Berliner Spreepark:Die Ruine lebt

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Berliner Spreepark: Achterbahnfahrt der Gefühle: Für viele Ostberliner war der Spreepark ein Sehnsuchtsort - bis er immer mehr verwahrloste.

Achterbahnfahrt der Gefühle: Für viele Ostberliner war der Spreepark ein Sehnsuchtsort - bis er immer mehr verwahrloste.

(Foto: Ingo Schulz/imago images)

Aus den Resten des einst beliebten Berliner Rummels im Plänterwald soll eine nachhaltige Kulturlandschaft werden. Über die Magie eines versunkenen Orts.

Von Steffen Uhlmann

Die gute Nachricht zuerst: Die Köpfe sind wieder da. Als die drei betonierten Dinosaurierfiguren im Ostberliner Plänterwald zusammen mit dem dort ansässigen Vergnügungspark zu Beginn der Jahrtausendwende in den Dornröschenschlaf versanken, verschwanden zwei der drei imposanten Köpfe. Doch als Zeitungen über den kuriosen Diebstahl berichteten, tat sich Ungewöhnliches. Über Nacht brachten die Diebe die Häupter zurück - natürlich anonym. Viele Jahre später sollen die drei Dinos und der Park neue Besucher anziehen. Das Ziel: ein nachhaltiger Ort der Kunst und Kultur.

Viele ältere Ostberliner kennen den einstigen Kultur- und Vergnügungspark aus ihren Kindheitserinnerungen. Jüngeren Berlinern ist er dagegen wenn überhaupt als Lost Place bekannt - mal als versunkener Ort mit einer Achterbahn aus der nun Birken wachsen, mal mit wild gewachsenen Algenfeldern auf Wasserflächen, auf denen einst weiße Schwäne als Tretboote schipperten. Ein Park mit verrosteten Stahlskeletten, holprigen Asphaltwegen oder verschlissenen Gebäudefassaden. Überall Natur, die jahrelang ungestört vor sich hin wucherte. Mit bisweilen selbst für Biologen seltenen Gewächsarten. Ein Biotop auf fast 30 Hektar.

Irgendwann eroberten Waschbären und Füchse das Gelände

Als Ostberliner erinnert man sich noch gut an das pralle Leben im Vergnügungspark: das Geschrei, wenn die Clowns Hops und Hopsi ihre Shows abzogen, das sich ständig drehende Riesenrad, aber auch wie man mit der Achterbahn durch ein Drachenmaul schoss. Alles festgehalten auf unzähligen Fotos, in Dia-Shows und Schmalfilmen.

Mehr als 1,5 Millionen Besucher jährlich zählte der Kulturpark zu seinen DDR-Hochzeiten. Mit dem Mauerfall aber war sein Schicksal bald besiegelt. Dabei schien das Überleben gesichert, als Norbert Witte, einer der schillernden Köpfe der westdeutschen Schausteller-Gilde, mit seiner Spreepark GmbH das Gelände übernahm. Witte baute den Park mit Mega-Looping, Wildwasserbahn und diversen anderen exotischen Fahrgeschäften zum Rummel nach amerikanischen Muster um. Für den Schausteller waren das tolle Neunzigerjahre, für die meisten Besucher des Parks auch. Zunächst jedenfalls, spätestens aber zur Jahrtausendwende wendete sich das Blatt.

Besucher blieben mehr und mehr aus. 2001 musste Witte Insolvenz anmelden. Was folgte, gehört inzwischen zu den Legenden des Parks, Dutzende Male in Dokumentationen, Filmen, Büchern oder Hörspielen erzählt. Wittes Auf- und Abstieg: erfolgreiche Jahre im Plänterwald, dann die Insolvenz und seine angebliche Flucht nach Peru mit sechs Rummelattraktionen im Gepäck. Das ging schief, genauso wie der abenteuerliche Koksschmuggel auf der Rückfahrt nach Deutschland. Im Fahrgeschäft "Fliegender Teppich" steckten in dessen Stahlmast 167 Kilogramm Kokain. Die Sache flog auf, lange Haftstrafen für ihn und vor allem für seinen Sohn waren das Ergebnis.

Auch die Nach-Witte-Ära hat dem Spreepark diverse Pleiten, Pech und Pannen eingebracht. Windige und weniger windige Investoren wie etwa die Betreiber des weltbekannten Kopenhagener Tivolis gaben sich die Torklinke in die Hand. Geblieben ist keiner von ihnen. So wucherte statt Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Parks bald nur noch Unkraut auf dem Areal, unzählige Waschbären und Füchse eroberten das Gelände.

Das Ziel: Kunst, Kultur und Natur

Zu allem Überfluss brach 2014 noch ein Großbrand im Spreepark aus und versetzte die einstige alt-englische Dorfattrappe in Schutt und Asche. In Vergessenheit geriet der Park dennoch nicht. Dafür sorgten schon diverse Reiseführer, die den Park als Hotspot für die schnell wachsende Zahl von Touristen beschrieben, die weltweit auf der Suche nach "Lost Places" sind. Seitdem gab es immer mal wieder Führungen durch den verlassenen Ort, mehrsprachig versteht sich.

