Als der Meteorit in ihr Leben kracht, sind Wilfried und Birgit Labusch zu Hause. Er liest Zeitung im Wohnzimmer, sie ist gerade im Bad, es ist ein ganz normaler Dienstag im April. Bis es gegen 14 Uhr plötzlich laut knallt. "Als ob ein Blitz direkt neben unserem Haus eingeschlagen hätte. Ich habe mich so erschrocken, dass ich vom Stuhl hochgesprungen bin", sagt Wilfried Labusch.
Das Ehepaar wohnt in einem Haus in Elmshorn, einer Stadt in Norddeutschland. Als der Rentner nach draußen rennt, sieht er zerbrochene Dachziegeln vor der Tür, im Hausdach klafft ein Loch. Dann entdeckt er einen merkwürdigen schwarzen Stein: groß wie ein Tennisball, mit samtiger Oberfläche, einige Ecken abgeschlagen. "Als ich ihn aufhob, war er noch warm und ungewöhnlich schwer", erzählt Labusch. "Ich wusste sofort, dass dieser Stein etwas Besonderes ist." Vielleicht ein Meteorit?
Das Ehepaar ruft bei der Zeitung an, kurze Zeit später wimmelt es im Garten von Reportern. Sie kommen aus ganz Deutschland und stellen viele Fragen, denn so ein Fall ist sehr selten: Nur etwas mehr als tausend Meteorite hat man weltweit bisher gefunden - die meisten in der Arktis und Antarktis, weil man sie auf dem Eis gut sehen kann. In Deutschland wurden 53 Steine entdeckt.
Als der Rentner den Stein aus dem All aufhob, war er noch ganz warm
Viele davon landen bei Dieter Heinlein in Augsburg. Für das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum untersucht der Physiker fast alle gefundenen Meteorite. Auch der Stein aus Elmshorn trudelte gut verpackt und gepolstert bei ihm ein. Er sagt: "Es ist tatsächlich ein Meteorit, der aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter stammt." Er sei etwa 4,6 Milliarden Jahre alt, also älter als die Erde. "Wahrscheinlich wurde er bei einem Zusammenstoß von Asteroiden abgeschlagen und ist dann viele Millionen Jahre um die Erde getrudelt, bevor er mit etwa 70 000 km/h auf die Erdatmosphäre getroffen ist." Da wog er wohl noch etwa 100 Kilogramm, stürzte weiter Richtung Erde und ist dabei zum Großteil verdampft.
Außerdem ist der Elmshorn-Meteorit zerbrochen, denn nicht nur bei den Labuschs ist ein Stück aufs Hausdach geknallt, insgesamt wurden 21 Stücke gefunden. Das schwerste mit 3,7 Kilogramm bohrte sich bei einer Familie 40 Zentimeter tief in den Rasen. Sie trauten sich nicht, den Stein anzufassen, weil sie befürchteten, dass er radioaktiv strahlen könnte. "Doch Steine aus dem All sind sogar weniger radioaktiv als unsere Luft, also ungefährlich", sagt Heinlein. Dass man sie nur mit Handschuhen anfassen sollte, hat einen anderen Grund: Ihre empfindliche Schmelzkruste soll geschont werden. Denn daraus können Forschende viel erfahren.

Dieter Heinlein streift also weiße, feine Handschuhe über, als er den Meteorit präsentiert. Der Elmshorn sieht aus wie ein verkohlter Stein, an einigen Bruchstellen kann man sein Inneres sehen - es ist hellgrau und fein gesprenkelt. In Heinleins Labor liegen noch mehr Meteorite: Steinmeteorite aus dem Mantel der Asteroiden, Eisenmeteorite aus ihrem Kern und Stein-Eisen-Meteorite aus dem Übergangsbereich zwischen Kern und Mantel. Einige hat der Forscher mit einer großen Säge aufgeschnitten, um sie genauer zu untersuchen. Im Inneren glänzen sie silbern. Andere sehen auf den ersten Blick aus wie unscheinbare Steine. Nur bestimmte Tests, zum Beispiel ob sie Nickel enthalten, verraten, dass der Stein aus dem Kosmos stammt.
Laut Berechnungen prasseln jeden Tag etwa sechs Tonnen Gestein aus dem All auf die Erde herab. Nur selten bekommen wir davon etwas mit, weil die meisten Teile so klein sind, dass sie direkt beim Eintritt in die Atmosphäre verglühen. Größere Teile hingegen nehmen wir als Sternschnuppen wahr. Nur ein Bruchteil schafft es tatsächlich bis zur Erdoberfläche, erst dann spricht man von Meteoriten.
Viele davon werden allerdings gar nicht gefunden, dabei sind Meteorite echte Schätze: Wer einen findet, dem gehört er auch. Wilfried und Birgit Labusch hoffen, ihren Stein für etwa 20 000 Euro verkaufen zu können - an private Sammler oder ein Museum. Am wertvollsten sind die Steine aber für die Forschung, weil sie als Gedächtnis unseres Planeten gelten: "Sie liefern uns wichtige Informationen über die Entstehung des Sonnensystems und der Erde", erklärt Heinlein. Die Mineralien, die in dem Stein stecken, geben Hinweise auf die Zusammensetzung der Asteroiden im All, an die man sonst nicht so leicht herankommt. "Wenn man überlegt, was eine Mars-Mission kostet - und hier plumpst einem ein Stück extraterrestrische Materie einfach vor die Füße", sagt der Forscher. Er vermutet, dass es noch mehr Teile des Elmshorn-Meteorits gibt. Dafür hat er ein Streufeld errechnet, eine Art Schatzkarte. Die teilt er gerne und hofft, dass sich nicht nur Profi-Meteoritenjäger auf die Suche machen, sondern so viele Menschen wie möglich. Du vielleicht auch?
Der Elmshorn-Meteorit ist auf der "Munich Show - Mineralientage München" vom 26. bis 29. Oktober zu sehen. Auch alle Finder und Dieter Heinlein werden vor Ort sein.
