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Fußball und Journalismus:Früher war mehr Nähe

Bilder aus vergangenen Zeiten (von links nach rechts): Die Bayern-Größen Hoeneß (1996), Lahm (2010) und Schweinsteiger (2014).

(Foto: imago(3); Bearbeitung SZ)

Uli Hoeneß ruft kaum mehr an, geheime Interviews wie einst mit Philipp Lahm sind heute undenkbar: Das Verhältnis zwischen Fußballer und Reporter hat sich gewandelt. Ist das nun gut oder schlecht?

Von Christof Kneer

Manchmal gibt es das noch: dass auf dem Telefon plötzlich "anonyme Nummer" aufleuchtet. Es ist der Moment, in dem der Puls leicht ansteigt, was man natürlich niemals erzählen würde, weil man ja ein abgebrühter Reporter ist. Als Reporter ist man ja ein cooler Hund, überall schon gewesen, im Estádio Minerão in Belo Horizonte beim berühmten 7:1 der Deutschen gegen Brasilien, oder bei der WM 2010 im Norden Südafrikas, da, wo in einer Kurve ein Schild mit dem sachdienlichen Hinweis "Hitchhiker's Hotspot" steht, weil man da meistens entführt wird. Aber man ist da ungerührt durchgefahren als Reporter, pfff, was soll schon passieren.

Leider hilft keine dieser vergangenen Heldentaten mehr, wenn auf dem Handy plötzlich eine unterdrückte Nummer blinkt. Es gibt nur zwei Menschen, weltweit möglicherweise, die ihre Rufnummer ausgestellt oder vielleicht nie eingestellt haben, und die Tante aus der Truderinger Straße ruft eigentlich nie um diese Uhrzeit an. Es muss also er sein.

Ich weiß, was in den nächsten Sekunden passieren wird. Ich bin ein Hellseher.

Die nächsten Sekunden: Noch zwei-, dreimal klingeln lassen, kurz durchatmen, dann rangehen. Dann die kurze Pause genießen, die er immer lässt, so, als wolle er eine Pointe setzen. Es ist wie ein unabgesprochenes Spiel, ich lasse ihm seine Pause und seine Pointe, und er setzt sie dann auch. "Herr Kneer, hier ist Uli Hoeneß."

Ob früher alles besser war, das weiß man nicht, oder man weiß es zwar, aber es ist Geschmackssache. Mehr Hoeneß war früher in jedem Fall. Uli Hoeneß ruft kaum mehr an, fast gar nicht mehr eigentlich, aber das heißt natürlich nicht, dass er an der Berichterstattung nichts mehr auszusetzen hat. Das hat er bestimmt noch. Aber er hat ja kein richtiges Amt mehr bei diesem Verein, den er gezeugt, ausgetragen, geboren und erzogen hat und der jetzt so tut, als sei er schon groß und könne allmählich ohne ihn.

Uli Hoeneß ruft aber auch wegen Corona nicht mehr an. Es ist nämlich so: Wenn nicht Hoeneß selbst etwas von einem wollte, sondern man selbst etwas von Hoeneß, dann gab es dafür ein präzises Drehbuch. Dieses besagte, dass man ein Word-Dokument öffnen musste, so etwas wie "Hallo Herr Hoeneß, könnten Sie bitte mal zurückrufen?" hineinschrieb, das Papier mit dem Sätzlein an den Redaktionsdrucker schickte und dann, sobald ausgedruckt, direkt daneben ins Redaktionsfaxgerät legte, in dem Hoeneß' Nummer selbstverständlich eingespeichert war. Man hat dann immer hoffen müssen, dass Hoeneß zu Hause ist, dass er oder seine Frau Susi da vorbeilaufen, wo in ihrem Haus am Tegernsee das Faxgerät steht, und dass er dann vielleicht zurückruft. Das hat er tatsächlich oft getan, oft wurden die Gespräche dann ganz gesellig. Anfangs hat er noch ein bisschen geschimpft und gesagt, dass er nix sagen will. Er hat dann aber so lange nix gesagt, dass man nach einer Stunde meistens doch ganz gut Bescheid wusste.

