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Folgen der Pandemie:Bitte maßhalten!

Dass die Regierung das öffentliche Leben derart einschränkt zur Eindämmung des Coronavirus, rechtfertige nicht das Aussetzen gleich mehrerer Grundrechte, monieren Leser. Die Dynamik der Entwicklung bereitet vielen ernste Sorgen.

Everyday Life Fundamentally Altered As Measures To Stem Coronavirus Spread Are Tightened; Everyday Life Fundamentally Altered As Measures To Stem Coronavirus Spread Are Tightened

Polizisten im Einsatz beim Absperren der Straße an der deutschen Grenze zu Österreich bei Grainau nahe Garmisch-Partenkirchen.

(Foto: Getty Images)

Zu "Um jeden Preis" vom 17. März:

Für alle Regeln eine Frist setzen

Beim Lesen dieses Artikels bin ich erschrocken, wie brutal meine demokratischen Reflexe in den letzten Tagen versagt hatten. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus habe ich alle Dekrete und Erlasse der Regierung hingenommen, ohne kritisch zu hinterfragen, ob damit meine demokratisch verankerte Freiheit auf dem Spiel steht. Wie alle Welt.

Kein Zweifel, in der jetzigen Notlage und beim heutigen Wissensstand haben die Regierenden das wahrscheinlich Richtige getan. Aber wenn die Politiker jetzt meine Grundrechte auf Freiheit außer Kraft setzen, dann bitte nur mit einem automatischen Verfallsdatum ihrer Verbote und Einschränkungen. Meine Rechte will ich nach einer Frist wiederhergestellt wissen. Automatisch! Der Bürger soll nach einer festgelegten Zeit alle seine Freiheitsrechte wieder zurückbekommen. Ausnahmslos! Auch die Kontrollen an den EU-Binnengrenzen müssen wieder eingestellt werden, ohne mühsames Verhandeln. Ich vertraue auf die Sensibilität der Beamten, dass sie solche Ausnahmeklauseln bei der Niederschrift der Beschlüsse zu Papier bringen.Marcell von Donat, München

Zweifel an der Angemessenheit

Laut Pressemitteilung des Robert-Koch-Instituts vom 30. September 2019 sind bei der Grippewelle 2017/2018 25 100 (!) Menschen in Deutschland durch das Influenzavirus gestorben. Das sei die höchste Zahl an Todesfällen in den vergangenen 30 Jahren, hieß es. Unser Gesundheitswesen war mit der Behandlung zwar erheblich belastet, ist aber nicht kollabiert. Einschränkungen bei den individuellen Rechten, Freiheiten gab es nicht. Vor diesem Hintergrund bestehen bei der Anzahl der an einer Corona-Infektion Verstorbenen erhebliche Zweifel, ob die beschlossenen Eingriffe in die Grundrechte angemessen sind.

Johannes Hoffmann, Lübeck

Depressionen befürchtet

Endlich weist jemand auf die Vielschichtigkeit der Problematik hin. Es ist zum Verzweifeln, wie viele Menschen zur Aufgabe ihrer Grundrechte regelrecht aufrufen. Die allgemeine Panik, geschürt durch die täglich veröffentlichten neuen Todeszahlen, scheint eine objektive Analyse der aktuell massiven Umwälzungen zu verhindern.

Was das mit einer Gesellschaft macht, so lange eingesperrt zu sein (häusliche Gewalt, Depressionen, Psychosen, Suizid) kommt in der Diskussion überhaupt nicht vor. Klar, epidemiologisch scheint es der richtige Schritt zu sein, aber die Diskussion, ob die langfristigen Konsequenzen für die Gesellschaft nicht noch dramatischer werden, scheint tabu zu sein. Abgesehen davon, dass ein Präzedenzfall geschaffen wird, die freiheitliche Grundordnung, für die auch schon Leute gestorben sind, auszuhebeln.Marc Zimmermann, München

Paar Wochen für die Gesundheit

Wird die Gesellschaft wirklich in eine tiefe Depression gestürzt, weil soziale Kontakte für ein paar Wochen reduziert werden müssen? Ist der Vergleich der Maßnahmen, um das Virus in seiner Verbreitung einzudämmen, mit den Maßnahmen einer rechtspopulistischen Machtübernahme wirklich vergleichbar? Schön, dass Autor Schlott sich darüber Gedanken macht, für nachvollziehbar halte ich das Ergebnis nicht.

