Franziska Giffey Mängel im System

Nach dem Plagiatsvorwurf hinterfragen SZ-Leser die Rolle der Lehrenden und den Sinn des Doktortitels an sich.

Abgeschrieben bei der Doktorarbeit oder nicht? Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey.

(Foto: imago images / Bernd Friedel)

Zu "Reformiert die Regeln" vom 1. April: Es ist erstaunlich, dass in der Diskussion über Plagiatsfälle bei Dissertationen die Rollen der Doktorväter und -mütter weitgehend ausgeklammert werden: Haben sie geprüft, ob die Kandidaten die nötigen Grundvoraussetzungen für eine Promotion erfüllen? Ist das Thema promotionsrelevant, und sind die Kandidaten dieser speziellen Aufgabenstellung gewachsen? Haben die Kandidaten regelmäßig über die Fortschritte ihrer Arbeit berichtet? Sind die Doktor-"eltern" selbst mit dem Arbeitsgebiet so gut vertraut, dass sie die einschlägige Literatur kennen und wissen, welche anderen Wissenschaftler sich mit diesem oder einem verwandten Thema befassen? Betrachtet man die in der Öffentlichkeit behandelten Fälle, in denen dem Verdacht auf ein Plagiat nachgegangen wurde, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diejenigen, die diese Doktorarbeiten vergeben, betreut und begutachtet haben, selber sehr schlampig, um nicht zu sagen: verantwortungslos gehandelt haben.

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Berlin

Ich vermisse den Aspekt, dass der Titel für allzu viele der einzige Grund ist, eine Promotion anzustreben. Der Doktorgrad ist diesen letztlich unwichtig, da sie ohnehin keine Absicht haben, wissenschaftlich zu arbeiten. Eine Änderung des Namensrechts, mit Abschaffung des Doktortitels, würde dem Missbrauch der Promotion als Werkzeug des Blender- und Angebertums Grenzen setzen. Ich denke, damit würde die Qualität der Arbeiten deutlich angehoben, viele Ghostwriter und Titelhändler würden arbeitslos. Die Promotion gehört in die Wissenschaft und sollte nur dort von Relevanz sein.

Helmut Fuchs, München

Wegen ihrer kritisierten Dissertation solle sie zurücktreten und ihren Doktorgrad aberkennen lassen. Giffey habe "vom Handwerk wissenschaftlichen Arbeitens nur einen blassen Schimmer" und demonstriere "ein oft naives, fehlerhaftes und verantwortungsloses Verhältnis zu ihrem Fach". Ob und wie der Wissenschaftler Peter Grottian diese Deutungen exakt gemessen hat oder ob das subjektive Meinungen eines politischen Aktivisten sind, legt der Gastautor nicht offen. Er habe sogar präzise ermittelt, dass Giffeys Dissertation "in der Mitte" zwischen denen von Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan zu verorten ist. Wie hat er das gemessen? Warum nicht ein Drittel Schavan und zwei Drittel Guttenberg? Wie wissenschaftlich ist denn das? Dabei benennt Grottian selbst die strukturellen Probleme an Hochschulen: desinteressierte Betreuer, quasi Monopolstellung des Erstbetreuers, durchwinkende Gutachter, passive Kommissionsmitglieder. So gesehen wäre die Giffey-Dissertation eher das Ergebnis massiver Mängel im Universitätssystem, die Autorin eher Opfer. Grottian aber macht sie individuell zur Täterin. Das ist mies und unwissenschaftlich.

Dr. Ulrich Hienzsch, Potsdam