Gendergerechte Sprache:Ein Sternchen, das spaltet

Ob Leserinnen und Leser, LeserInnen oder Leser*innen, so recht zufrieden sind die meisten nicht mit dem, was praktiziert wird, um Gleichberechtigung zu demonstrieren. Ob es Frauen im Alltag hilft? Dazu gibt es gemischte Ansichten.

Gendergerechte Sprache: SZ-Zeichnung: Denis Metz

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Von Bäckern, Lehrerinnen und Flüchtlingen" vom 14. März und "Die Wanne ist voll" vom 8./9. März:

Entwickeln statt gendern

Der kluge Versuch von Thomas Steinfeld, das Dilemma einer geschlechterneutralen Sprache zu verdeutlichen, ist dem Autor hoch anzurechnen, lässt aber den Leser (in diesem Fall männlich) ratlos zurück. Einerseits kann zu diesem Thema jede(r) seinen Senf dazugeben, andererseits versinkt das Ganze in einem komplexen Nirgendwo. Hinzu kommt, dass wir nicht vergessen sollten, auch das dritte Geschlecht in unsere Diktion einzubeziehen. Da käme dann Einiges auf ein "schwer erträgliches Aufseherwesen" zu. Es sei denn, wir vertrauen auf die normative Kraft des Faktischen und akzeptieren, wie sich der geschlechtliche Umgang mit der deutschen Sprache in Zukunft von selbst entwickelt. Zu berücksichtigen wäre auch das von Ralf Dahrendorf konzipierte Modell des "homo sociologicus". Darin heißt es, unter anderem, dass "Erwartungen, Normen und Werte selten von der Gesamtgesellschaft ausgehen, sondern von kleineren Gruppen, die für die jeweilige Rolle des soziologischen Menschen relevant sind". Dem gegenüber steht dann wiederum der freie Wille der/des Einzelnen, die/den es nicht stört, wenn der Milchmann eine Frau ist oder die Eierfrau ein Mann.

Gregor Ortmeyer, Düsseldorf

Wichtig für die Jugend

Sprache ist durchaus nicht etwas, wie Herr Steinfeld es nennt, "rein Symbolisches". Dies wurde bereits in dem Artikel "Tief in der Sprache lebt die alte Geschlechterordnung fort" (SZ vom 7. Juni 2018) überzeugend dargestellt: "...der Gebrauch geschlechtergerechter Sprache ist eine einfache, direkte und wirkungsvolle Möglichkeit, an der Gleichstellung der Geschlechter mitzuwirken". Ein Anliegen, das der Autor ja grundsätzlich zu teilen scheint. Warum also dies nicht auch über die Sprache forcieren? Weil es schon immer so war, scheint er sagen zu wollen, was selten ein gutes Argument ist ("Der Dominanz des Männlichen entkommt man im Deutschen nicht. Sie ist mit der Sprache gegeben."). Meine 12-jährige Nichte hat kürzlich einen Artikel über ein Schulprojekt in der lokalen Tageszeitung gelesen; auf die Nachfrage, was sie davon halte, sagte sie ein wenig entmutigt: "Ich komme darin gar nicht vor. Es wird ja immer nur von Schülern gesprochen." Ich bin keine Hardlinerin, achte aber durchaus an entscheidender Stelle auf meine Wortwahl: Ja, ich gehe sonntags auch schnell "zum Bäcker". Gleichzeitig möchte ich, dass meine Nichte keinen Zweifel daran hat, dass sie sowohl Erzieherin als auch Ingenieurin werden kann!

Dr. Ines Lietzke-Prinz, Dassendorf

Zu viel Sprachpolizei

Ich habe den Aufruf des Vereins Deutscher Sprache "Schluss mit dem Gender-Unfug" selbst auch unterschrieben, weil ich der Argumentation in allen Punkten folge. Das sprachwissenschaftliche Argument des generischen Maskulinums ist vielleicht eher etwas für Grammatikbegeisterte wie mich, das soziologische Argument in dem Aufruf wiegt viel schwerer: die Situation von Frauen verändert diese sprachlichen Eskapaden kein bisschen! Wir verabreichen uns damit eine Arznei, die trotz unerträglicher Nebenwirkungen ihr Ziel gar nicht erreicht. Diese Nebenwirkungen und die Grundthese Ihres Artikels "Die Wanne ist voll" veranlassen mich zu dieser Rückmeldung.

Diese ganzen sprachpolizeilichen Maßnahmen führen zur gesellschaftlichen Spaltung. Eine große Zahl an deutschsprachigen Menschen stört sich mäßig bis stark daran. Reaktionären, populistischen bis rechtsradikalen Kräften wird mit diesem Unfug in die Hände gespielt. Das entsetzt mich. Ihr Artikel diskreditiert den Aufruf, ohne ihm tiefergehend inhaltlich zu begegnen. Der Hinweis, auch die Rezeption des generischen Maskulinums unterliege dem Sprachwandel, mag richtig sein. Es ist aber ein schwaches Gegenargument und das einzige inhaltliche. Demgegenüber lautet die fettgedruckte Zeile, die heraussticht, ... "einer der Erstunterzeichner ist[...] Maaßen", womit im Subtext gesagt wird: dieser Aufruf kommt aus der rechten Ecke. Was ein Signal ist!