Natürlich sind wir als Einzelpersonen in unserer Freiheit temporär erst mal eingeschränkt, aber wenn diese Restriktionen dem Großteil der Gesellschaft, die auch wieder aus genau diesen Individuen besteht, gesundheitlich nutzt, ist das doch richtig! Lassen wir doch die Kirche im Dorf, wir reden hier von einer zeitlich begrenzten Situation und nicht über die Abschaffung der Bürgerfreiheiten in alle Ewigkeit.Veronika Ziegaus, Braunschweig

Wirtschaftskrise zerstört Leben

Als ich Anfang der Achtzigerjahre meinen Wehrdienst ableistete, war mir klar, dass ich bei der Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundrechte im Ernstfall mein Leben verlieren konnte. Es gibt Dinge, die sind wichtiger als das Leben, und die Freiheit gehört dazu. Das war gesellschaftlicher Konsens. Welch ein Gegensatz zur gegenwärtigen Situation! Um vorgeblich ein paar Tausend Menschleben zu retten, werden gerade ohne jede parlamentarische Kontrolle viele bedeutende Freiheiten abgeschafft: Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit zur Lehre und Forschung, Freiheit der Berufsausübung, Gewerbefreiheit, Reisefreiheit. Nicht nur wegen ihres ideellen Werts sind diese Freiheiten von Bedeutung, sie sind die Grundlage des Weltwirtschaftssystems; ohne sie kommt die Weltwirtschaft zum Stillstand.

Die Regierungen praktisch aller wirtschaftlich bedeutenden Länder sind in seltenem Einklang gerade dabei, eine Weltwirtschaftskrise zu generieren, wie sie es seit 1929 nicht mehr gegeben hat. Moody Analytics vermutet in seiner letzten Studie, dass allein in den USA 27 Millionen Jobs stark und weitere 52 Millionen Stellen moderat gefährdet sein werden. Das ist die Hälfte aller amerikanischen Arbeitsplätze!

Virologen mögen viel von der Dynamik einer Epidemie verstehen, von der Dynamik eines Wirtschaftssystems verstehen sie aber ganz offensichtlich nichts. Zu glauben, man könnte die Wirtschaft einfach anhalten und dann nach einer schweren weltweiten Rezession wieder loslaufen lassen, um genauso weiterzumachen wie bisher, ist von einer fast schon verbrecherischen Naivität. Wenn die Regierungen der Welt nicht schnell und massiv umsteuern und die Corona-Maßnahmen so stark reduzieren, dass wieder ein vernünftiges Leben und Wirtschaften möglich wird, werden wir in einen wirtschaftlichen Stillstand schlittern, der deutlich mehr Menschleben kosten wird, als es das Coronavirus je könnte. Wir vergessen immer wieder gern, dass in den vergangenen 30 Jahren Hunderte Millionen Menschen aus bitterer Armut geführt wurden. Nichts zerstört dieses wahrhaft humanitäre Werk schneller und gründlicher als eine Weltwirtschaftskrise. Insofern bleibt die Frage, wen unser Bundespräsident Steinmeier meint, wenn er Solidarität einfordert? Die Alten in Heimen, die jungen Familien, denen zur Zeit die Decke auf den Kopf fällt, oder die Hunderten Millionen Menschen in der Dritten Welt, mit deren Zukunft gerade gespielt wird. Dr.-Ing. Friedrich Böbel, Eurasburg