Nach dem Brand übernahm den Park wieder das Land Berlin und reichte ihn 2016 lastenfrei an die landeseigene Grün Berlin GmbH weiter. Seitdem wurde geplant und gestritten, mehr als vier Jahre lang. Denn diesmal wollten die Besitzer alles richtig machen und der Öffentlichkeit einen Entwurf für das Kleinod an der Spree präsentieren, das von seinen künftigen Nutzern schon vor der Inbetriebnahme abgenickt worden ist.

Im Herbst 2021 bot man den Berlinern noch einmal die Möglichkeit, sich über die Entwürfe der Architekten, Landschaftsgärtner und Künstler zu informieren, in denen auch Vorschläge aus den Bürgerforen Berücksichtigung gefunden haben. Eine Symbiose aus Altem und Neuem soll nun entstehen. Aber keinesfalls ein klassischer Vergnügungspark oder gar Rummel, der nach den Worten von Grün Berlin-Chef Christoph Schmidt, zum Touristen-Hotspot wird.

Dem Konzept liege die Dreieinigkeit von Kunst, Kultur und Natur zu Grunde, sagt Schmidt. Man wolle einen Park, vornehmlich für die Berlinerinnen und Berliner, aber natürlich auch für deren Gäste schaffen. Ein besonderer Ort mit viel Geschichte, der von einem Lost Place zu einer nachhaltigen Kulturlandschaft mutiert. Ein "Kommerz-Park" schließt sich für Schmidt aus. So wird es auch keine privaten Betreiber mit hohen Eintrittspreisen geben.

Der Spreepark wird in Etappen gebaut

Bislang gehört noch viel Fantasie dazu, sich diesen "Stadtnaturkunstpark" vorzustellen. So sollen etwa kleine Gebäude und Pavillons zu eigenständigen Kunstobjekten werden. Den ehemaligen Pavillon der Schwanenfahrt restauriert zum Beispiel eine venezolanische Künstlerin mit einem farbenfrohen Form- und Materialmix. Für Katja Aßmann, die künstlerische Leiterin von Grün Berlin, nur ein Beispiel wie Kunst zum festen Bestandteil des künftigen Spreeparks wird. Im Zweifel, fügt sie hinzu, merke man gar nicht, dass es gerade ein Kunstwerk ist, über das man geht.

Das freilich wird noch dauern. Der Spreepark wird in Etappen gebaut und auch eröffnet. Als erste Station soll im Frühjahr 2023 das denkmalgeschützte und neu sanierte Eierhäuschen eingeweiht werden. Bereits im Jahre 1837 eröffnete die Gaststätte, die nicht zuletzt durch Theodor Fontanes Romanklassiker "Der Stechlin" berühmt wurde.

Geplant ist hier künftig ein Mix aus Gastronomiebetrieb und Kulturhaus. Wo im Dachgeschoss früher Fremdenzimmer waren, entstehen nun vier Atelierwohnungen mit Ausstellungsräumen für Künstler. Draußen vor dem Haus wiederum wird entsprechend seiner Bestimmung als Ausflugslokal mit einem Biergarten plus Terrasse geplant. Ab 2023, so die Planung, folgt Phase II mit Bauarbeiten im Kernbereich des Parks, die ein Jahr später abgeschlossen sein sollen. Attraktion dort natürlich das Riesenrad, das künftig einzige Fahrgeschäft im Spreepark.

Wenn man so will, wird es das dritte Rad in der Parkgeschichte sein. Schon 1969 zur Eröffnung des Vergnügungsparks drehte sich ein aus dem Westen importiertes 40-Meter-Rad. Zwanzig Jahre später folgte Riesenrad Nummer zwei, damals das nach Angaben seines niederländischen Erbauers Vekoma "größte Riesenrad Europas". Es ist inzwischen feinsäuberlich demontiert und wartet auf Sanierung und Wiederaufbau.

Das Riesenrad soll sich ab 2024 drehen

Allein sechs Millionen Euro soll seine Sanierung kosten. Für ein Riesenrad, das unter den Berlinern schon immer zum Teil heftige Diskussionen ausgelöst hat. Als vor Jahren in der Nähe vom Bahnhof Zoo ein 185 Meter großes Riesenrad ­- volle 50 Meter höher als sein Vorbild London Eye - montiert werden sollte, fegte ein Sturm der Entrüstung. Die Pläne wurden daraufhin aufgegeben. Im Kulturpark aber wird sich das Rad ab 2024 drehen, wenn auch mit weniger Fahrgastkabinen im Vergleich zum Vorgängermodell.

Wie auch immer, 2026 dann soll der neue Spreepark komplett fertig sein. Grün Berlin rechnet mit rund 500 000 Besuchern pro Jahr. Mehr könne man der Naturlandschaft nicht zumuten, heißt es. Nicht ausgemacht ist, ob die Besucher Eintritt zahlen müssen. Im Gespräch sind moderate Preise zwischen ein und drei Euro.

Womit schon gesagt ist, dass der Park ohne laufende Zuschüsse nicht auskommen wird. Schon jetzt stellen Bund und Land Berlin 20 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereit. Das aber wird längst nicht ausreichen, um den neuen Park fertigzustellen. Die Planer rechnen mit einer Gesamtinvestition von mindestens 72 Millionen Euro. Die Berliner werden ihren neuen Park wohl zum größten Teil über Steuern selbst bezahlen müssen.

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