Fußball:Wenn Politik den Sport überlagert

Lesezeit: 4 min

Salutierende türkische Nationalspieler, die deutsche Nationalspieler mit türkischer Abstammung liken, das war einigen Lesern zu viel. Einer mahnt die Vorbildfunktion von Sportlern an, andere fordern unbequeme Entscheidungen.

Zu "Zeit der Krieger" vom 18. Oktober, "Krieg gehört nicht auf den Rasen", 16. Oktober sowie zu "Erst denken, dann liken!" und "Daumen hoch" vom 15. Oktober und "Umstrittenes Doppel-Herz", 14. Oktober:

Mediale Präsenz verringern

Dank an und Hochachtung für die offenen Worte, die Holger Gertz in "Zeit der Krieger" findet. Es ist erfreulich, dass derartige Artikel im Blatt Platz haben. Es würde mich aber auch freuen, wenn die fußballkritische Sicht den entsprechenden Nachhall auf den Sportseiten der SZ fände. Dort wird zwar auch oft kritisch berichtet, aber allein der gigantische Raum, der dort jeden Montag dem Fußball gegönnt wird, relativiert so manches. Was nützt alles "Hinter-die-Kulisse-Schauen", wenn die Redakteure genau diese Kulisse derart aufgeblasen immer wieder unter die Leser bringen. Fußball hätte längst nicht (mehr) diesen quasireligiösen Status sowie viel weniger finanzielle Macht und Einfluss, würden die meisten Medien diesem irren Betrieb weniger Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Dr. Andreas Kleinebenne, Goch

Werte Deutschlands verstehen

Sowohl der DFB als auch Martin Schneider in seinem Kommentar "Erst denken, dann liken" machen es sich zu einfach. Die Spieler Gündoğan und Can "erklären" ihren Like für ein militärisches Foto ihres Kollegen Tosun - und alles ist okay?

Nein, nichts ist okay! Als Träger des Nationaltrikots vertritt ein Spieler die Bundesrepublik Deutschland und deren Werte der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Diese sind nicht in Übereinstimmung zu bringen mit der menschenverachtenden Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan. Und insbesondere nicht mit dem Krieg, den er im Norden Syriens angezettelt hat und in dem unschuldige Menschen sterben.

Wenn nun ein Nationalspieler meint, den militärischen Gruß eines Kollegen liken zu müssen, so zeigt er, dass er nicht verstanden hat, wofür die Bundesrepublik steht. Dies wird auch nicht besser dadurch, dass er nach seinen Toren die Hand zum Herzen erhebt. Diese Geste ist heuchlerisch! Im Falle Gündoğan kommt noch hinzu, dass er wiederholt in Aktion trat, also wohl wirklich nicht begriffen hat, was das Tragen des Nationaltrikots bedeutet. Solch ein Spieler darf Deutschland nicht vertreten!

Alexander Engel, Brüssel/Belgien

Aufrichtige Vorbilder gefragt

Man kann Deutschtürken ihre Kriegsbegeisterung, um nicht zu sagen, Kriegsbesoffenheit, nicht verwehren. Wir hatten das als Deutsche auch schon. Mit der unguten Erfahrung, wie das enden kann. Dies allerdings heutzutage bei internationalen Fußballspielen, vor allem im Ausland, demonstrativ kundzutun, ist nicht nur schlechter Stil, sondern spalterisch und konfliktfördernd und gegenüber Gastgebern geschmacklos und provozierend. Es ist zudem kriegsverherrlichend, was auf Fußballplätzen nichts zu suchen haben sollte. Auf nationaler Ebene betrachtet: Ich bin kein Rechter, aber in das deutsche Nationalteam gehören solche Bekundungen, direkt oder indirekt (über soziale Netzwerke) überhaupt nicht. Absolutes Tabu.

Türkische Fußballer salutieren

Politik im Fußballstadion: Türkische Nationalspieler salutieren in Istanbul in Richtung Ehrentribüne kurz nach Beginn der Offensive des türkischen Militärs in Nordsyrien.

(Foto: dpa)

Die deutsche Nationalmannschaft repräsentiert auch die Bundesrepublik Deutschland, und von ihren Mitgliedern wird auch eine Vorbildfunktion erwartet. Wer sich damit nicht identifizieren kann, sollte Abstand von einer Teilnahme nehmen, oder es sollte ihm nahegelegt werden. Auch wenn dann eventuell ein paar Tore weniger erzielt würden. Özil ist da mit seinem Rückzug durchaus konsequent und vorbildlich.