Terror im Namen der Tugend

"Der humanitäre Dammbruch ist da" und "Gesundheitsdiktatur" - der Artikel fasst eine richtige Besorgnis in die richtigen Worte. Die Corona-Krise ist die Stunde der Moralisten, der Machtmenschen, die unter dem Deckmantel der Vernunft endlich Anderen vorschreiben können, was sie zu tun haben. Im Privaten ebenso wie in der Politik. Terror im Namen der Tugend, das Robespierre-Syndrom. Wir haben die Pest überlebt und auch die spanische Grippe von 1918/19. Die Maßnahmen gegen den Virus können mehr Schaden anrichten als der Virus selbst. Bewahren wir Augenmaß. Dr. Ulrich Hartmann, Offenburg

Nichts ist alternativlos

Es ist erschreckend, wie bereitwillig wir derzeit jeden noch so drastischen Eingriff der Exekutive in den eigenen persönlichen Lebensbereich hinnehmen. Wo bleibt das Maß, wo die Prüfung der Verhältnismäßigkeit? Natürlich lässt sich die Ausbreitung einer Krankheit eindämmen, wenn alle Menschen wochenlang zu Hause bleiben müssen. Aber es lassen sich auch Verkehrstote verhindern, wenn niemand mehr Auto fahren darf, und Lungenkrebspatienten, wenn Rauchen verboten wird. Nur machen wir das zu Recht nicht, da hier eine Interessenabwägung vorgenommen wird. Das Schließen von Läden, Restaurants und Kultureinrichtungen mag geeignet sein, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Aber ganz sicher ist es nicht alternativlos, da auch maßvolle Begrenzungen der Nutzung möglich sind. Wir müssen jetzt nicht nur die Ausbreitung einer Viruskrankheit verlangsamen, sondern auch anfangen, unverhältnismäßigen Eingriffen in die Freiheitsrechte entgegenzutreten. Nur so können wir dafür sorgen, dass unsere freiheitlich demokratische Grundordnung nicht das eigentliche Opfer des Coronavirus wird. Andre Störr, Weimar

Danke für humane Gesellschaft

Meine Frau und ich sind beide 80 Jahre alt und mit Vorerkrankungen durch eine Infektion mit dem Coronavirus sehr gefährdet. Wir sind beide während des Dritten Reichs geboren, damals wurden Kranke, Behinderte und Alte umgebracht. Es berührt uns zutiefst, dass unsere Gesellschaft, um das Leben von Kranken und Alten zu schützen, auf Konsum, Einkommen, Bewegungsfreiheit, Vergnügen, Kontakte verzichtet und so ihr wahrhaft humanes Gesicht zeigt. Es ist nicht der anonyme Obrigkeitsstaat, der die Menschen einem Experiment mit völlig ungewissem Ausgang aussetzt, es sind unsere gewählten Vertreter, die aufgrund wissenschaftlicher Fakten und mit großem persönlichen Einsatz die notwendigen Maßnahmen beschließen. Und bildet es unsere Kinder nicht mehr, wenn sie erleben, wie ihre Umwelt mit dieser Extremsituation umgeht und wie sie damit zurechtkommen müssen, als wenn sie weiter zur Schule gingen? Sollen Tausende Menschen sterben, weil wir weiter ins Kino, ins Restaurant, ins Theater, ins Konzert gehen wollen? Walter Rackensperger, Fürstenfeldbruck

Individualismus als Dogma

Individualismus um jeden Preis! Das ist es, was René Schlott angesichts der Corona-Seuche fordert. Wenn die Menschen bei uns die Bereitschaft zeigen, sich eine Zeit lang in ihrer Freizügigkeit einzuschränken und entsprechende Maßnahmen der Behörden bereitwillig mitzutragen, dann müssen sie sich von diesem Autor als naives Herdenvieh verdächtigen lassen.

Hier wird der Individualismus zum unfehlbaren Dogma und das solidarische Miteinander in einer schweren Notlage zur Belanglosigkeit erklärt. Hier werden die ehrwürdigsten Argumente zur Verteidigung liberaler Lebensformen zu reflexhaft herausgeschleuderten Phrasen entwertet. Eine freiheitliche Ordnung kann nicht ohne zeitweiligen Verzicht auf gewisse Freizügigkeiten Bestand haben, wenn es gilt, eine medizinische und humanitäre Katastrophe abzuwenden. Peter Berger, Burgau

© SZ vom 20.03.2020
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