Aber jetzt eben Corona: Welcher Reporter hat im Home-Office noch ein Faxgerät? Ein Handy besitzt Hoeneß zwar, wie glaubwürdige Zeugen gerne versichern. Nur: Er nutzt es halt nicht.

Auch das hat sich geändert, wenn man über den FC Bayern schreibt: dass man das so oft ohne Uli Hoeneß tut. Wenn man heute über den FC Bayern schreibt, dann hat man oft Kontakt mit Leuten, deren Titel zu Hoeneß' besten Zeiten noch nicht mal erfunden war. Man spricht mit Spindoktoren und solchen, die sich dafür halten, man ruft Medienberater von Spielern an, um dann herauszufinden, dass die Spieler noch einen zweiten Medienberater haben, der vielleicht aber auch nur ein Kumpel ist. So genau weiß man das nicht. Wenn man ein offizielles Interview mit einem Bayern-Spieler führt, bekommt man es manchmal dreifarbig zurück. Die Presseabteilung des Vereins hat dann drin rumautorisiert (sagen wir: in Rot), der Medienberater des Spielers hat Anmerkungen gemacht (grün), und er hat es sicherheitshalber noch dem richtigen Spielerberater geschickt, dem auch noch was aufgefallen ist (blau). Manche dieser autorisierten Interviews könnte man ebenfalls an den Redaktionsdrucker schicken, man würde sie allerdings nicht an den Tegernsee weiterleiten, sondern eher in ein Museum für moderne Kunst hängen. Dreifarbiges Gekritzel, mysteriöse Zeichen: Bestimmt ließe sich ein Kunstkritiker finden, der da was reininterpretiert, den Sinn des Lebens oder so.

Ist das jetzt besser oder schlechter als früher? Das ist wahrscheinlich die falsche Frage.

Als ich angefangen habe, über den großen Fußball und den noch größeren FC Bayern zu berichten, habe ich zum Beispiel in der FC-Bayern-Pressestelle angemeldet, dass ich gerne mal mit Bixente Lizarazu sprechen würde. Es war Lizararus letztes Jahr in München, kurz darauf hat er aufgehört. Heute würde man, wenn man ein bisschen Glück hat und von der SZ ist, einen Termin zugeteilt bekommen, und dann säße man in der Geschäftsstelle in einem geräumigen Konferenzzimmer und könnte sich einen Fruchtsaft nehmen. Der Spieler käme pünktlich, begleitet von einem wohlerzogenen Menschen aus der Presseabteilung, und man würde unter Aufsicht ein professionelles Gespräch führen. Bei heikleren Themen - Vertragssituation, mögliche Neuzugänge, Personalpolitik - würde der Spieler in den unsichtbar am Mann montierten Sprachbaukasten mit den vereinspolitisch korrekten Formulierungen greifen, er würde dort zwei, drei Sätze hervorholen, gegen die niemand etwas haben kann. Außer vielleicht der sogenannte Leser, der dann halt nicht erfährt, was der Spieler denkt.

Damals hat Lizarazu selber Cafés vorgeschlagen, mit ein bisschen Glück sogar am Gärtnerplatz. Er kam vielleicht mal eine halbe Stunde zu spät zum Gespräch, le Training, pardon!, aber er ist dafür auch zweieinhalb Stunden sitzen geblieben, und am Ende wusste man, was er von der Personalpolitik des Vereins hält, welcher Neuzugang besonders gut kicken kann und vielleicht auch, welcher Schiedsrichter ein Depp ist. Man hat das selbstverständlich nicht einfach in die Zeitung hineingeschrieben, man war ja von der vornehmen SZ, und vor allem: Man hätte niemals das Vertrauensverhältnis zum Spieler gefährdet.

