Framing Vom schwierigen Umgang mit Sprache

Mit Bekanntwerden eines externen Leitfadens für die ARD zur Wortwahl in der Berichterstattung ist auch bei SZ-Lesern eine Debatte zum richtigen Umgang mit Worten entbrannt - und darüber, welche Rolle Journalisten hier haben (sollten).

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Zu "Sire, geben Sie Begriffsfreiheit!" und "Eine Marke" vom 23./24. Februar sowie zu "Was ist falsch an der Metapheritis?" vom 21. Februar:

Rhetorische Mätzchen meiden

Natürlich darf man die Framing-Theorie kritisieren. Der Schluss: "Wenn man diese Theorien ernst nimmt und zu Ende denkt, laufen sie auf die Leugnung der staatsbürgerlichen Gleichheit und damit der republikanischen Verfassung hinaus", scheint mir indes völlig überzogen und in dem Essay auch nicht ansatzweise belegt. Er geht im Übrigen, wie ich meine, an der Absicht des ARD-"Manuals" vorbei. Es geht nämlich nicht darum, die Freiheit der Meinungsäußerung einzuschränken oder die Urteilsfähigkeit des Publikums infrage zu stellen. Natürlich müssen Rhetorik und Polemik in der politischen Auseinandersetzung erlaubt sein, so geschmacklos und menschenverachtend sie sein mögen. Sie fallen so oder so auf den Sprecher zurück. Tatsächlich kann man ihnen, wenn man mag, ebenso polemisch entgegnen oder sie entlarven. Nur: Öffentlicher Rundfunk und seriöse Presse sollten bei dem Spiel nicht mitmachen, jedenfalls nicht im Nachrichtenteil. Journalisten sollten sich rhetorischer Mätzchen enthalten und sich Metaphern nur insofern bedienen, als sie Sachverhalte nicht verschleiern oder verbiegen. Stattdessen ist es ihre Aufgabe, polemische Schlagworte auf Wahrheitsgehalt und Absicht zu prüfen. Dazu braucht es keine Framing-Theorie. Es widerspricht ihr aber auch nicht. An ihr eine neue Debatte zu Political Correctness aufzumachen, scheint mir verfehlt. Diese Art von Alarmismus spielt nur denen in die Hände, die wirklich staatsbürgerliche Gleichheit und republikanische Verfassung verachten.

Andreas Kalckhoff, Stuttgart

"Cui bono" gilt schon immer

Jeder, der auch nur etwas hellwach durch die Medienlandschaft wandelt, die Politik verfolgt (das "Gute-Kita-Gesetz") oder die Werbung, wird an den täglichen Manipulationsversuchen durch Framing nicht vorbeikommen. Ich empfinde es als Elisabeth Wehlings Verdienst, mit einfachen Beispielen darauf aufmerksam gemacht zu haben. Wenn der Autor weiter ausführt, dass dann dadurch ja die Menschen in zwei Klassen eingeteilt werden, "eine kleine Gruppe von Wissenden ..., und eine bestenfalls halbbewusst dämmernde Masse, die davon bestimmt wird" - empfinde ich das als ein gezieltes Angstszenario (Vorsicht! Framing!), bei dem ich mich frage: "Was soll das?" Jeder Mensch kann sich nämlich zum Glück trotzdem seine eigene Meinung bilden, und das wussten schon die alten Römer: Durch die einfache Frage "Cui bono" - wem nützt es. Niemand ist also dem Framing schutzlos ausgeliefert - man muss einfach kritisch bleiben. Ein Nachsatz zum Thema: Was mich besonders verwundert, ist, dass der Autor nur einen für mich verständlichen Abwehrversuch der ARD gegen negative Framings von rechts thematisiert - diese Framings von rechts aber offensichtlich in Ordnung sind.

Christopher Bodirsky, Hannover

Objektives Denken gibt es

Dem Kommentar von Detlev Esslinger "Eine Marke" muss ich widersprechen. Er zitiert die Linguistin Elisabeth Wehling: "Entgegen dem gängigen Mythos entscheidet der Mensch sich nicht aufgrund ,objektiver' Abwägung von Fakten für oder gegen Dinge", schreibt demnach Wehling. "Objektives, faktenbegründetes Denken gibt es nicht." Als allgemein gültige Aussage kann diese Behauptung nicht bestehen bleiben. Ich kann nur aus meinem Fachbereich der Forschung und Entwicklung heraus urteilen. Dort ist es genau das oberste Bestreben und auch gelebte Realität, dass Entscheidungen technischer Art ausschließlich und ganz bewusst rein auf der Grundlage von sachlichen Erwägungen erfolgen. Rein subjektiv möchte ich zumindest für mich feststellen: Wichtige Entscheidungen treffe ich grundsätzlich nach genauer Abwägung und Bewertung aller mir bekannten Fakten. Somit verweise ich die Aussagen von Frau Wehling in den Bereich der Fabel, zumindest was den technisch wissenschaftlichen Bereich angeht.

