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Flüchtlingskrise:Anklage und Heuchelei

Mario Fortunatos Hilferuf aus Italien hat unterschiedliche Reaktionen von Lesern hervorgerufen.

MOAS Search For Migrants On The Mediterranean

Eine private Hilfsorganisation auf Malta sucht nach Geflüchteten auf dem Mittelmeer vor Lampedusa.

(Foto: Getty Images)

"Nullkommanull" vom 18. Juli:

Umgehend zurückbringen

Der Hilferuf des italienischen Schriftstellers Mario Fortunato für sein Land ist zwecklos. Italien wird wegen des wachsenden Flüchtlingsstroms von der EU keine wirksame Hilfe erwarten können. Denn die Migrationswelle über den Balkan im Jahre 2015 hat die Bereitschaft zur weiteren Aufnahme von Flüchtlingen in allen EU-Ländern deutlich sinken lassen. Die gerechte Verteilung ist ja schon damals gescheitert. Es ist ein legitimes Recht eines jeden Staates, autonom zu entscheiden, ob er Migranten aufnehmen will und wie viele, weil die Integrationsfähigkeit Grenzen hat und der Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet ist. Es ist eine Frage des nationalen Überlebens. Kein EU-Land wird sich da von Brüssel etwas vorschreiben lassen. Anderenfalls wird die EU daran zerbrechen. Europa ist weder bereit noch in der Lage, Millionen von afrikanischen Flüchtlingen aufzunehmen. Das Gerede der Politik davon, man dürfe den Schleppern das Geschäft nicht erleichtern, ist hohl, wenn man die Geretteten nicht umgehend wieder auf das afrikanische Festland zurückbringt. Alles andere führt nur dazu, dass sich noch mehr Menschen auf die Reise machen.

Stefan Kaisers, Gießen

Praktikum im Lager

Danke, Mario Fortunato! Der Artikel sollte allen, die in und an den vielen, nicht mehr überschaubaren Institutionen, staatlichen, politischen, kirchlichen oder sonstigen Stellen und Organisationen bis in die höchsten Ämter der Entscheidungsträger, mit dem Thema: Integration, Flüchtlingsfrage, Migration beruflich oder ehrenamtlich beschäftigt sind, als Pflichtlektüre vorgelegt werden. In klaren, unpathetischen, für jeden nachvollziehbaren, nicht geschönten Informationen wird das, - unser - Kernproblem auf den Tisch gelegt. Wirkungsvoll wäre vielleicht, wenn jeder Entscheidungsträger auf jeder Ebene, eine Woche in einem italienischen, griechischen oder nordafrikanischen Flüchtlingslager arbeiten würde oder - am sinnfälligsten -, der nächste europäische, Millionen verschlingende Großgipfel, dort vor Ort stattfände. Und weiter, dass jeder, der für diese

oder jene Regelung in der Asylbewerber-/Flüchtlingsthematik zuständig ist, regelmäßig den Rat konkreter Erfahrung derer einholt, die vor Ort in der Asylberatung, in Asylbewerberheimen und Schulen arbeiten.

Helga Müller-Bardorff, Garmisch-Partenkirchen

Gewissen der Menschheit

In bester Manier eines Émile Zola fordert Mario Fortunato mit seinem leidenschaftlichen und durchaus patriotisch kolorierten Plädoyer mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung von Flüchtlingen innerhalb Europas.

Unstrittig ist: Seit gut einem Jahr hat Italien den Schwarzen Peter in Sachen Flüchtlingsversorgung, und das Land (und vor allem dessen Bürger) kommt langsam an sein Limit. Eine brisante Frage aber lässt Fortunato leider unbeantwortet: Wer wird, quasi als logische Konsequenz des Ganzen, "die Situation von einer Sekunde zur anderen explodieren" lassen: Sollten es die überlasteten Sizilianer, Kalabresen oder Apulier sein oder womöglich gar Teile der Flüchtlinge, welche die Unerträglichkeiten eines Lagerlebens nicht mehr aushalten wollen oder können? Die Lage ist ernst - es müssen nun langfristige Lösungen her.

Indem Fortunato die Unterscheidung von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen furios verwirft und die geradezu bizarr anmutende Nicht-Tätigkeit des EU-Apparates zynisch skizziert, verleiht er, frei nach Zola, für einen Augenblick dem Gewissen der Menschheit Ausdruck: Ich klage an den Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, sich, zumindest aus politischer Schwäche, zum Komplizen einer der größten Ungerechtigkeiten des Jahrhunderts gemacht zu haben.

Hans Watermann, Bornheim-Hersel

© SZ vom 26.07.2017

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