Dieses Muster, immerhin, hat die Zeiten überdauert: Ein guter Bayern-Reporter muss immer mehr wissen, als er schreibt. Manchmal ist das ein bisschen schade, man würde ja so gerne verraten, dass ... Geht aber leider nicht. Gebrochenes Vertrauen wächst deutlich langsamer zusammen als ein gebrochener Mittelfuß, und schienen kann es auch niemand, nicht mal der Wunderdoktor Müller-Wohlfahrt. Trotzdem galt und gilt: Man kann nicht genug wissen. Jedes Detail - auch und gerade das, das man nicht verraten darf - hilft bei der Einordnung, wenn beim FC Bayern mal wieder die Welt untergeht und man um 15.07 Uhr einen Kommentar schreiben muss, der um 16.30 Uhr fertig sein muss.

Dass man um 16.30 Uhr fertig sein muss, ist übrigens Printlogik. In diesem "albernen Internet", so Hoeneß, muss man immer und niemals fertig sein.

Klar: Früher war mehr Nähe. Ich kann mich erinnern, dass ich in meinen ersten Tagen in diesem Job noch auf die Tartanbahn des Stuttgarter Stadions durfte, eine halbe Stunde vor dem Anpfiff eines Bundesligaspiels, und dann kam der Trainer Magath vorbei und hat einem mit süffisantem Grinsen erläutert, warum der eine Spieler heute spielt oder auch nicht. Und auch im Münchner Olympiastadion (ja, liebe Kinder, da wurde mal Fußball gespielt) kam man nach den Bundesligaspielen in die Nähe des Kabinengangs und konnte die Spieler abfangen, und man war klar im Vorteil, wenn man den Spieler schon vom Gärtnerplatz kannte. Heute gibt es immer noch (wenige) Bayern-Spieler, mit denen man einen Espresso trinken kann (ohne Milch, denn Milch ist für Spieler böse), aber natürlich nur, wenn sich vorher der eine von zwei Medienberatern eingeschaltet hat, der aber vielleicht auch nur ein Kumpel ist.

Aber die Spieler abfangen, direkt nach den Spielen? Schwierig. Nach Bundesligaspielen ist man heute nur noch in zweiter Linie Reporter, in erster Linie ist man Right- oder Non-Right-Holder, im Falle eines Zeitungsreporters also Letzteres. Das heißt, man lauert ganz am Ende der Nahrungskette auf Sätze, die die Spieler vor fünf Fernsehkameras schon gesagt haben. "Ich hab' ja grad schon gesagt ...", sagt Thomas Müller dann manchmal, das ist der Moment, in dem sich der Zeitungsreporter, der diesen Satz selbstverständlich zum ersten Mal hört, seines erbärmlichen Schicksals bewusst wird.

Aber nein: Jammern gilt nicht, selbstverständlich nicht. Als SZ-Reporter muss man die Herausforderung annehmen und Topleistung abrufen, wie der große Ottmar Hitzfeld jeweils sagen würde, und auch das ist ja das Schöne am Job eines SZ-Reporters: dass die Wucht des Mediums einem nicht nur ein paar Zugänge verschafft - sondern dass es das Profil des Mediums auch erlaubt, die Geschichte auch ohne das "Wir wollen morgen übrigens gewinnen"-Zitat zu erzählen. Heute, da jedes echte oder halbechte Zitat binnen Minuten im Internet Karriere macht, ist Deutungshoheit die neue Exklusivität. Und die wirklich guten Zitate sind die, die eine intime Geschichte offenbaren und im Idealfall fußballhistorisch werden - wenn Bastian Schweinsteiger im SZ-Interview also erzählt, wie ihm im "Finale dahoam" 2012 der damalige Chelsea-Verteidiger David Luiz auf dem Weg zum letzten Eckball "And now goal" zuraunte. Wer es nicht mehr weiß: Sekunden später fiel tatsächlich jenes Tor, das Bayerns Niederlage einleitete. Den entscheidenden Elfmeter verschoss derselbe Schweinsteiger, worauf er am nächsten Tag mit dem Hund zur Trauerarbeit an die Isar ging und die Füße ins Wasser hängte (seine, nicht die des Hundes).

