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Gentechnik:Glaubensfrage

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Hinter der Ablehnung der "Genschere" Crispr-Cas steckt eine menschliche Urangst. Politiker wie Experten müssen sie ernstnehmen, meint SZ-Autor Werner Bartens. Welche Position nehmen die Leser zum Thema ein?

"Das Recht auf Unbehagen" vom 28./29. Juli und "Angst vor der Schere" vom 26. Juli:

Nicht sehr deutlich

In ihrem Leitartikel zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über die neuen Gentechnologien meint Katrin Zinkant, das Gericht habe aus Angst entschieden. Leider wird nicht ganz deutlich, warum Verfahren, die mit einer "Gen-Schere" DNA-Sequenzen im Erbgut von Pflanzen bearbeiten, nicht als Gentechnik bezeichnet werden sollten. Die Erläuterung dieser Sachkenntnis bleibt aus. Der Text wirft wichtige Fragen auf, die in der Diskussion kaum behandelt werden, wie: Welche Bedeutung hat ein Gen für eine Pflanze, für das Ökosystem? Was genau ist an den Verfahren präzise und sicherer? Für wen gilt die Sicherheit, für die Pflanzen oder für die Menschen? Welche Kriterien werden für die "Unterscheidbarkeit" herangezogen? Warum führen die "alten" Gentechnikverfahren zu Umweltzerstörung, aber die neuen Verfahren nicht mehr?

Dr. Birgit Wilhelm, Berlin

Wunschdenken

Die Autorin sieht den Europäischen Gerichtshof in Angst. Dabei hat das Gericht im Kern nur festgestellt, dass nicht nur die Gentechnik, die verschiedenartige Gene kombiniert, sondern auch die Gentechnik, die innerhalb der eigenen Sorte stattfindet, als Gentechnik zu bezeichnen ist. Die Kommentatorin hält die neue "Gen-Schere" Crispr-Cas gerade auch für Europa für wichtig im Hinblick auf den Klimawandel, wenn sie die braunen oder sogar brennenden Felder sieht. Es müssen "hitzetolerante, starkregenaffine und windfeste Sorten für Europa" entwickelt werden. Die Hitze selber sollte kein Problem sein, aber wenn Wasser fehlt, kann kein Wachstum stattfinden. Brennt ein Feld ab, kann man höchstens noch etwas Holzkohle ernten. Dies gilt auch bei genmanipulierten Sorten (wie manche "Feldversuche" schon bewiesen haben). Die Erwartungen in die Gentechnik werden zu sehr von überzogenem Wunschdenken gespeist. Alte Sorten, die vielleicht weiterhelfen könnten, bleiben unbeachtet.

Volker Seibt, Markt Schwaben

Falsche Fakten

Der Kommentar von Werner Bartens beschreibt sehr gut, warum die Entscheidung des Gerichtshofs wohl den Gefühlen einer Mehrheit der Deutschen entspricht. Dabei ist die Begründung interessant: "Ziel des Europäischen Gentechnikrechts sei es, schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern". Offensichtlich hat über 40 Jahre lang die Schwarzmalerei von Anti-Gentechnikaktivisten die öffentliche Wahrnehmung dahingehend beeinflusst, dass es angeblich selbstverständlich sei, dass Gentechnik der Gesundheit und der Umwelt schaden würde. In der Medizin hat die Gentechnik zu einem Segen durch biologische Arzneimittel geführt, die kein Arzt mehr missen möchte. Und in der Landwirtschaft, um die es hier geht, gibt es keinen Hinweis auf einen Schaden für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt. Die Menschen haben sich mit falschen Fakten und Angstszenarien zu dem Glauben bringen lassen, dass "gentechnikfrei" ein Qualitätsmerkmal wäre. Bei der neuen genetischen Methode ist der Grund für eine Ablehnung noch unverständlicher, weil die bisherigen Pflanzenzüchtungsmethoden nun durch eine klar definierte und überprüfbare Methode abgelöst werden könnten, die auch noch wesentlich schneller zu neuen Sorten führen kann.

Peter Buckel, Iffeldorf

© SZ vom 22.08.2018

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