Die Ausreden von Gündoğan und Can sind für mich dagegen völlig unglaubwürdig. Man erinnere sich an Gündoğans demonstrative Erdoğan-Verbundenheit ("Mein Präsident") mit Fotoshooting vor einiger Zeit. Erklärungen und Wiedergutmachungsbilder mit dem Bundespräsidenten sind für mich wenig überzeugend. Und die Ausreden im Zusammenhang mit seinem Like in der aktuellen Situation ebenso.

Man sollte die Nationalmannschaft nicht damit belasten. Die Bundesrepublik Deutschland bietet Integrationswilligen nach meiner Überzeugung eine relativ gute Bleibe. Aber etwas aufrichtiger Identifikationswille gehört schon auch dazu. Kriegsaffine und demonstrativ distanzierende Verhaltensweisen dagegen definitiv nicht. Sei es aus "Naivität", Ignoranz oder schlichtweg dümmlicher Unbedarftheit. Man sollte Toleranzbereitschaft nicht überstrapazieren.

Diether Augustin, Hamburg

Salutieren ohne Risiko

Ein Vorschlag für alle enthusiastischen, vaterlandsliebenden Männer, die ihre Nation in einem Sport vertreten, der Fairness auf seine Fahnen geschrieben hat: Meldet euch freiwillig zum Dienst an der Waffe und löst damit einen armen Wehrpflichtigen aus, der vielleicht jünger, weniger trainiert und weniger enthusiastisch ist, dessen Mutter oder Oma nicht versorgt sind, wenn er fällt, der nicht so gut situiert ist wie ihr, die ihr genug verdient, um gut zurechtzukommen. Das wäre eine heldenhafte Tat, eine gute Tat, die allerdings des Mutes bedürfte ... Salutieren ohne Risiko ist wohlfeil. Danke an die mutigen Verweigerer: des Kriegsdienstes und des Salutierens.

Andreas Schmidt, Scheuerfeld

Flagge zeigen gegen WM in Katar

Ich habe den Artikel "Zeit der Krieger" mit Tränen in den Augen vor Wut und Trauer gelesen und muss sagen: "Was für ein Wurf!" Was haben skrupellose und korrupte Politiker sowie Funktionäre aus den Weltmeisterschaften der Leichtathletik und des Fußballs gemacht! Früher Festtage im Leben der Sportler und der Fans, heute nur noch das Diktat von Mammon und (Sport-)Politik. Die Fußball-WM 2022 in Katar - ein einziger Skandal und ein Armutszeugnis für die Uefa. Das wäre ein Fanal der traditionsreichen Verbände (England, Frankreich, Italien,Spanien, Holland, Deutschland) gewesen, Flagge zu zeigen und diesem Affenzirkus mit der Wahl von Katar eine einhellige Absage zu erteilen und zu sagen: "Danke schön, aber nicht mit uns."

Wolfgang Laaths, Schwarzenfeld

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Skandale gab es auch früher

Herr Gertz greift meines Erachtens zu kurz, wenn er den zeitlichen Bogen nur zwischen der Gegenwart und der WM 1982 spannt. Einer Zeit, in der der Fußball angeblich "eine andere, eine glücklichere Rolle spielte". Der Griff auf den einstigen brasilianischen Spieler namens Sócrates, mit Vollbart und Doktortitel, der sich öffentlich zur Demokratie bekannte, war wohl zu verlockend.

Hätte Herr Gertz die Zeitspanne nur um vier Jahre verlängert, wäre sein Blick unmittelbar auf die Skandal-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien gefallen, und er hätte noch viel mehr zum Thema "Zeit der Krieger" finden können - als ein mörderisches Militärregime unter den Augen und Ohren der Weltöffentlichkeit Jubelschreie in den Stadien mit den Schmerzensschreien aus den Folterkammern mischte.

Herr Gertz hätte eine weitere Legende - einen Bruder im Geiste Franz Beckenbauers, Berti Vogts - zitieren können, die damals ein Land, in dem Ordnung herrscht, aber keine politischen Gefangenen gesehen haben wollte. Leibhaftig gesehen hatten Vogts und seine Mannschaftskameraden allerdings dann einen im südamerikanischen Exil lebenden ehemaligen Wehrmachtsoffizier namens Hans-Ulrich Rudel, dessen Einladung ins deutsche Mannschaftsquartier durch den damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger erfolgte.

Kritik an diesem Besuch setzte Herr Neuberger damals mit einer Beleidigung aller deutschen Soldaten gleich. Welch erschreckender Bezug zu den salutierenden türkischen Fußballern von heute.

Rainer Huber, Burgebrach

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