Hat er ebenfalls im Interview erzählt, am Gärtnerplatz, nicht in einem geräumigen Konferenzraum auf der Geschäftsstelle. Da erzählt man solche Geschichten nicht.

Würde es das heute noch geben, dass ein Spieler einem ein heimliches Interview gibt wie Philipp Lahm der SZ im Jahr 2009? Ich weiß noch, dass ich mich damals unglaublich konspirativ gefühlt habe, möglicherweise habe ich den Kragen der Lederjacke ein wenig höher gestellt, macht man das nicht so, wenn man in geheimem Auftrag unterwegs ist? Wir wussten ja alle, was dieses Interview auslösen würde. 50 000 Euro Geldstrafe hat Lahm damals bekommen, weil er eine ganze SZ-Seite lang die Vereinspolitik kritisiert hatte - und der Kollege Andreas Burkert und ich sind tage-, nein, wochenlang von anderen Reportern und mehreren Fernsehsendern gelöchert worden. Wie lief das denn mit dem Interview? Hat der Lahm euch herbestellt oder habt ihr ihn auf die Idee gebracht? Könnt ihr nicht in unsere Talkshow kommen?

Man muss als Reporter auch mal schweigen können.

Sind die Spieler heute langweiliger als früher? Auch das ist die falsche Frage. Die Spieler haben heute gar keine andere Wahl, als so aufzutreten, wie sie auftreten, sie wissen das ja sehr genau: dass jeder aus dem Zusammenhang gerissene Satz viel mehr ist als nur ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz. Das war er vielleicht früher bei Lizarazu, schon bei Lahm war er's nicht mehr so richtig. Schon da liefen die Sätze eine Stunde später über die roten Bänder bei n-tv. Heute ist so ein Satz schneller in den sozialen Medien, als er gesagt ist, und er verändert seine Gestalt mit jedem weiteren Klick. Kein Bayern-Spieler kann heute mehr einfach so sagen: Ich kenn' den Timo Werner noch aus der Jugendnationalmannschaft, super Typ, der Timo. Jeder in der Branche weiß ja, dass viele Bayern-Spieler ihren alten Kumpel gerne in der Mannschaft hätten, und so würde dieser Satz heute nach ein paar Klicks so zusammengefasst: Spieler XY fordert: Timo Werner nach München! Oder der Klassiker: Spieler XY geht auf Bayern-Bosse los. Dann sagt er halt lieber nix, der Spieler XY.

Der FC Bayern ist, selbstverständlich zu Recht, für die inzwischen legendäre Presse-auf-die-Fresse-Konferenz kritisiert worden, auf der die hohen Herren im Herbst 2018 im Namen des Grundgesetzes nicht nur alle Journalisten beschimpften, sondern auch die Fußballspieler Özil und Bernat. Aber trotzdem haben die Bayern an diesem Tag auf ihre eigene Art ein Kunststück geschafft: Sie haben an diesem Tag noch mal die alte und die neue Zeit zusammengeführt. Als Uli Hoeneß zu Beginn der Pressekonferenz in Richtung des legendären TV-Reporters Uli Köhler "Schlaumeier" zischte, da war es einerseits 2018, es gab Internet und Hashtags und Twitter; und gleichzeitig war es wieder 1985. Damals haben sich Hoeneß und Köhler auch schon angezischt, sie haben sich gestritten und wieder vertragen, meistens irgendwo im Kabinengang, wo heute kein Mensch und schon gar kein Journalist mehr hindarf.

Das, glücklicherweise, hat sich an der Berichterstattung über den FC Bayern nicht geändert: Uli Köhler, 69, hat seinen Vertrag bei Sky gerade noch mal verlängert.

© SZ/isp/fued
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