Der Artikel ist in dem Reflex geschrieben, sich nicht mit AfD-Anhängern und ihresgleichen auf eine Seite stellen zu wollen. Die Argumente, diese Verwurstung und geradezu diktatorische Gängelung der deutschen Sprache abzustellen, sind aber gewichtig. Wir sollten denen das Instrument nicht überlassen! Je mehr Menschen mit Sprachgefühl, Wohlwollen und demokratisch-humanistischer Grundhaltung sich dem Aufruf anschließen, desto weniger geriete er in den Verdacht rechter Gesinnung. Schließlich gilt: Eine Position ist nicht deshalb falsch, weil sie auch von der AfD vertreten wird. Wenn Sie die Position ablehnen, machen Sie sich bitte am Inhalt zu schaffen, das wäre dann auch rechtschaffen und ein gutes Mittel gegen die fatale Überhöhung dieser leidigen Partei.

Steffi Becker, Sangerhausen

Die Debatte hilft Frauen nicht

Kein Zweifel, die Genderdiskussionen sind ideologisch besetzt. Das Gendern der Sprache steht im Widerspruch zur deutschen Grammatik: Es gibt keine Großbuchstaben im Wort, Unterstrich, Symbole wie * sind völlig willkürliche Eingriffe. "Alle Bürger dieser Stadt" sind ALLE Bürger. Frauen müssen nicht auf Kosten der Männer noch besonders erwähnt und somit in den Vordergrund gerückt werden. Das ist reine Zeitverschwendung und stört den rhetorischen Fluss. Haben selbstbewusste Frauen das nötig? Ich bin gegen diese künstliche Verformung. Mich und alle anderen, die gegen diesen gewaltsamen Eingriff in die Sprache sind, deswegen in die rechte Ecke zu drängen oder als "von vorgestern" abzutun, ist voreingenommen und populistisch. Sprache entwickelt sich im gesprochenen Raum, da kommen Wörter, Begriffe hinzu oder werden wieder abgestoßen. Sie zu "gendern" stellt einen unnatürlichen gewaltsamen Eingriff in die natürliche Sprachentwicklung dar und stört die Ästhetik der Sprache. Die sogenannte gendergerechte Sprache ist eine Laborsprache, Soziolekt einer elitären Minderheit, eine feministische Ideologie, die in Besorgnis um politische Korrektheit von vielen unreflektiert - vielleicht sogar in guter Absicht - aufgegriffen wird. Ideologische Besetzungen der Sprache sind aber dekonstruktiv und führen zur Spaltung von Gesellschaften. Komposita wie "Asyltourismus" und "Lügenpresse" sind ein Beispiel dafür. Ebenso ist eine Vereinnahmung der Sprache durch genderideologische Fundamentalisten weder harmlos noch schön, sondern manipulativ und populistisch. Das Gendersternchen schafft keiner Frau mehr Posten in Dax-Unternehmen, gibt keiner Frau mehr Freiheiten bei der Entscheidung zwischen Job und Familie, und vor allen Dingen hilft es keiner alleinerziehenden Mutter aus der Armutsfalle. Das Gendersternchen dient vor allem der Selbstbehauptung einiger linker Feministen, einer intellektuellen elitären Minderheit, die jedoch mit großer Radikalität und erheblichem Durchsetzungsvermögen versucht, sich unter dem Motto der politischen Korrektheit eine Fangemeinde zu schaffen.

Das Gendern der Sprache ist nicht mehr als Symbolik, ungeeignet, gesellschaftliche Strukturen zu verändern, schon deshalb, weil es die benachteiligten Bevölkerungsschichten gar nicht erreicht. Es ist nicht mehr als eine Ideologie, die unterschwellig Druck ausübt auf alle, die ihr nicht folgen.

Dr. phil. Anne Meinberg, Köln

Die Sache mit der Bäckerin

Der Beitrag von Thomas Steinfeld enthält einen entscheidenden Irrtum. Nach seinem Dafürhalten liegt der Widerspruch der geschlechtergerechten Sprache darin, "dass die 'Bäckerin' eine Ableitung aus dem 'Bäcker' ist...". Das Gegenteil ist der Fall. Die Bäckermeister waren bis zum 19. Jahrhundert Frauen, eben Bäckermeisterinnen. Mehr und mehr drängten Männer in diesen Beruf, verdrängten an diesen Arbeitsplätzen die Frauen und tilgten sie mit der Zeit auch aus der Sprache. Übrig blieben dann die Bäcker. Und das ist nur ein Beispiel, wie Sprache Wirklichkeit abbildet, aber auch formt!

Angelica Dullinger, Kochel

© SZ vom 06.04.2019
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