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Genetik:Von anderen Kulturen lernen

Rassismus von heute ist politischer Natur, schreibt ein Leser. Die Erkenntnis, dass Menschen letztendlich alle genetisch verwandt sind, helfe kaum gegen Vorurteile. Ein anderer empfiehlt eine offenere Debatte über Vor- und Nachteile der Kulturen.

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Selfie der Vielfalt: Verständnis für andere Kulturen ist oft eine Frage der Bereitschaft und des Lernens, nicht der Hautfarbe.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Zum Interview "Wir waren alle mal schwarz" vom 23./24. November:

Moderner Rassismus ist politisch

Ob die unübersehbaren natürlichen Unterschiede zwischen Menschen(gruppen) nun als "Rassen"-Merkmale definierbar sind oder nicht, sei dahingestellt (Das sollen die Biologen nach ihren wissenschaftlichen Kriterien beurteilen). Ein guter Konter gegen Rassenhass, gar eine Widerlegung des rassistischen Denkens sind die Hinweise auf die relativ enge genetische Verwandtschaft aller Menschen, die allein schon verböte, von Rassen zu sprechen, jedenfalls nicht. Auch im abgedruckten Interview ist ja davon die Rede, dass es Spielarten des Rassismus gibt, die sich gar nicht auf physiognomische Unterschiede beziehen, wie den Antisemitismus (weshalb die Nazis ihre braunen Rassentheoretiker eigens pseudobiologische Nachweise einer "jüdischen Rasse" konstruieren lassen mussten). Doch auch wo der Rassismus sich etwa an der Hautfarbe festmacht, ist diese nicht sein Grund. Was folgt schon aus gelbem, weißem, dunklem Teint?

Der moderne Rassismus ist erkennbar ein sehr politischer. Sein gedanklicher Ausgangspunkt ist der Wahn, ein Staat würde ein letztlich irgendwie biologisch definiertes, ihm vorausgesetztes Volk umfassen, organisieren, schützen. Das so konstruierte "Wir" steht dann wie von selbst den anderen, "Fremden" gegenüber (so als ob einem im "eigenen Land" nicht auch die allermeisten fremd wären). Und dieses "Fremde" kann dann gern mit irgendwelchen äußerlichen Merkmalen bebildert werden - muss aber nicht.

Man merkt: Gegen die Wucht dieses nationalistisch geprägten Rassismus kommt man mit gut gemeinten Dementis natürlicher Unterschiede nicht an. Wo es solche gibt, dienen sie als Beleg der nationalistisch-völkischen Weltanschauung; wo nicht, werden sie konstruiert, wie am Beispiel der Nazis gezeigt. Die Leugnung natürlicher Varianzen macht den rechten Ideologen selbstverständlich ungewollt sogar ein höchst bedenkliches Zugeständnis: Denn wäre der Rassenhass - zwar in keiner Weise zu billigen, aber - schon irgendwie nachvollziehbar, würde man einen menschlichen Rassenbegriff konzedieren?

Mathias Günther, Hamburg

Offener Umgang und Verständnis

Endlich! Auf einen Beitrag zum Thema der gar nicht existierenden menschlichen Rassen habe ich lange gewartet. Aussagen von Biologen werden nicht immer geschätzt, aber die Einsicht, dass es keine verschiedenen Menschenrassen gibt, ist eine fundamental wichtige. Es gibt Rassismus, aber keine Rassen! Nur wegen der fatalen Rassenideologie ist dieses Übel entstanden. Nachdem diese Irrlehre entlarvt ist, sollte es doch auch bald mit dem Rassismus ein Ende haben.

Schön wär's, aber leider sind die Probleme, die viele von uns mit andersartigen Menschen haben, mit dieser Einsicht allein nicht aus der Welt zu schaffen. Ihre Ursache liegt nicht in unterschiedlichen Genen, sondern in der Verschiedenheit der Kulturen. Das fängt bei Sprachen an und hört bei Religionen nicht auf. Solange man in den Medien den Rassismus beklagt, solange werden viele an biologische Unterschiede glauben und darin eine berechtigte Ursache für Ressentiments und Diskriminierung sehen. "Rassismus" ist ein geeignetes Schlagwort für die Problematik, doch für das eigentliche Problem sollte ein anderes Wort gefunden werden, das die wahren Gründe nennt und auch auf positive Seiten kultureller Unterschiede hinweist.

Ein Begriff wie "Cash of cultures" eignet sich dafür nicht. In den Medien sollte viel mehr über die kulturellen Besonderheiten der Kulturen berichtet werden, denn unser Wissen darüber geht nicht sehr tief. Wenn man mehr über die wahren Ursachen des vermeintlichen Rassismus berichten würde, so könnte die Gesellschaft leichter Einsichten, die zu seiner dringenden Auflösung führen, finden. Nur dann kann sich ein Bewusstsein und ein Verständnis bezüglich der Eigenart anderer Menschen entwickeln. Negative Eigenschaften anderer Kulturen müssen nicht ausgeblendet werden, sollten aber nicht im Vordergrund stehen. Auch negative Seiten unserer eigenen westlichen Kultur, wie Arroganz gegenüber der Dritten Welt, oder Konsumismus und vieles andere, können angesprochen werden. Ich meine, nur wenn die Basis der Gesellschaft erkennt, welchen kulturellen Profit wir von anderen Ländern beziehen können, werden sich die Beziehungen zu anderen Volksgruppen und Migranten entspannen.

Dietfried Gruber, Seehausen am Staffelsee

Negative Stereotype

Bei der ganzen absurden Debatte darüber, ob es menschliche Rassen gibt oder nicht gibt, bleibt der Elefant brettlbreit im Raum stehen, um den es hier eigentlich geht: dass Menschen anderer Nationen oder Volksgruppen wieder zunehmend mit negativen Stereotypen versehen werden. Stattdessen graben die beiden Wissenschaftler einen Begriff aus, der in Deutschland außerhalb des linken Milieus nahezu ausgestorben war und selbst von stereotypisierenden AfDlern nicht verwendet wird. Außerdem sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften höchstwahrscheinlich mehr kultureller und historischer als genetischer Herkunft.

Christian Schneeweiß, Schlehdorf

Antiquierter Begriff

Was soll an dem Begriff Rasse falsch sein, wenn man darunter die Zweige des Stammbaumes der menschlichen Art, der sich durch die Ausbreitung des Menschen über den Globus entwickelt hat, ansieht. Da sich die dadurch entstandenen Populationen in geschichtlicher Zeit häufig wieder vermischten, existieren viele Zweige davon kaum mehr. Vielen Menschen kann man auch überhaupt keinen der Hauptzweige mehr zuordnen. Anders ausgedrückt, Rasse ist ein Begriff, der für die fernere Vergangenheit der menschlichen Art eine Rolle spielt, aber für die Gegenwart immer weniger. Deshalb halte ich es auch für unsinnig, "antirassistische Aufklärung" zu betreiben, wie die beiden interviewten Wissenschaftler es tun. Die Tatsachen sprechen für sich.

Thomas Leichner, Wolfratshausen

© SZ vom 19.12.2019

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