Friedrich Merz:Mann mit Eigenschaften

An dem CDU-Politiker, der sich zu Höherem berufen sieht, scheiden sich die Geister unserer Leserinnen und Leser: Die einen halten ihn für couragiert, die anderen für gefährlich.

Friedrich Merz

Der Kandidat stellt sich vor: Friedrich Merz bei der Jungen Union in Berlin.

(Foto: Michael Kappeler/AFP)

Zu "Ich will aber" vom 30. Oktober, "Umsonst geärgert" vom 28. Oktober, "Ziemlich schlechte Lösung" und "Corona bringt CDU in Führungsnot" vom 27. Oktober:

Merz goes Trump...

... und vermutet einen Deep State in der CDU. Fehlt noch die Ankündigung, dass er ein negatives Wahlergebnis nicht akzeptiert. Dass Merz' Ego groß ist, war schon klar, jetzt geht es in Trump'sche Dimensionen.

Kai Franke, Hamburg

Von vorgestern

Die Aussage von Friedrich Merz, der Parteitag der CDU würde verschoben, um ihm zu schaden, ist eines Kanzlerkandidaten unwürdig. Damit hat sich Merz nach meiner Ansicht für den CDU-Vorsitz disqualifiziert. Das ist ein Gejammere auf unterstem Niveau. Wenn Merz Statur hätte, müsste er über solchen Aussagen stehen. Was will er damit erreichen? Dass die Establishment-CDUler ihn wieder mögen? Das wird nicht passieren. Merz ist ein Mann von vorgestern.

Axel Bock, München

Eine Art von Courage

Es ist doch gar keine Frage, Politik muss trotz oder gerade wegen Corona handeln, wenn sie ein gutes Zeichen setzen will, wenn sie zeigen will, dass der Staat und seine Gremien trotz Corona handeln können und nicht gelähmt und außer Kraft gesetzt sind. Es war gestern und ist heute doch klar, dass Friedrich Merz in der Gunst der Delegierten weit vor Laschet liegt. Also liegt es doch nahe, von einem organisierten Feldzug gegen Merz zu sprechen, und es ist keineswegs ungeheuerlich, dass Merz seinen Unmut über diese Verschwörung der CDU-Spitze äußert, eher eine Art von Unerschrockenheit und Courage.

Dr. Helmut Nitsch, München

Überzeugender Wettbewerber

Friedrich Merz kennt die informellen Regeln der Personalfindung in der CDU. Er selbst ist eines ihrer Opfer. Und nun scheint einigen nicht zu gefallen, dass einer nach jahrelanger Distanz zur aktiven Politik ohne die Salbung durch innerparteiliche Netzwerke Vorsitzender und damit wahrscheinlicher Kanzlerkandidat werden möchte. Der mehrjährige Ausstieg aus der Politik macht Merz heute zum Seiteneinsteiger. In dieser Rolle wird er für die Funktionsträger zu einem neuen bedrohlichen Wettbewerber. Er stört die Laufbahnen der etablierten Funktionäre. Er will eine Position einnehmen, die sie als ihre Chance nicht verlieren möchten. Das wirft ein befremdliches Licht auf die Personalfindung in der CDU. Wer nicht durch kontinuierliches Dabeisein und kontinuierlichen Aufstieg Teil eines innerparteilichen Netzwerks ist, wird, meist erfolgreich, weggemobbt. Da wird die persönliche Qualifikation nebensächlich. Nicht selten ist die Zusage eines aussichtsreichen Listenplatzes für die nächste Wahl der Lohn für kritiklose Konsensbereitschaft. Wieso soll die Benennung solcher Machenschaften den Bewerber disqualifizieren? Wieso sachliche Kritik als Wut zu missdeuten sein? Ein "Weiter so" stellt die Weichen für den Abstieg der CDU. Merz hat in Kloster Eberbach überzeugend dargelegt, wie er den verhindern will.

Hans Lafrenz, Hamburg

Harte Bandagen

Derzeit kämpft Friedrich Merz mit harten Bandagen um die Wahl zum CDU-Vorsitzenden und unkt, die Verschiebung des Parteitags sei politisch motiviert. Was interessieren ihn und seine Unterstützer, dass derzeit das öffentliche Leben wegen der Pandemie stark eingeschränkt ist, womöglich wieder weitgehend heruntergefahren werden muss, aber ein Parteitag mit mehr als 1000 Personen "durchgezogen" werden kann, es brauche nur ein entsprechendes Hygienekonzept, und das habe man. Dabei betont Merz stets, dass es ihm nicht um seine Person gehe. Ja, um welche denn sonst! Vielleicht haben er und seine Unterstützer Angst, dass, je länger die Wahl zum CDU-Vorsitzenden und damit wohl auch zum Kanzlerkandidaten verschoben wird, sich seine Chancen verringern, weil er sich in der Corona-Krise nicht publikumswirksam profilieren kann? Oder haben seine Unterstützer vielleicht auch Sorgen, dass er bis zur Wahl in noch mehr Fettnäpfe tritt als bisher schon?

Irmtraud Bohn, München

Nur Zahlen zählen

Irgendwie kommt es mir vor, dass Friedrich Merz primär in Zahlen denkt. Sogar die Menschen reduziert er eigentlich nur auf Zahlen. Wenn ich mit Bankern oder Steuerberatern oder Versicherungsmenschen rede, ist es genauso. Auch die denken in Zahlen. Menschen im menschlichen Sinne kommen darin nur am Rande vor, eher als Störfaktor. Wenn sie überzeugt werden müssen, wenn man ihnen etwas verkaufen will. Ansonsten interessieren nur ihre Dollars. Die CDU wird laut Merz angeblich zu sehr sozialdemokratisiert. Vielleicht ist das ein generelles Problem der C-Parteien?

Otto Große-Mühl, Bramsche

Gefährlicher Kandidat

Als Großmeister des Establishments wetter ich gegen das (Partei)Establishment, als Großverdiener inszeniere ich mich als Kandidat der Basis (des Volkes ), als größtmöglicher Hoffnungsträger behaupte ich, Opfer einer Intrige zu sein. Mit dieser Inszenierung, mit der er endlich alle Medien bespielen konnte, gibt Friedrich Merz einen Vorgeschmack auf die Tonlage des weiteren Wettbewerbs um den CDU-Vorsitz und eines späteren Wahlkampfs. Diese bewusste Polarisierung durch einen Vertreter der Volksparteien, dieses Ich gegen die, können wir uns für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland nicht wünschen. Ich halte Merz nicht für den besseren, sondern für den gefährlich- eren Kandidaten.

Gertraud Loesewitz, München

© SZ vom 06.11.2020
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