Georg Schwojer, Pflaumdorf

Rat an die Parlamentarier

Frau Wehling, deren bereits zwei Jahre zurückliegende Beratertätigkeit für die ARD dem Autor aktuell (... wohl etwas spät, oder?!) den Impuls für seinen ausufernden Griff zur Feder lieferte, hat nicht nur mir seit einigen Jahren Augen und Ohren für den öffentlichen Sprachgebrauch weltweit geöffnet. Vor dem Hintergrund ihrer Analysen und Erörterungen tauche ich täglich wachsamer in den 24/7-Sprach- und News-Strudel ein. Mit Rüstzeug, das ich aus der Lektüre der Arbeiten von Frau Wehling gewonnen habe, schöpfe ich Mut für die Auseinandersetzung etwa mit den Positionen, die sich da auf dem rechten Flügel politisch etabliert haben. Besser gerüstet mit den Einsichten und Klarstellungen von Frau Wehling könnten auch parlamentarische Vertreter erfolgreicher politisch unterwegs sein.

Heinz Bossert, Aremberg

Das konnten schon die Dichter

Was Elisabeth Wehling mit dem Begriff des "Framing" umreißt, ist doch ein alter Hut. Spätestens seit dem Strukturalismus und seit der Diskurstheorie Michel Foucaults weiß man um die Kontextualität von Sprache. Von der gezielt provozierten Konnotation bestimmter Wörter lebt die gesamte Dichtung; das war eigentlich schon immer bekannt. Elisabeth Wehling hat alte Erkenntnis in eine neue Tüte gepackt; vielleicht sollte man das alles nicht so ernst nehmen.

Ingo Quak, Werne

Framing ist menschlich

Sprache ist ein Ergebnis der Untrennbarkeit von Emotionen, Intuition und Kognition. So war Noam Chomsky mit dem Verständnis von Sprache als Oberflächenstruktur bereits nahe an der Quelle. Framing, wie Sprache selbst, kann aus dem Zusammenwirken von Emotions- und Kognitionssystem und folgenden Denkprozessen verstanden und erklärt werden. Das Zitieren von vermeintlichem Wissen im Beitrag zeigt, was offensichtlich ist: Framing ist nicht in einer Wissenschaft zu finden. Framing ist etwas zutiefst Menschliches.

Über Framing lässt sich allerdings vortrefflich schreiben, wie es dem SZ-Autor Gustav Seibt auf eloquente Art und Weise gelingt. Zitat: "Die Theorie des Framings glaubt nun, solche Sprachmanöver hätten unfehlbare, zwangsläufige Wirkung, jedenfalls wenn man sie lange und konsequent genug betreibe. Sprache wirkt, heißt das, und zwar vorrational, unbewusst, direkt über das Gehirn und seine Neuronen." Hinter diesem Wortfeuerwerk wird offensichtlich, Framing, Cognitive Biases, Priming sind keine Verzerrungen. Alle Effekte sind Kreationsprozesse, die im Emotionssystem initiiert und durch das Kognitionssystem als Oberflächenstruktur sichtbar werden.

Richard Graf, Königstein im Taunus

Vorsicht, Falle

Die Crux mit der Sprache! Dem Beitrag des Linguisten Lobin stimme ich inhaltlich zu. Leider verwendet der Autor selbst "framende" Begriffe, wenn er verharmlosend die Naziherrschaft als Drittes Reich oder die Ermordung psychisch Kranker als Euthanasie (schöner Tod) bezeichnet.

Bernhard Jahn, Berlin

Gefährliche Metaphern

Am wirksamsten sind Metaphern, die sich so sehr durchgesetzt haben, dass sie kaum mehr als Metaphern empfunden werden. In der Flüchtlings-/Migrantenfrage gehört hierher die Rede vom Schutz der europäischen Grenze. "Schutz" impliziert, dass da jemand ist, der mir Böses antun will, ein Feind, gegen den ich mich verteidigen muss. Und daher müssen wir uns eben vor den "anstürmenden" Flüchtlingsmassen schützen - da kommt einem ganz schnell die Trump'sche Mauer an der Grenze zu Mexiko in den Sinn - denn genau darum geht es uns eigentlich: die europäischen Grenzen dichtzumachen.

Peter Gäng, Berlin