eine breite Debatte darüber, wie weit die Gentechnik gehen soll und darf. Ökonomische Interessen sollten dabei nicht vorrangig sein.

Zu "Weder Teufelszeug noch Allheilmittel" vom 5./6. Dezember sowie zu "Alles manipuliert" vom 23. November:

Wie weit soll und darf es gehen?

Ja, die Gentechnik im Labor ist eine beschleunigte Fortsetzung dessen, was der Mensch schon seit Jahrtausenden betreibt. Muss es damit zwangsläufig gut und richtig sein? Pflanzen, die auf Herbizide verzichten können? Her damit! Schweine, die keine Antibiotika benötigen? Aber gerne! Aber es gibt, wie immer, eine Kehrseite. Können wir Kühen - und davor wird die Gentechnik nicht haltmachen - noch größere und schwerere Milcheuter zumuten? Besteht die Gefahr einer noch stärkeren Monokultivierung von Äckern und Obstgärten? Wir wissen, das Vielfalt wichtig ist, die Bienen (und andere Tierarten) sind anders nicht zu retten.

Es stellt sich also weniger die Frage, Gentechnik: ja oder nein. Vielmehr muss darüber gestritten werden, wie weit Gentechnik gehen darf, wo wir Grenzen setzen. Und diese Frage darf man nicht unter die Prämisse stellen, dass der Mensch absoluten Vorrang hat vor allen anderen Wesen und Pflanzen dieses Planeten. In punkto "Machet euch die Erde untertan!" sind wir schon sehr weit vorangeschritten. Zu weit? Wir sind möglicherweise nicht die intelligentesten Wesen auf der Erde, aber die mächtigsten. Und mit großer Macht geht große Verantwortung einher. Dieser Verantwortung werden wir uns bald stellen müssen, so schmerzhaft das auch ist.

Frank Lillich, München

Entscheidung für Generationen

Es wird vorgeschlagen "...Berührungsängste der Verbraucher ernstzunehmen und ... zu entkräften ...". Ich meine, es geht nicht um Ängste, sondern um Fakten. Es werden ja auch welche aufgezählt in der SZ, etwa unerwünschte Nebenwirkungen oder unkontrollierte Auskreuzung. Und es geht um die Entscheidung: Darf einer Mehrheit - samt Nachkommen - ein Risiko aufgezwungen werden, wenn wirtschaftliche Macht das aus finanziellen Gründen will? Solches Vorgehen hat bereits hinreichend Schaden in der Welt angerichtet.

Peter Lendle, Vogtareuth

Überfällige Debatte

Die Zwischenüberschrift: "Jede Technologie birgt Chancen und Risiken, und sie kann missbraucht werden" ist so trivial wie richtig. Dennoch wurden und werden bei der klassischen seit über 20 Jahren in der Züchtung landwirtschaftlicher Nutzpflanzen angewandten Gentechnik in Europa die vielen vorhandenen Chancen in ihrer Bewertung kaum berücksichtigt. Die Ergebnisse der in Deutschland durchgeführten umfangreichen biotechnologischen Sicherheitsforschung haben bei Entscheidungsträgern wie auch bei vielen Journalisten nur einen geringen Widerhall gefunden.

Pflanzenzüchtung ist die Grundlage einer modernen, nachhaltigen und ressourcenschonenden Landwirtschaft. Vielfalt der Unternehmen trägt zur Vielfalt der gezüchteten Pflanzensorten bei. Wichtig ist - wie im Journalismus - der Schutz des geistigen Eigentums, also Sortenschutz aber auch Patentschutz. Und genauso wichtig ist die Ausgestaltung von Zulassungsverfahren. Sie müssen auch von einem mittelständischen Pflanzenzuchtbetrieb bewältigt werden können. Das ist ohne Verlust an Sicherheit möglich, wenn die Verfahren sich auf das Wesentliche konzentrieren, die Bewertung der Eigenschaften der Sorte, die zugelassen werden soll.

Der Parteitagsbeschluss der Grünen gibt leider wenig Anlass zur Hoffnung, dass die Blockade moderner Züchtungsmethoden in Deutschland überwunden werden wird. Es ist doch ein Stück aus dem Tollhaus, am Max-Planck-Institut in Potsdam wird ein gänzlich neues Züchtungsverfahren entwickelt, die Wissenschaftlerinnen erhalten dafür den Nobelpreis, die Anwendung erfolgt weltweit, auch in Deutschland. Doch nur außerhalb der EU haben mit dieser Methode gezüchtete Pflanzen eine reelle Chance auf Zulassung. Und der hier hoch gelobte Parteitagsbeschluss der Grünen gibt seinen Segen für eine Forschung, die längst stattfindet. Entscheidend ist die sachliche Debatte über dieses zentrale Thema der Landwirtschaft und die Reform der Zulassungsverfahren - nicht irgendwann, sondern jetzt.

Dr. Christel Happach-Kasan, ehem. Bundestagsabgeordnete (FDP), Bäk

Prozess beschleunigt sich

CRISPR-Cas mag eine bessere, gar nobelpreiswürdige Technik sein. Am Grundproblem der Gen-Manipulation in der Landwirtschaft ändert sie wohl nichts: Während die natürliche Evolution Mutationen über lange Zeiträume und mit langsamer regionaler Ausbreitung "zur Bewährung" aussetzt, werden gentechnisch erzeugte Mutationen vom Menschen gezielt und rasch weltweit verbreitet. Menschenwerk unterliegt dem ökonomischen Interesse, verträgt deshalb keinerlei Zurückhaltung und wird nach dem Motto "Tempo, Tempo - Zeit ist Geld" vorangetrieben.

Wenn die "neue Gentechnik" jetzt auch kleine und mittlere Saatzüchter in die Lage versetzt, genveränderte Lebewesen auf den Markt zu bringen, wird dieser Prozess noch rasanter ablaufen und eine Vielzahl von Organismen betreffen. Alte, regionale Sorten und traditionelle Methoden werden dann keine Chance mehr haben. Wer will denn das wirklich?

Bernhard Suttner, Windberg

© SZ vom 05.01.2021
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